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Schmetterling und Taucherglocke PDF Drucken

Ein Flügelschlag geht unter die Haut

In "Schmetterling und Taucherglocke" malt Schnabel ein brillant verschwommenes Bewegt-Bild

Julian Schnabel ist nicht nur ein bekannter Maler sondern auch ein talentierter Regisseur. Die Lebensgeschichten prominenter Persönlichkeiten interessieren ihn besonders. In seinem dritten Spielfilm beschäftigt er sich auch mit elementaren Fragen des menschlichen Daseins. 

von Johannes Bock

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März 2008 „Ich möchte sterben.“ Das ist die Reaktion von Jean-Dominic Bauby als er sich des vollen Ausmaßes seiner persönlichen Katastrophe bewusst wird. Der 42-jährige Chefredakteur des französischen Mode- und Lifestyle Magazins „Elle“ leidet am Locked-In-Syndrom. Diese sehr seltene Krankheit hatte er sich nach einem Hirnschlag zugezogen. Bauby ist zur vollkommenen Bewegungslosigkeit verurteilt. Er kann nicht sprechen, schreiben, essen oder fühlen. Lediglich sein linkes Auge ist noch funktionstüchtig, und sein Gehirn. Wie also fühlt man sich, wenn man in einem bewegungsunfähigen Körper gefangen ist, wenn man nicht mehr verstanden wird, sich nicht bemerkbar machen kann und mit seinen Gedanken plötzlich ganz allein ist? Nicht nur für Autoren und Journalisten ist das eine Horrorvorstellung.

Kleine Dinge von Bedeutung

Aber Bauby (Mathieu Amalric) hat Menschen um sich, die ihm helfen. Seine Krankenschwester und die Logopädin kümmern sich mit Hingabe um den Patienten. „Sie sind meine größte Aufgabe, und ich werde alles daran setzen erfolgreich zu sein,“ sagt die Sprachtherapeutin (Marie-Josée Croze) zu ihm und weiß genau, was sie sich damit vorgenommen hat. Sie entwickelt ein Alphabet, in dem die Buchstaben nach der Häufigkeit ihres Gebrauchs sortiert sind. Ist der richtige Buchstabe erreicht zwinkert der Patient mit dem Augenlid. Einmal heißt Ja, zweimal Nein. Langsam und umständlich ist diese Art der Kommunikation, und doch wird sie im Verlauf des Films zu einer Art Rettungsboot.

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E, S, A, R, I, N, T, U, L …  dieser sich immer und immer wiederholende Akt der Wortschöpfung bestimmt fortan den Zustand der menschlichen Existenz des ehemals erfolgreichen Redakteurs. Der Lebemann, der sich neben seiner Frau und den Kindern auch stets eine Geliebte leisten konnte, der Autos als teure Spielzeuge ansah und in der Welt der Mode und schönen Oberflächlichkeiten zu Hause war, ist nun auf die kleinsten Teile der menschlichen Kommunikation reduziert. Aber diese Kleinigkeiten, so merkt Bauby, haben Kraft und Bedeutung. Nach und nach lernt er sie zu schätzen und zu nutzen, um seine Geschichte niederzuschreiben. Mehr und mehr beginnt er seine Imagination gezielt einzusetzen um seinem erstarrten Körper zu entfliehen. Dann taucht er, nur an einer dünnen Nabelschnur hängend, hinunter in die Fluten der Meere, in eine Welt der maximalen Isolation und zugleich grenzenlosen Weite.

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Der Blick durch die Linse

Der Maler und Regisseur Julian Schnabel inszenierte die Geschichte nach einer wahren Begebenheit. Subjektiv, unspektakulär und zugleich poetisch ist die Bildsprache mit der er arbeitet. Er verwendet die Mittel des Films auf verblüffend einfache Weise. So setzt er subjektive Kamerapositionen und überraschende Schnitte ein, um zwischen dem äußeren Blick des Beobachters und der inneren Gedankenwelt des Protagonisten umzuschalten. Durch ein begrenztes, an den Rändern verschwommenes Sichtfeld kann der Zuschauer die Einschränkungen der Hauptfigur regelrecht erfühlen. Der unruhige und immer wieder scheinbar unkontrolliert abwandernde Blick, in dessen Sichtfeld sich die anderen Personen aufzuhalten gezwungen sind, wenn sie Kontakt aufnehmen möchten, lassen die Einstellungen beinahe dokumentarisch wirken. Der russische Filmrevolutionär und Theoretiker Dziga Wertow hatte solch direkte Bildsprache bereits Anfang des letzten Jahrhunderts für den Dokumentarfilm eingefordert.

