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Kunst im Bau - die Sammlung Gasag PDF Drucken

Kunst im Bau

In der Langen Nacht der Museen zeigt die Gasag zum letzten Mal ihre Sammlung im Firmensitz am Landwehrkanal

Berlin, Januar 2010. Ping, pong springt der Tischtennisball von Stufe zu Stufe. Folgen kann man ihm noch, doch suchen wird man ihn vergeblich. Denn dieser Pingpong-Ball existiert nur akustisch, und das Treppenhaus ist sein Resonanzkörper. Die Klanginstallation „Ping Pong“ gehört zu einer ganz besonderen Kunstsammlung und verwandelt ein graues Treppenhaus nicht nur in eine architektonische Großform, sondern weckt sinnliche Reize, die man in einem Bürohaus so nicht vermuten würde.

von Irmgard Berner

Im Treppenhaus installiert Henrik Schrat ein raumgreifendes Mobile. Die schwarzen Aluminium-Figuren verbinden die Etagen des Gebäudes wie eine flirrende Säule und dynamisieren dessen Architektur.

Wie viel Energie steckt in einem Treppenhaus? Und wie verdichtet sich diese zu Kunst? Ping, pong springt der Tischtennisball von Stufe zu Stufe - oder hüpft er doch auf dem Messing-Handlauf das Treppenhaus hinunter? Unten in der Eingangshalle des Gasag-Firmensitzes angekommen klackt er kurz und schnell auf und rollt dann aus, trrrr. Folgen kann man ihm noch, doch suchen wird man ihn vergeblich. Denn dieser Pingpong-Ball existiert nur akustisch, und das Treppenhaus ist sein Resonanzkörper. Die Klanginstallation „Ping Pong“ des Künstlers Carsten Eggers bringt es auf den Punkt. Sie gehört zu einer ganz besonderen Kunstsammlung und verwandelt ein graues Treppenhaus nicht nur in eine architektonische Großform, sondern weckt sinnliche Reize, die man in einem Bürohaus so nicht vermuten würde.

Allerdings ist die Heimstatt besagter Sammlung nicht irgendein Bürogebäude, sondern jener bekannte Berliner Blickfang, jenes Baudenkmal, das sich treppenförmig abgestuft am Bogen des Landwehrkanals entlangschmiegt; dessen Ecken und Kanten vom vorbeifließenden Wasser wellenförmig abgerundet scheinen: Das Shell-Haus, so benannt, weil Architekt Emil Fahrenkamp es 1930 für eine Shell-Tochter erbaut hat. Die architektonische Leichtigkeit des weißen quergestreiften Baus steht als Synonym für Moderne und Großstadtdynamik der späten Berliner Zwanziger Jahre.

Dass auch sein Inneres wunderbare Schätze birgt, ist nicht sofort offenkundig - wenn nicht gerade der Pingpong-Ball dem irritierten Besucher entgegen klackert. Denn das Gebäudeinnere löst das formgelungene, äußere Erscheinungsbild nicht so recht ein, die beigen Wände, grauen Türen und Teppichböden in den langen Fluren ernüchtern, strahlen sogar eine gewisse Tristesse aus. Aber genau diese Tatsache hat die Berliner GASAG, seit zehn Jahren Mieterin hier, aufgegriffen und den Firmensitz zum Zuhause für eine Kunstsammlung der ganz besonderen Art gemacht.

Bezugnehmend auf das Unternehmen als Energieversorger und seine Mitarbeiter, hat sie in vier Phasen speziell für diesen Ort mit Berliner Künstlern den inneren Wert geschaffen. „Wir haben uns von dem Gebäude inspirieren lassen“, sagt Birgit Jammes, zuständig für die Projektleitung und Sponsoring-Kommunikation. Der Titel der Sammlung „Kunst im Bau“ ist auch Programm: Die Überlegung war, mit zeitgenössischer Kunst Leben in die Flure zu bringen. Das ist ja an sich nichts Außergewöhnliches, aber „Wir sind kein Unternehmen, das auf große künstlerische Namen setzt und irgendwelche Arbeiten von großen Namen kauft, sondern wir wollten das Projekt auch als Berliner Nachwuchsförderung betreiben“, schildert Jammes den Ansatz für das Engagement, Kunst zu sponsern. Als Partner fungierte der Verein „Kunstfabrik am Flutgraben“, der durch eine Spende gleich mitgefördert wurde und in jährlichen Ausschreibungen Künstler für den Wettbewerb um Treppenhäuser, Flure, Dächer und Nischen einlud. Im ersten Jahr konnten auch nur Künstler daran teilnehmen, die mit dem Kunstverein seit dessen Bestehen 1997 assoziiert waren oder ein Atelier in der Kunstfabrik hatten.

