nurart.org


MAGAZIN
RUBRIKEN
FORUM
SEARCH
Neueste Beiträge
CB Login
JoomlaStats Activation
Freies Museum - Verrückte Meister PDF Drucken

Kultplatz der Freigeister

Die Verrückten Meister im Freien Museum in der Potsdamer Straße Berlin zelebrieren freie Kunst-Rituale

Rituale, gemeinschaftlich vollzogen, wirken einheitsstiftend, sie fördern Gruppenzusammenhalt und Verständigung. Was aber, wenn starke Künstlerindividuen sich zu einem Ritual zusammentun? Besteht dann nicht Explosionsgefahr? Wird solch ein Projekt nicht zum Hexenkessel, entstehen gar komplizierte Hierarchien?

von Irmgard Berner

Jeremie Martino, Chute/Fall, Öl auf Leinwand, 2009. photo: iberner

Verborgen in Berlins Potsdamer Straße, zwischen Tattooladen, Nagelstudio und libanesischem Import-Export in den abgeschabten Hinterhausräumen einer Fabrik von 1860, unternehmen „Die Verrückten Meister“ den Versuch, als Freies Ritual genau diese Art Energie in Kunst zu transformieren. Schon der Reiz des Ortes - einzig ein schlichtes Transparent an der Innenhoffassade besagt, dass hier das „Freie Museum“ seine Behausung gefunden hat - beflügelt nicht nur ihr freies Spiel der kreativen Kräfte sondern eben auch der künstlerischen Rituale.

Wie Guerillakämpfer haben sich zwanzig, meist junge Franzosen vorübergehend der Räume bemächtigt und hier mit ihren Kunstprozessen eingenistet, bespielen die drei Etagen und lassen ihre Visionen von Initiation, Kult, Tod und Täuschung in eine kollektive Inszenierung einfließen.

Mysterienwelten

Jeder von ihnen ist hinabgestiegen in seine eigene Mysterienwelt um darin zu experimentieren und nachzuforschen, wo seine ritualisierten Kunst-Handlungen liegen. Denkanstoß war ihnen Jean Rouchs Dokumentarfilm "Les Maîtres Fous" von 1954 über das Ritual einer westafrikanischen Sekte. Während im Film die Sektenmitglieder in Trance fallen und in die Rolle von Charakteren der britischen Kolonialmacht schlüpfen, haben sich die Künstler ihre eigenen Rollen geschaffen. Sie füllen die nackten Fabriketagen wie ein Gefäß mit Gemälden, Installationen und obskuren Objekten.

Archaisch bebt es unten im Hochparterre, ein tiefes Brummen durchdröhnt den dunkelrot schummrigen Raum wie das Innere eines Vulkans kurz vor der Eruption. Eine raumhohe „Sonne“ aus Gitarren, aufgefächert vor Silberfolie glitzert am Raumende, den Boden bedeckt ein weiterer Strahlenkranz aus Krawatten mit krudem Totenkopf im Zentrum. Plakative Zeichen aus dem Pop-art-Fundus des Schweizer Künstlers Patrik Vogt. Suggestiver geht Simon Bernheim in seiner voodoo-artigen Videoprojektion „Hellga“ vor, auf der in wechselnden Nahaufnahmen der bemalte Körper einer Tänzerin zu indianischen Rhythmen pulsiert.

Als exzessiver Zeichner erweist sich Jerome Zonder, der in der zweiten Etage Wände schwarz bemalt und lebensgroße Figuren, meist Soldaten, in sich wiederholenden Umrisslinien in den Malgrund kratzt. Hohle Augen starren aus Schädeln unter Helmen, die gezeichneten Figuren in Uniform vibrieren auf den Mauern als kämen sie aus einem Totenreich. Zeichnen als physischer Akt bis an die Limits - und als Ritual bis zur Erschöpfung.

In einen flüchtigen Schutzraum aus Holzrahmen mit Plastikplane hat Axel Pahlevi sein Gemälde eines getroffenen Soldaten gesetzt. Emilie Benoist klebt ein stahlgraues „Bio-Mineral“ wie einen gefährlich gezackten Morgenstern an ein Säulenkapitell. Es entpuppt sich als Origami: Das Ausgangsmaterial Papier hat sie x-mal gefaltet und wieder glatt gestrichen, dick mit Graphit bemalt und zu archaischen Skulpturen geformt. Ein Widerspruch in sich: Das leichte Material, die urtümliche Form und die Brutalität werden hier zum Paradoxon wie das des Freien Rituals selbst. Ein weiteres ihrer martialischen Objekte pfropft sie auf die Wandelemente von Julian Sirjacqs Installation „Darwin Social Club Part II: ‚Fear Escape’“. Benoist hinterfragt das Primitive im menschlichen Wesen – eine gelungene Intervention, die beispielhaft für die Kollaboration dieser heterogenen Künstlertruppe steht. Man spürt den starken kollektiven Willen in dieser Gruppenschau, mitunter schluckt er die individuelle Sprengkraft einzelner Werke.

