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Streetartist: Tadashi Kawamata PDF Drucken

Verbotene Orte

Am Haus der Kulturen der Welt: Interventionen und Überraschungen

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Bildhauer oder Architekt, Japaner oder Weltenbürger? Wer ist Tadashi Kawamata wirklich? Manchmal hat der Kunst-Nomade ein besonderes Gespür für verbotene Orte. In Berlin kletterte er auf Bäume.

von Irmgard Berner

Kawamata, geboren 1953 auf der japanischen Insel Hokkaido, wurde schon als junger Künstler 1983 zur Venedig-Biennale eingeladen. Er war Teilnehmer auf der 8. und 9. Documenta in Kassel und wurde durch seine monumentalen skulpturalen Eingriffe an Gebäuden bekannt, die er durch die Verdichtung von Holzstangen, Brettern und sogar Stühlen wie zu überdimensionierten Ameisenhaufen anwachsen lässt.

Berlin, Dezember 2009.  Passanten bleiben irritiert stehen, fotografieren, lachen, schimpfen, gehen kopfschüttelnd weiter. Dabei ist auf den ersten Blick gar nicht zu erkennen, was den Zorn der Leute im Tiergarten erregt: der Rasen grün, die Bäume hoch. Auf den zweiten Blick aber entdeckt man ein Gewirr aus Latten und Brettern. Wie Mikado-Stäbe, hochgeworfen in die Baumkronen, kleben sie oben in den Verzweigungen am Stamm. Als wild zusammen gezimmerte Holzverschläge saugen sie sich am Geäst der Buchen und Eichen fest und bilden Riesennester mit Baumhütten drauf: „Tree Huts“.

Der japanische Künstler Tadashi Kawamata und seine Helfer bauen sie in sechs Metern Höhe zusammen. Ein paar Tage lang kam er Ende Sommer nur zum Essen und Schlafen herunter. Wer ihn sprechen wollte, musste genau diesen Moment abpassen. Am Mittagstisch löst sich der Mittfünfziger auch erst langsam aus seiner Konzentration – dann aber ist er wieder zurück auf dem Boden und schüttelt sich sogar aus in einem dunklen, gurgelnden Lachen.

Auf Einladung der Kuratorin Valery Smith vom Haus der Kulturen der Welt kam er für die Ausstellung „Rasende Heimat“ im Rahmen der 7. Asien-Pazifik-Wochen nach Berlin. Fünfzehn Baumhütten baut der Künstler dafür insgesamt, auch im kühlen Inneren der schwangeren Auster lässt er die mächtigen Nester an den Foyer-Säulen wuchern. Für jeden einzelnen Baum draußen braucht es eine amtliche Genehmigung. Und nur für den einzigen Baum - den zwischen HKW und Kanzleramt – lehnte man sie ab. Zu nahe an der Regierung. Im öffentlichen Raum herrschen in Berlin eben strenge Regeln. Doch noch mehr würden sich die Leute bei ihm beschweren, dass er den Bäumen Leid zufüge. Genau das aber ist es.

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Genau diese Widersprüche reizen Tadashi Kawamata. Es geht ihm um Kommunikation mit den Menschen. Seine Interventionen versteht er als Streetart, als plastische Zeichen im öffentlichen Raum und in seinen Verbotszonen. Denn obwohl er Auftragsarbeiten wie die Tree Huts herstellt, hinterlässt Kawamata seine Spuren oft spontan und gern illegal. Die Reaktionen sind zuweilen heftig. Polizei klebt ihm schon mal an den Fersen. In Tokyo bekam er Ausreiseverbot. Doch so schnell, wie er selbst verschwindet, lösen sich auch seine struppigen Sozialplastiken wieder auf. Reibung und Zuspruch, sozialer Kontakt draußen in den Stadtparks und Vorstädten - das ist die eigentliche Essenz seiner Aktionen. So entwarf er seine ersten Tree Huts in New York während der 80er Jahre als Reaktion auf die vielen Obdachlosen und ihre selbstgebastelten Unterschlüpfe aus weggeworfener Pappe. „Die Hütten dienen als Schutz und sind dennoch verwaist, sie sind anonym und werden schnell entsorgt“, sagt der Künstler. Eines Tages verfrachtete er diese Unterschlüpfe im Madison Square Park einfach nach oben in die Bäume. „Dadurch wurden sie unberührbar.“ So wurden die Tree Huts geboren.

Im Kontext großer Städte wirken seine Arbeiten wie skulpturale Graffitis. Oft vergänglich, immer ohne Zweck, meist Camouflagen von Zufluchtsorten. Es sind Spontanarchitekturen, ohne festgelegte Lebensdauer, ephemere Gebilde. „Ich will nicht die Welt verändern. Für mich ist Kunst kein wirklich großes Ding, eher klein, sie berührt etwas“, sagt er. „Sie ist das Gewürz.“ Kunst als das Salz, das zergeht. Wie Salz, das der Suppe erst den einfachen Luxus von Geschmack gibt.

Die Lust des Japaners am anarchistischen Treiben, seine schelmische Freude am zivilen Ungehorsam halten ihn in Trab. Könnte er fliegen, wäre er ein rastloser Zugvogel. Am Kunstmarkt arbeitet er ebenso konsequent vorbei, wie zuweilen an der Legalität. Seine Werke baut er nie für Galerien, sondern immer für die urbane Umgebung und deren Menschen. Arbeitsfelder findet er überall: Egal ob Häuser, Bäume oder Bürgersteige. Ob er in Ländern wie dem Irak oder Afghanistan derlei Interventionen vornehmen würde? „Nein, für meine Arbeit braucht es stabile Gesellschaftssysteme“, sagt er. Verbotene Aktionen, riskante Spontaneität und Überlebenskämpfe am Rande zur Illegalität würden dort ohnehin ständig zu Unruhen führen. Da mache seine Arbeit gar keinen Sinn.

Nichts ist von Dauer, alles vergeht - wir, die Kunst, deren Deutung auch. Das ist seine Philosophie - und Zeichen seines buddhistischen Glaubens. Und es ist das Einzige, was an ihm – außer seinem japanischen Namen – seine kulturellen Wurzeln verrät. Mehr an Klischees würde er nicht ertragen. Sein nomadisches Vagabundenleben hat er vor gut zwei Jahren aufgegeben und ist mit Frau und Kind in Paris sesshaft geworden – er arbeitet als Professor an der renommierten Ecole des Beaux Arts. Nach der Mittagspause zurückgekehrt an der Baustelle Baum, ist die Polizei schon da. „Das ist immer so“, sagt er noch, hebt einige Bretter vom Boden und verschwindet wieder. Sein Assistent verhandelt bereits. Alles legal. Die Berliner Tree Huts bleiben. Natürlich nur vorübergehend.

dieser Artikel erschien auch in BerlinBlock 2/09

 


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