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Dani Karavan Retrospektive PDF Drucken

Erbauer von Gedankenräumen

Dani Karavan im Martin-Gropius-Bau, Berlin

Zum 60. Geburtstag Israels ist dem bekanntesten Bildhauer, Architekten und Bühnenbildner dieses Landes in Berlin eine Retrospektive gewidmet. Sie gibt einen Einblick in das Lebenswerk des international arbeitenden Künstlers. von Johannes Bock

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März 2008 Ein großer Olivenbaum begrüßt die Besucher der Ausstellung von Dani Karavan bereits im Eingangsbereich des Martin Gropius Baus in Berlin. Er ist etwa fünf Meter groß und hängt kopfüber von der Decke, komplett mit allem drum und dran: Äste, Blätter, Wurzeln und sogar die Erde in der er gestanden hat. Als hätte man ihn gerade erst ausgerissen, schwebt er wie ein Fremdkörper mitten im alten, säulenbestandenen Gewölbe über dem Mosaikfußboden. Der Baum, ein Symbol existenzieller Behauptung, wird zum Sinnbild für die Entwurzelung aller in der Diaspora lebenden Menschen.

Dani Karavan gehört zu den renommiertesten Bildhauern und Landschaftsarchitekten weltweit. In seinen Werken nimmt er die Vergangenheit und die besondere Beschaffenheit von Orten, Natur und Geschichte auf, um sie in Architekturen umzuwandeln und dann als beeindruckende Monumente öffentlich zugänglich zu machen. ImageDie Gestaltung von Gedenkorten, Monumenten, Gärten, Parks und öffentlichen Plätzen gehört zu seinen Spezialitäten. Angefangen hat der 1930 in Tel Aviv als Sohn polnischer Einwanderer geborene Karavan jedoch mit Illustration und Malerei. Früh entschied er sich für eine künstlerische Laufbahn. Bereits als 12 jähriger nahm er Kunstunterricht und interessierte sich für Theater. Nach seinem Militärdienst bereiste er Europa, studierte in Italien Frescomalerei sowie Mosaikherstellung und arbeitete als Restaurator.

Nachdem er Ende der 1950er Jahre nach Israel zurückkehrte, wendete er sich zunächst der Theaterarbeit zu. Mit seinem ersten Bühnenbild für das Cameri-Theater in Tel Aviv begann Karavans langjährige Arbeit für Theater- und Tanzaufführungen. Dabei hatte er die Gelegenheit seine eigenen Ideen von Architektur- und Raumwirkung zu entwickeln und in einen bildhaften, erzählerischen Kontext zu stellen. Er lernte die amerikanische Choreografin und Tanzlegende Martha Graham kennen, übernahm die Ausstattung von Opernaufführungen und wurde sogar selbst Mitbegründer einer Tanzkompanie.

Wellen auf Wüstenboden

Daneben beschäftigte er sich mit der Entwicklung von architektonischen „Environments“ und Wandreliefs. Seinen ersten großen Auftrag für ein Kunstwerk im öffentlichen Raum erhielt er 1961 vom israelischen Justizministerium, für das er eine Skulpturengruppe aus Beton schuf. ImageInternational bekannt wurde er jedoch mit der Errichtung einer monumentalen Gedenkstätte am Rande der Negev Wüste. Das zwischen 1963 und 1968 errichtete „Negev Monument“ erinnert an den Unabhängigkeitskrieg Israels nach dem Zweiten Weltkrieg und zeigt bereits Karavans Tendenz zu einer klar strukturierten Formensprache. Unter Einbeziehung der geschichtlichen Bedeutung des ehemals umkämpften Gebietes, errichtete er auf einem sanften Hügel eine beeindruckende, labyrinthartige Architekturengruppe zu der der Kritiker und Kunsttheoretiker Pierre Restany bemerkte: „Die Anordnung der geometrischen Strukturen folgt dem Profil der Dünen, die die Topographie des Ortes prägen. Man betrachte nur die ‚Schlange’, jene sich windende Form mit gedrücktem Profil, die sich aus prismatischen Segmenten zusammensetzt. Von innen und bei Tageslicht betrachtet, zerfällt sie in eine spektakuläre Folge von sich perspektivisch verkleinernden, strahlenden Rechtecken, deren Leuchtkraft und Phosphoreszenz nur der von Neonröhren vergleichbar ist.“ Tatsächlich wirkt der gesamte Komplex sehr organisch. Wie eine sich aus dem Wüstenboden herausschälende Einheit, bestehend aus geometrischen Betonformen wie Wellen, Linien, Kugeln und Gängen mit einem 20m hohen Turm, erhebt er sich monumental und Erfurcht gebietend.

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„I don’t like the term monument! It is for Generals“, sagt Karavan, dennoch wirken viele seiner Environments überdimensional und massiv. Wie Fremdkörper durchschneiden die Raumskulpturen die Landschaften, klar und geradlinig. Großdimensionierte, geometrische Körper aus Beton, Stahl und zuweilen auch Holz und Glas führen den Betrachter zu einer Auseinandersetzung mit der Umgebung. Diese ist dem Künstler besonders wichtig, denn der inhaltliche Kontext ist die Triebfeder seiner Arbeit.