Doch Schnabel tut mehr. Er inszeniert die Kamera als Auge. Zusätzlich lässt er in abrupten Bildsprüngen immer wieder die äußere Wirklichkeit in die Isoliertheit des subjektiven Blickfeldes einbrechen. Selbst in den Rückblenden, in denen sich Jean-Dominic Bauby seinen Erinnerungen an Ereignisse aus einem früheren Leben hingibt, an den Vater oder die Geliebte, verlässt die Kamera nur selten ihre untersichtige Subjektivität.

ImageMalerische Kraft

„Es gibt Dinge in Gemälden, die man nicht in Filmen ausdrücken kann“, behauptet Julian Schnabel, der lange vor seinen ersten Erfahrungen als Spielfilmregisseur bereits als Maler bekannt wurde. In den abstrakt wirkenden Zwischenschnitten von abbröckelnden Eisbergen, extrem vergrößerten Schmetterlingen oder Stierkämpfen spiegelt sich die malerische Kraft seiner Bildkonzepte wider. Meisterlich geht er mit dem natürlichen, harten Licht des Nordens um, setzt er impressionistische Reflexe in seinen Interieurs und arrangiert stimmungsvolle Szenarien.

Seit den späten 70er Jahren machte sich der Amerikaner als Vertreter des so genannten Neoexpressionismus in der Kunstwelt einen Namen. In seinen teils figurativen, teils abstrakten Gemälden arbeitet er gern mit transparenten Schichten und Überlagerungen. Farben und Formen können sich so mischen und ergänzen oder Spannungspunkte bilden. In „Schmetterling und Taucherglocke“ hat Schnabel lediglich die Wahl seiner Ausdrucksmittel geändert. „Manchmal bin ich wie ein Maler vorgegangen und habe einfach auf meine Umgebung reagiert“, gibt der Künstler zu, „eigentlich konnte ich machen, was immer ich wollte.“ Der Einsatz seiner künstlerischen Mittel hat ihm zudem geholfen, mit der eigenen Endlichkeit umzugehen. Wie der Regisseur selbst, so lernt auch sein Protagonist den kreativen Prozess als Werkzeug zur Selbsthilfe einzusetzen.

ImageDie erzwungene Reflektion

Schnabel macht nicht zum ersten Mal den Umgang mit der Vergänglichkeit der eigenen Existenz zum Thema eines seiner Werke. Mit der Verfilmung der Biografie des Malers, Warholfreundes und „enfant terrible“ der New Yorker Kunstszene der 80er, Jean Michel Basquiat, gab Schnabel bereits 1996 sein Spielfilmdebut. Der erzwungene oder, wie im Fall von Basquiat, selbst gewählte Rückzug aus dem gewohnten sozialen und gesellschaftlichen Umfeld und die daraus resultierende Neudefinition des eignen „Ich“ stellen die gemeinsame Metaebene seiner Stoffe dar. Auch die Kanadierin Isabel Coixet thematisierte in „Mein Leben ohne mich“ 2003 den Blick auf das menschliche Selbstverständnis im Angesicht der eigenen Vergänglichkeit. Ähnlich wie Jean-Dominic Bauby muss sich die Protagonistin dort der Tatsache stellen, ihre Zukunft nicht beeinflussen zu können. Im Gegensatz zu ihm ist sie sich ihrer Endlichkeit jedoch bewusst und kann sich mit ihr arrangieren.

Im Falle des zur Sprachlosigkeit verdammten Journalisten besteht die schwierige Selbstfindung in der erzwungenen Reflektion über die eigene Vergangenheit. Bauby bereut Dinge die er getan, gesagt oder unterlassen hat. Er erinnert sich an Gefühle und Empfindungen, versucht zu ergründen, was in seinem vorherigen Leben wichtig war, und wo er Fehler gemacht hat. Der Höhepunkt der Auseinandersetzung mit der eigenen Vergangenheit ist der Ausflug mit seinem Sohn im neuen Cabrio. Schnabel gestaltet ihn unter musikalischen Reminiszenzen an Francois Truffauts „Sie küssten und sie schlugen ihn“ als dramaturgischen Hinterhalt für seinen Protagonisten. Wie dem kleinen Antoine Doinel bei Truffaut, so droht auch dem abgeklärten Bauby ausgerechnet im Moment seiner größten Freiheit eine unsichere Zukunft. Später wird aber auch er einen Weg finden, seinem Dasein einen Sinn zu geben. 

Fotos: Prokino Filmverleih

Schmetterling und Taucherglocke (Le Scaphandre et le Papillon / The Diving Bell and the Butterfly). Ein Film von Julian Schnabel nach dem Buch „Schmetterling und Taucherglocke“ von Jean-Dominique Bauby mit Mathieu Amalric, Emmanuelle Seigner, Marie-Josée Croze, Anne Consigny und Max von Sydow. 112 Minuten, Frankreich/USA 2007, Format 1:1.85, Dolby SRD. © 2008 PROKINO Filmverleih GmbH.

 


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