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Thomas Demand, Nationalgalerie PDF Drucken

Deutschland aus Pappe

Thomas Demands diffuser Blick in die Vergangenheit

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Der Name des Ortes - Nationalgalerie - ist zugleich der Titel der Ausstellung des inzwischen international renommierten Künstlers Thomas Demand. Die Namensdopplung kommt nicht von ungefähr, denn seit fast 20 Jahren beschäftigt sich der in Berlin lebende Bildhauer mit Kopien. 

von Johannes Bock

 Bild: Thomas Demand, Gangway, 2001

Berlin, November 2009. Demand baut Geschichte(n) nach. Aus Pappe, Papier, Folien und Blech formt er Abbilder unserer medialen Vergangenheit. Als Vorlagen dienen dem Künstler zumeist Fotos, die er der Presse entnimmt. Mit überwältigender Akribie, und einer großen Anzahl von Mitarbeitern, baut er die Motive im Studio nach, dreidimensional und meist in Originalgröße. Auf diese Weise lässt er ganze Interieurs wiederauferstehen - Küchengeräte, Möbel, Stoffe, Büroausstattungen, Teile von Hausfassaden und sogar Pflanzen. Über Wochen und Monate werden beispielsweise Hunderttausende von Grashalmen oder Blätter von Bäumen ausgeschnitten und neu zusammengeklebt, nur für einen einzigen Moment. Es braucht lediglich den Bruchteil einer Sekunde, um das Szenarium abzulichten. Danach verschwindet es wieder. Was bleibt, ist eine Fotografie.


ImageThomas Demand geht es nicht darum, die Wirklichkeit zu zeigen oder nachzubilden. Er begreift sich als Übersetzer - von 2 in 3 Dimensionen und wieder zurück. Dabei begibt er sich auf die Spur nach den Unschärfen in den Abbildern unseres kollektiven Erinnerungsvermögens. „Das Gedächtnis ist ein diffuser Speicher.“ behauptet er und garniert seine Arbeiten mit der Abwesenheit von konkreten Anhaltspunkten. Kühl und sachlich wirken seine Fotos, um sämtliche Personen, jegliche Schriften oder ikonografische Zeichen bereinigt. Weder das „H“ einer Bushaltestelle, noch das stilisierte Männchen auf dem Notausgang sind vorhanden um einen Hinweis auf menschliches Dasein zu geben. Perfekt beleuchtet und scharf bis in den letzten Winkel tritt das Fehlen sämtlicher Oberflächenstrukturen und Gebrauchsspuren besonders deutlich zu Tage.

Fast 40 Arbeiten umfasst die Schau in der Nationalgalerie. Motive wie Barschels Badewanne, Garagen, die als angebliches Plutoniumversteck dienten oder die Räume der 1990 von der Bevölkerung erstürmten und zerstörten Ostberliner Stasi-Zentrale lassen einen Rückblick auf politische Themen der deutschen Vergangenheit zu. Aber auch Bilder aus dem persönlichen Umfeld Demands sind zu sehen. Als stark vereinfachte Archetypen spielen sie mit den lückenhaften Erinnerungen und Erfahrungen des Betrachters. Mit dem Nachbau seines eigenen Kinderzimmers, des Sprungturmes eines Schwimmstadions oder der wellenartig gemusterten Betonverkleidung einer Fassade, deren Original man an den Hochhäusern in der Leipziger Straße bewundern kann, entwickelt der Künstler die Bausätze für ein gesellschaftliches Erinnerungsarchiv.

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Verzicht auf Erklärungen

Die Vorgehensweise, mit der Demand seine Skulpturen/Fotos entstehen lässt, ist nicht wissenschaftlich genau, sondern durch und durch künstlerisch. Er wählt aus, fügt hinzu, konstruiert, bildet nach oder nimmt auseinander. Es scheint als wolle er durch gezielt eingesetzte Wiedererkennungseffekte dem bundesdeutschen Gedächtnis einen Stoß in eine bestimmte Richtung geben, nur um es durch den Verzicht auf Erklärungen gleich wieder auszubremsen. Die Frage nach der Wechselwirkung zwischen Inhalt und Ausdruck von Bildern drängt sich somit auf. Welchen Mehrwert ziehen wir aus Dingen, die wir in keinen Zusammenhang setzen können? Wie verändert sich unsere Wahrnehmung von bestimmten Orten wenn wir wissen, dass sich die Mitglieder einer bekannten Popband dort getroffen haben, oder ein Automobilkonzern im Original dieses Tonstudios Motorengeräusche erforscht?

Mit welchen Inhalten er seine Kunst füllt, überlässt Demand dem Betrachter selbst. Er hat nicht die Absicht mit seiner Ausstellung aufzuklären. Der Künstler beschränkt sich darauf, Räume zu bauen. Selbst die Spiegelungen der Betrachter in den Oberflächen der Bilder, Wände aus Pappe, bodenlangen Vorhängen in gedeckten Farben und grauen Vitrinen mit kommentierenden Texten von Botho Strauß sind Teil eines Gesamtkonzepts. Eingebettet in die minimalistische Glasarchitektur des Mies van der Rohe Gebäudes entsteht so eine Kulisse, in der die Besucher selbst zu diffusen Schatten werden.
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Thomas Demand – Nationalgalerie
18. September 2009 bis 17. Januar 2010

Neue Nationalgalerie
Potsdamer Straße 50
10785 Berlin
www.demandinberlin.org

Öffnungszeiten
Di - Mi  10 - 18 Uhr
Do       10 - 22 Uhr
Fr - Sa 10 - 20 Uhr
So       10 - 18 Uhr

Kostenlose, öffentliche Führungen
Di                16 Uhr
Mi und Fr     16 Uhr
Sa, So und Feiertags   12 und 15 Uhr

photos: Johannes Bock

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