Monument an der Wilden Küste Spaniens

Sein 1990 bis 1994 entstandenes Werk „Passagen. Hommage an Walter Benjamin“ steht als Sinnbild für die Verschmelzung der intellektuellen Haltung des Künstlers mit seiner besonderen ästhetischen Ausdruckskraft. Benjamin nahm sich auf seinem Weg ins Exil in Portbou an der französisch-spanischen Grenze das Leben und verlieh dem Ort dadurch ungewollt einen besonderen „Kultwert“. Dani Karavan verarbeitete diesen. Er teilte das felsige Gelände am Meer unweit des Friedhofes, auf dem Walter Benjamin begraben liegt, in drei Aussichtspunkte ein. ImageTonnenschwere Stahlplatten durchschneiden den felsigen Untergrund. Sie bilden einen vorgegebenen Weg, dem der Besucher zwangsläufig folgt. Auf einer langen Treppe bewegt er sich von der Oberfläche des Plateaus steil hinunter bis an den Rand der Klippen, um an deren Ende den Blick in die abgründigen Fluten des Ozeans zu werfen. Dazu erinnert eine beschriftete Glasplatte mit einem Zitat an den deutschen Philosophen. Ein paar Meter weiter ließ Karavan einen „Denkort“ entstehen. Ein massiver Würfel ruht im Zentrum einer riesigen stählernen Ebene. Der Himmel und die weite Horizontlinie führen den Blick in die Unendlichkeit. Die Architektur nimmt die landschaftlichen Gegebenheiten des Ortes auf und stellt sie in einen Kontext mit der unendlichen Freiheit des menschlichen Geistes, aber auch mit seiner durch Intoleranz hervorgerufenen Begrenzung.

Dani Karavan macht nicht nur Kunst für Orte, sondern auch die Kunst selbst zum Ort. Dabei überschreitet er oft Genregrenzen, probiert verschiedene Disziplinen aus und sucht die jeweils geeignete Formensprache zwischen Minimalismus, Abstraktion und figurativer Darstellung. Nicht das Abbild des menschlichen Körpers steht dabei im Mittelpunkt, sondern das einer humanistisch geprägten, geistigen Haltung. Der Aspekt der Verbindung unterschiedlicher Welten mit Hilfe von Beton, Granit und Marmor in engen Kontakt mit Natur, Wind, Licht, Wasser und Vegetation bilden den Antrieb für viele seiner Arbeiten. „Jede Idee…“ so sagt er „…wird für einen ganz bestimmten Ort entwickelt und zwar so, dass sie ein organischer Teil eben dieses Ortes wird.“ Die Ideen und Werke des Architekten, Malers, Bühnenbildners, Bildhauers und Landschaftsgestalters sind weltweit zu finden. 1976 gestaltete er den israelischen Pavillon auf der 38. Biennale von Venedig und 1977 nahm er an der Documenta 6 in Kassel teil. In Deutschland verwirklichte er unter anderem auch den aus 30 Säulen bestehenden „Way of human rights“ für den Platz vor dem Germanischen Nationalmuseum Nürnberg. In Korea, Japan beschäftigte er sich mit Gartenarchitektur und in Italien, den Niederlanden, Dänemark und den USA realisierte er zahlreiche Ausstellungen und Projekte.

ImageWasserlauf und Fluchtlinie

Eines seiner gigantischsten Vorhaben begann er bereits 1980 in Cergy-Pontoise bei Paris. Die „Axe Majeur“, eine geradlinige so genannte „Gestaltschneise“ von 3 Kilometern Länge, verbindet die moderne Trabentenstadt mit der geschichtsträchtigen Hauptstadt Frankreichs und soll nach Aussagen Karavans ein Symbol für die „kulturelle Identifikation“ von Cergy-Pontoise sein. Entlang des gewaltigen Betonbandes befinden sich 12 Stationen, bestehend aus Brunnen, Gärten, Monumenten, Brücken, Plätzen und anderen Elementen, die als landschaftsarchitektonische aber auch inhaltliche Verbindung beider Orte dienen soll. Durch die Einbeziehung von auf gleicher Linie liegender vorhandener Infrastruktur wie Autobahnkreuzen und Eisenbahnlinien sowie eines blauen Laserstrahls, der auch bei Dunkelheit die Verbindung aufrechterhält, wird das Prinzip der Achse deutlich. Diese spielt eine zentrale Rolle. Sie ist das immer wieder kehrende, integrative Element in Karavans Arbeiten, welches mit minimalistischem Duktus ein Höchstmaß an Symbolkraft entwickelt und über die Marc Scheps schreibt: „Konzeptionell ist die Achse eine Linie, die ins Unendliche führt. Karavan griff Brancusis Idee der „unendlichen Säule“ auf und drehte sie 90° um ihre Achse. Statt im Raum verloren zu gehen, bleibt sie am Boden und verliert sich an den beiden äußersten Punkten in der Horizontlinie. Diese Achse kann eine in den Beton geritzte Linie sein, ein Wasserlauf, ein Riss, ein Laserstrahl eine Fluchtlinie. Sie verläuft parallel zum Boden und ist damit eine Achse der Kommunikation zwischen Realität und Metapher. „Axe majeur“ in Cergy-Pontoise ist der Höhepunkt dieser Entwicklung.“ Die endgültige Fertigstellung ist für 2009 geplant.

