nurart.org


MAGAZIN
RUBRIKEN
FORUM
SEARCH
Neueste Beiträge
CB Login
JoomlaStats Activation
Kani Alavi PDF Drucken

Fremd zuhause, zuhause in der Fremde

Wie ein Künstler ankommt und doch Angst vorm Heimkommen hat

von Irmgard Berner

Kontaktfreudig, kämpferisch, zweifelnd - der Künstler Kani Alavi fand vor langer Zeit in Berlin eine neue Heimat. Ideenreich bewegt er hier vieles, die East-Side-Gallery hat er seit dem Mauerfall zu seinem wichtigsten Projekt gemacht. Zurzeit denkt er wieder darüber nach, in den Iran zu reisen, seine alte Heimat. Seit über 20 Jahren ist er nicht mehr dort gewesen.


Click image to open!

September 2007 Kani Alavi sitzt gespannt und ruhig in einer Nische zwischen seinem Schreibtisch, Stapeln von Bildern seitlich und hinter ihm und dem aufgetürmten Briefwechsel über das East-Side-Gallery-Projekt. Die Rastlosigkeit der letzten Tage hat seine Augen gerötet, sein Blick aber ist aufmerksam und neugierig. Jeans, weißes T-Shirt, Sneakers, sportlich wirkt Kani Alavi, seine Arbeit ist der Motor des umtriebigen Künstlers. Das letzte große Stück Berliner Mauer mit den weithin sichtbaren Malereien – die East-Side-Gallery – muss restauriert werden. Der Beton bröselt und bricht, die Farben bleichen aus und blättern ab. Das 300 Meter lange Kunstwerk ist fünfzehn Jahre und unzählige Touristenblicke nach dem Mauerfall nur noch durch Sponsorengelder zu retten.

1990 entdeckte Kani Alavi die Mauer als ungewöhnlichste Malunterlage. Gemeinsam mit 118 Künstlern aus 21 Ländern kommentierte er auf der ehemaligen Ostseite der Mauer die politische Öffnung des Ostens und das Ende der DDR in 106 Gemälden. Seit 1997 ist der Iraner Vorsitzender des Vereins „Künstlerinitiative East Side Gallery e.V.“ und ist um den Erhalt und die Sanierung des Kunstwerks bemüht.
Er erinnert sich gern an die Zeit direkt nach dem Mauerfall. Die Nationale Volks-Armee bewachte offiziell den Todesstreifen, aber die DDR existierte nur noch auf dem Papier. In Friedrichshain hatte man freien Zutritt zur Mauer von der Ostseite her. Die patrouillierenden NVA-Soldaten nahmen die künstlerische Attacke locker und hielten einem mit Pinsel und Palette bewehrten Maler schon mal die Leiter, wenn einer nicht alleine zurechtkam.

Und nun sammelt Alavi für die Restaurierung. Er zeigt auf den Haufen Korrespondenz vor sich. Im Lauf der Jahre konnte er einflussreiche Kontakte zur Politik und zu förderfreudigen Wirtschaftsunternehmen knüpfen. Das hilft ihm jetzt. „Die Finanzierung steht fast“, sagt er. Aber es frisst Zeit.

Mohnblumen wie von den Alten Meistern


Zum Malen kommt er deswegen kaum noch, bedauert er und lässt den Blick über seine zahllosen Bilder schweifen, die in seinem Neuköllner Atelier reihenweise wie im Dornröschenschlaf schlummern. Eigentlich will er umziehen, größere Räume mieten. Man sieht den Bildern an, dass sie nach Luft und Licht dürsten. An den Wänden hängen rote Mohnblumen neben dramatisch leuchtenden Berliner Himmeln. Öl und Pastell, schwarze Zeichnungen auf Papier, Menschen, die sich dicht in der Menge drängen und Einzelwesen, ein liebendes Paar. Der kontrastierende Strich lässt die Figuren in Schwingung geraten.