Elke Ulmer „Erdgastrasse “, 2005

Schon auf dem Weg nach oben bleibt man unwillkürlich in der Rundung des ersten Treppenabsatzes stehen, fasziniert von den minutiös fein mit Graphit gezeichneten Mini-Kränen, Baggern und Bohrmaschinen, die über die gewölbte weiße Wand fahren wie in einem imaginären Panorama der weiten sibirischen Steppe. In „Erdgasstrasse“ assoziiert Elke Ulmer den flüchtigen Stoff Gas mit dem Bau der Superpipeline von Sibirien nach Westeuropa. 38 solch künstlerischer Positionen sind im „Kunst im Bau“-Projekt oft spielerisch-ironisch realisiert worden; von 42 Künstlern, davon 4 Künstler-Duos, und das in fünf Jahren. „Wir hatten tatsächlich das Glück, dass die Künstler sich auf das Spiel eingelassen haben“, sagt Birgit Jammes. Pro Jahr wurde eine Arbeit direkt auf die Wand zugelassen.

2002 fing alles an, eine unabhängige Jury aus der Berliner Kunstszene begutachtete und wählte aus den Bewerbungen die passenden Kandidaten aus. Die Kunstwerke mussten sowohl technisch als auch ästhetisch mit dem Gebäude und der Unternehmensidee verbunden sein, sie wurden nicht nur für sondern zum Teil mit den Mitarbeitern konzipiert. Zur Jury gehörten aber auch Beisitzer ohne Stimmrecht: ein Vertreter vom Denkmalschutz und einer vom Arbeitsschutz. Der Arbeitsschutz verhielt sich strenger als der Denkmalschutz. So hatte er Bedenken, dass das 21 Meter von der fünften Etage bis zum Erdgeschoss hängende, mit der luftigen Energie des Stiegenschachtes spielende Mobile „Der Schwarm“ von Henrik Schrat Mitarbeiter dazu verlocken könnte, sich wegen einer der 369 federleichten Figuren zu weit übers Treppengeländer zu lehnen und abzustürzen.

An solche Bedenken sollte man sich bei einem Rundgang in der Langen Nacht der Museen Ende Januar noch einmal erinnern, denn dann ist die Sammlung zum letzten Mal geöffnet, das Haus der Kunst und Energie wird in der Form nicht weiter bestehen. Die Gasag zieht bald um, und die Sammlung kann sie nur teilweise in die neuen Büroräume übernehmen. „Ich persönlich finde es sehr schade“, sagt Birgit Jammes zum Abschied, „aber im Rahmen der Unternehmensentwicklung kann man die Augen nicht davor verschließen“. Weiter bestehen wird der Gasag-Kunstpreis, er ist ebenfalls Teil des wichtigen Kultur-Engagements der Gasag. Aufgrund einer inhaltlichen Neuausrichtung auf kunsttheoretische Forschung wird er zusammen mit der Berlinischen Galerie ab jetzt nur noch alle zwei Jahre an Künstler vergeben, die in diesem Spannungsfeld arbeiten. Auch für die Sammlung wird die Berlinische Galerie neue Heimstatt als Dauerleihgabe, ab März tritt sie in der Ausstellung „Transfer“ in Dialog mit Werken der Galerie.

Eine Zeit der Umbrüche. Im Fall von „Ping Pong“ wird die Kunst aber weiter Lust machen, Treppen zu steigen - denn auch die Klanginstallation findet in der Berlinischen Galerie ihre nächste Treppenheimat.

Lange Nacht der Museen, 30. Januar 2010, Sonnabend 18 - 2 Uhr

www.kunst.gasag.de

www.lange-nacht-der-museen.de

Timm/Apuzzo
„SWITCH“, 2003

Die Fotoinstallation „SWITCH” transformiert den Flurvorraum zu einem Gelenk, das den sich anschließenden, von der Vorstellung eines rechteckigen Grundrisses abweichenden Flur so korrigiert, dass er sich dem orthogonalen Schema anpasst. Die fiktive Begradigung intensiviert die Wahrnehmung der spezifischen räumlichen Situation. Das seine Bildlichkeit nicht leugnende trompe d’oeil ist eine Reflexion auf eine Gebäudestruktur, die bei den Nutzern ein Gefühl von Desorientierung hervorruft.

C-Print auf PVC-Plane, Keilrahmen, 275 x 240 cm

 

 

 

Tine Benz
„Pipelines“, 2003

Tine Benz thematisiert in ihren Bildern die infrastrukturellen Zusammenhänge urbaner Strukturen, die sie in Zeichnung und Malerei übersetzt. Dabei verlässt sie das herkömmliche Bildformat und verlängert Formen und Linien in den Raum hinein. Die für die GASAG realisierte Arbeit greift Strukturen auf, die an Pipelines und Röhren erinnern und den Flurabschnitt des Arbeitsbereiches Netzmanagement in ein dreidimensionales, raumgreifendes Wandbild verwandeln.

 

Wandbemalung aus Acrylfarbe, ca. 290 x 267 cm

 


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