Wie aber ist es möglich ein so reiches, vielfältiges Lebenswerk in eine Ausstellung zu fassen? ‚Nur sehr schwer’ lautet die Antwort. Für den Künstler, der die Gestaltung der Schau selbst übernahm, war das eine der größten Herausforderungen denen er sich je gegenüber sah. Schließlich möchte er nach eigener Aussage keine Kunst für Museen oder eine Galerien machen sondern für die Menschen, Kunstwerke zum anfassen und „zum barfuss darauf herumlaufen“. Die Retrospektive über Dani Karavan in Berlin versucht den Spagat zwischen dem musealen Auftrag des Sammelns und Dokumentierens eines Lebenswerkes und dem Erfahrbarmachen von Kunst und Architektur. In 18 Kapiteln chronologisch geordnet, sind die einzelnen Schaffensphasen dokumentiert. Dabei werden auch die verschiedenen Materialien und Techniken sichtbar mit denen Karavan arbeitet. Sand- und Pflanzen, frühe Zeichnungen und Illustrationen sowie Ölmalerei und Skulpturen führen denImage Betrachter bis zu den ersten riesigen Reliefarbeiten für öffentliche Orte. Einen großen Raum nehmen die Bühnenbilder in Anspruch. In die Wände integrierte Modelle zeigen Entwürfe von Bauten und Ausstattungselementen. Auf Monitoren werden die dazugehörigen Filmbilder von den Aufführungen gezeigt. Eine in die Mitte des Raumes platzierte Theaterskulptur, sowie die dramatische Lichtführung lassen den Ausstellungsraum selbst zur Bühne werden. Bei der Präsentation der Monumente, Gärten und Architekturen greifen die Ausstellungsmacher auf Altbewährtes zurück: Modelle und Filmausschnitte. Durch die riesigen, ganze Wände einnehmenden Projektionsformate, zum Teil im Multiscreenverfahren, entsteht jedoch ein großartiger und umfassender Eindruck von Karavans Environments. Sie ermöglichen ein „Eintauchen“ in die Architekturen und machen die örtlichen Bezüge seiner Ideen, sowie den geschichtlichen Kontext seiner Arbeitsweise erfahrbar.

Das tatsächliche Lebenswerk dieses vielfältig arbeitenden Künstlers kann die Ausstellung kaum fassen. Viel zu groß ist das Repertoire seiner Arbeiten, viel zu unterschiedlich sind seine Interessen. Auch wenn die Schau ein ganzes Stockwerk des Gebäudes in Anspruch nimmt, bleibt beim Betrachter der Eindruck zurück etwas nicht gesehen zu haben. Hinzu kommt, dass Dani Karavan noch sehr aktiv ist. So wird aus einer Retrospektive eher ein momentaner Einblick in ein Werk, das sich weiterentwickelt. Ebenso vielschichtig wie die zahlreichen Arbeiten des Künstlers, ist auch die Ausstellung selbst und das macht sie trotz bester Absichten zum Teil etwas verwirrend. Es fällt schwer eine eindeutige Präferenz des Meisters für eine Kunstform festzustellen, aber das ist ihm auch nicht wichtig. Seine Lieblingsprojekte sind immer die, an denen er gerade arbeitet. Im Moment hat er Aufträge in Tel Aviv, Jerusalem und Florenz. Außerdem bereitet er weitere Ausstellungen in Tokio und Nagasaki vor.

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Die Dani Karavan – Retrospektive im Martin-Gropius-Bau, die zuvor im Tel Aviv Museum of Art zu sehen war, ist ein Beitrag zum 60. Jahrestag der Staatsgründung Israels. In Berlin läuft sie noch bis zum 1. Juni 2008.

 

 

Photos: Johannes Bock / Irmgard Berner

Dani Karavan – Retrospektive vom 14. März – 1. Juni 2008,

Martin-Gropius-Bau, Niederkirchnerstraße 7, 10963 Berlin

Öffnungszeiten
Mittwoch bis Montag | 10–20 Uhr
Dienstag geschlossen

Adresse
Martin-Gropius-Bau Berlin
Niederkirchnerstraße 7 | Ecke Stresemannstr. 110
10963 Berlin
Tel +49 (0)30 254 86-0
Fax +49 (0)30 254 86-107
E-Mail // Diese E-Mail-Adresse ist gegen Spambots geschützt! JavaScript muss aktiviert werden, damit sie angezeigt werden kann.

 


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