Eine Kunsthochschule hat Kani Alavi im Iran nicht besucht, das war für einen Sohn aus einfachen Verhältnissen zu Zeiten von Schah Reza Pahlevi nicht möglich. Er hat sich das Malen selbst beigebracht. Geboren 1955 in Lahijan am Kaspischen Meer, kopiert er in seiner Jugend die Gemälde der Alten abendländischen Meister und Surrealisten. Sie wurden zu seinen Lehrmeistern – den besten, wie er heute sagt. Seine Bilder kamen gut an, früh bekam er Aufträge, die Geschäfte mit seinen Malereien begannen zu florieren.
Doch mit Mitte 20 regt sich sein künstlerischer Widerstand. Zu eng werden ihm die Maschen im Netz von Kundenwünschen, sie schnüren seine Vorstellungen von künstlerischer Entfaltung ein und stehen häufig im Widerspruch zu seinen eigenen Ideen. Er beschließt auszuwandern. Berlin ist die erste Station, eine Zwischenstation. Der Weg sollte weiter nach Italien führen, der Wiege der Malerei und Heimat seiner großen Meister. Freunde raten ihm jedoch, sich für ein Kunststudium zu bewerben – und er wird tatsächlich an der Hochschule der Künste in die Klasse für Malerei aufgenommen.

Ab 1980 studiert er dort und malt. Und arbeitet am Fließband, denn sein Leben muss er sich irgendwie finanzieren. In Lager- und Fabrikhallen schleppt er Kisten, im Akkord und wie im Blindflug sortiert er Schnapsflaschen und füllt sie mit Hochprozentigem. „Ich habe Glück, dass ich nicht Alkoholiker geworden bin“, lacht er, „der Gruppenzwang zum Schnapstrinken war enorm.“ Zwingen lässt er sich ohnehin zu nichts. Das freie Leben in Berlin überzeugt ihn schließlich, hier zu bleiben.

Aufbruch mit Ängsten


Ob er noch Verbindungen in den Iran hat? Still überlegt er. „Ich bin seit meiner Ausreise nicht mehr im Iran gewesen“, sagt er nachdenklich und schiebt ein vergilbtes Photo ins schummrige Licht. Es zeigt eine Steinstrasse und einen kleinen Jungen mit dünnen Beinchen. Freunde und Familie haben ihm berichtet, dass sein Heimatort – ehemals eine Ansammlung von Dörfern – zu einer wuchernden Riesenvorstadt explodiert sei. Er kann es sich kaum vorstellen.

Doch stehen schon konkrete Pläne an. Kürzlich habe ihn Peter Raue, der Vorsitzende des Vereins der Freunde der Nationalgalerie, gefragt, ob er nicht eine Iran-Reise zu den Kunstschätzen und phänomenalen Sammlungen der Farah Diba, einst Kaiserin von Persien, organisieren könne. „Das kommt einem Auftrag gleich“, sagt er stolz. Er wisse, dass die Schah-Gattin in den 60er und 70er Jahren auf Auktionen und bei Sammlern des westlichen Kunstmarktes manisch eingekauft habe. Seit der Revolution und Machtübernahme durch die Mullahs lagern sie in den Kellern und Verliesen der Museen und Paläste. Unvorstellbar all die Picassos, Warhols, Lichtensteins und Rauschenbergs, Werke Moderner Kunst, von denen keiner Notiz nimmt. „Diese Schätze will Peter Raue heben.“

Und Kani Alavi soll die Expertendelegation anleiten. Für Ende dieses Jahres ist die erste Reise geplant. Einige wenige Freunde der Nationalgalerie, zwei Journalisten und ein paar Kunsthistoriker sollen zunächst eine Expertise erstellen.
Wie das Land auf ihn wirken, ob er nicht selber einem Kulturschock unterliegen wird, kann er schwer einschätzen. Es reizt ihn, das sagen seine schwarzen Augen und seine gespannte Haltung. Aufrecht gelassen. Mit einem Funken Unwägbarkeit, vielleicht Angst. Angst vor den unerträglichen Veränderungen in der eigenen Heimat.

zur homepage von kani alavi

 

 


ART
KÜNSTLER
KALENDER
Beliebte Beiträge
ABOUT US
Kontakt
Mission Statement
About us
nurart.org RUBRIKEN artists portraits Kani Alavi


© 2010 nurart.org