Axel Pahlevi, Malerei Installation, 2010

Allein, die Künstler haben hier alles selbst gemacht, die Räume und ihre Energiefelder untereinander aufgeteilt und bis zum Schluss geschuftet für ihre Sache. Kuratoren gibt es im Freien Museum nicht, das ist Prinzip, und das Wort „frei“ weist genau darauf hin. „Künstler sind reich an Ideen aber arm an Orten“, sagt Kunstfreundin Marianne Wagner, die den Boden für diese Schaustelle bereitet und die Künstler hier ihre Ideen verwirklichen lässt. Die Kunst brauche Frei- und Denkräume, diese Erfahrung habe sie in zehn Jahren Projektarbeit gemacht; sie selbst bleibt aber im Hintergrund, zieht die Fäden, organisiert, mobilisiert und ist auch Initiatorin des Vereins Freies Museum - ein beispielhaftes, sehr lebendiges Projekt und vor allem: nicht-kommerziell. Warum aber „Museum“? Weil der Gedanke des Sammelns und Bewahrens ein wichtiger Aspekt des Konzeptes sei. Das Freie Museum soll sich zu einem Recherche-Ort entwickeln. Ein Archiv entsteht mit Arbeiten, Entwürfen, Dokumenten, Gegenständen, die die Künstler über die Jahre zusammentragen, denn „solch eine Sammlung spiegelt oft den Künstler selber wieder.“ Vielleicht wird ja bald jemand aus irgend einer Universität oder Kunsthochschule für seine Doktorarbeit im Freien Museum recherchieren.

Jerome Zonder, Wandzeichnung, 2010

Getragen wird das Projekt von privaten Unterstützern wie den Vermietern, von Sponsoren und dem Verein „Lawyers for the Arts“, der nach amerikanischem Vorbild kostenlose Rechtsberatung für Künstler anbietet und sich der Nachwuchsförderung verschrieben hat. Auch das ist also eine Besonderheit. Im Juli 2009 war Eröffnung, die Besucherbilanz ist schon beachtlich – und der Eintritt ist frei. Seitdem das Freie Museum hier seine von Markt und staatlichen Institutionen unabhängige Arbeit begann, ziehen immer mehr Galerien in die sonst noch so triste Potsdamer Strasse – und holen vorab schon mal Rat bei Marianne Wagner.

Sirenengesang

Und die “Verrückten Meister“ zelebrieren weiter ihre Rituale. In der obersten Etage des Backsteinbaus wird es denn auch heller. Sirenengesang lockt klangvoll schon im steilen Treppenhaus. Vorbei an von der Decke hängenden Stoffbannern mit Heiligenapplikationen strömt er aus der Kabine von Florence Obrechts Video-Performance „Never ending process“. Das Video zeigt junge Mädchen in weißen langen Kleidern, die dieselben Banner mit den Ikonen in einer Prozession eine einsame Landstrasse entlang tragen, begleitet von verhallenden Chorälen. Das alles mischt Traum und Teenagerfantasie im Achtminuten-Loop, offenbart ritualisierte Unschuld mit merkwürdig charmanter Wirkung. Ziemlich abgefahren und mächtig stimmungsvoll. Hier stimmen eben einfach Ort und Geist.

Florence Obrecht, „Never ending process“, Video, Installation, 2009

 

Axel Pahlevi, Installation, 2010

 

Freies Museum, Potsdamer Strasse 91, bis 5. März. Mo - Sa, 12 - 19 / Do bis 22 Uhr

photos: iberner | nurart

Die Verrückten Meister (Beteiligte Künstler): Emilie Benoist, Simon Bernheim, Thibault Bourgoing, Jonathan Cejudo, Florent Dumortier, Mathilde Fages, Natacha Ivanova, Nicolas Kashian, Francois Lannier, Jeremie Martino, Florence Obrecht, Axel Pahlevi, Marco Reichert, Sink, Julien Sirjacq, Patrik Vox, Kan Yamamoto, Yusuke Yamasaki, Jerome Zonder, Christoph Kolk

Dieser Artikel erschien auch in der Printausgabe der Berliner Zeitung, Berlin-Planer: Kunst, am 16.02.2010

 


ART
KÜNSTLER
KALENDER
Beliebte Beiträge
ABOUT US
Kontakt
Mission Statement
About us
nurart.org RUBRIKEN backgrounds Freies Museum - Verrückte Meister


© 2010 nurart.org