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Sepideh Farsi, Teheran PDF Drucken

Heimlich und verboten

Sepideh Farsi dreht mit dem Handy eine brisante Dokumentation zwischen Alltag und Aufstand in Teheran

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Sepideh Farsi filmt am Puls ihrer Heimatstadt Teheran, heimlich, noch vor dem Aufstand nach den Wahlen am 12. Juni 2009. Ihr Dokumentarfilm "Teheran without Permission", Teheran ohne Erlaubnis, zeigt: Die Menschen haben nicht erst nach den Wahlen aufbegehrt.

von Anna Reba

Sepideh Farsi, mit dem grünen Band, dem Zeichen der Opposition in Iran. Foto: Filmfestival Locarno

August 2009. Schreiend rennt eine Frau durch die Straßen, eine Menschenansammlung skandiert mit erhobenen  Fäusten, die Teheraner demonstrieren gegen das Regime der Ayatollahs.

Spätestens seit dem Film "Persepolis" der iranischen Zeichnerin Marjane Satrapi, sind die Widersprüche der iranischen Gesellschaft ins europäische Bewusstsein gedrungen. Durch den Aufstand nach den Wahlen endgültig in unserer medialen Welt angekommen.

Zivilmilizen prügeln auf Demonstranten ein, schwarz gekleidete Frauen rennen schreiend in der Menge, Schüsse fallen, Blut fließt. Drastische Bilder aus den Straßen der iranischen Hauptstadt, Aufbegehren gegen ein Regime, das jede Hoffnung auf Reformen im Keim erstickt. Der Massenprotest wurde niedergeknüppelt. Sepideh Farsi drehte heimlich mit ihrem Handy noch vor den Wahlen und bevor wegen vermeintlichen Wahlbetrugs die Menschen in den Straßen protestierten.

Neugierige Chronistin des Privaten

Die Regisseurin dokumentiert intime Eindrücke der Metropole, einer Stadt der Paradoxe zwischen High-Tech und Tradition. Dass Sepideh Farsi mit dem Handy drehte, hat sowohl dramaturgische als auch technische Beweggründe: einerseits ist es ein Kunstgriff, der die Distanz zwischen Filmendem und Gefilmtem aufhebt und  ihr eine größere Nähe zu den Menschen ermöglichte. Hinzu kommt, dass "die Iraner Technikfreaks sind. Sie schicken über Bluetooth alles hin und her, Bilder, Filme, Botschaften", sagt Farsi in einem zdf-Interview. "Und ich war mit meinem Handy einfach eine von vielen." Hinzu kommt, dass sämtliche Filme der in Frankreich lebenden Iranerin in der Islamischen Republik verboten sind. Kein Wunder, denn sie zeigt einen Gottesstaat, dessen entmündigte Bürger sich nach einem Freiheitsstaat sehnen.

Sepideh Farsi wird damit zur neugierigen Chronistin eines eher unbekannten Teheran, Widerstandskämpferin ist sie selber nicht. Mit ihrem mobilen Telefon liefert sie unvermutete Einblicke in die nur scheinbar geschlossene Gesellschaft, erkundet Nischen des Familiären und Privaten. Eine nächtliche Taxifahrt wird zur Reise in ein dunkles, nicht kontrollierbares Teheran, aber ein sinnliches: Junge Menschen, die sich nicht treffen dürfen, chatten in Cybercafés, nehmen sich die Freiheit, Spaß zu haben. Männer und Frauen dürfen sich nicht berühren, auf Ehebruch steht immer noch die Todesstrafe. Verbotene Undergroundparties, alltägliche kleine Fluchten. Farsi fängt mit ihrem Film Momente von Unbefangenheit und Poesie ein.

Make-up als urbaner Widerstand

Die Sittenpolizei ist hinter allem her, was nach Jugendkultur aussieht. In einem Schönheitssalon zeigt eine mit dickem roten Lippenstift geschminkte Blondine ihr Tattoo auf dem Rücken - ein absolutes Tabu. In Teheran ist selbst die banalste Geste Politik. "Die jungen Frauen schaffen sich einen kleinen Freiraum", sagt Farsi. "Make-up als urbaner Widerstand, für den europäischen Geschmack sieht das total übertrieben aus", beschreibt die Regisseurin die Situation weiter. Mit Make-up in die Shopping-Center zu gehen, sollte man allerdings tunlichst vermeiden, denn da wird man festgenommen.

Farsis Film dokumentiert das Bild eines Landes, in dem der Mut der Menschen mehr möglich macht als man denkt. Dennoch sind die kleinen Fluchten schnell wieder beendet und die Realität der Überwachung bricht ein. Das Regime fühlt sich provoziert, ist alarmiert und greift ein. Sogar züchtig verschleierte Polizistinnen kümmern sich um zu viel aufgetragenes Make-up.

Ohne Jugend keine Macht

Beinahe beiläufig gedreht, zeigt "Teheran ohne Erlaubnis" das Portrait einer Gesellschaft, in der die Verhältnisse doch in Bewegung geraten sind. Dabei läuft das Regime Gefahr, dass sie die Jugend verliert, und damit die Macht. Die Schere zwischen Arm und Reich wird, wie überall auf der Welt, immer größer, eine desillusionierte Jugend flüchtet sich in Sex, Drugs und Cyberspace. Das Aufbegehren nach den Wahlen war heftig aber groß. "Dass sich im Iran etwas ändert, das kann Jahre dauern, aber es hat sich etwas in Bewegung gesetzt, das nicht mehr zu stoppen ist", zieht Sepideh Farsi ihr Fazit.

Solch einen Film jetzt im Iran zu drehen wäre unmöglich, wer mit Handy fotografiert oder filmt wird verhaftet. Aber die vielen iranischen Technik-Freaks werden ihre Handy-Displays wohl nicht lange schwarz lassen. Diese Aussicht gibt uns Sepideh Farsis unruhige Dokumentation.

 


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