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Photo: Promised City - Glückssucher PDF Drucken

Suchen bis das Glück kommt

Das Willy-Brandt-Haus zeigt im Rahmen des Projekts „The Promised City“ Fotos über „Glückssucher“

Berlin, April 2010. In Strömen zieht es Menschen in die Ballungszentren der Metropolen, getrieben von Sehnsüchten oder aus der Not heraus, voller Erwartung und doch immer mit der Angst zu scheitern und aufgerieben zwischen Traum und Alptraum. Ein Photoprojekt sucht Augenblicke des Glücks  solcher "Glücksucher" aufzuspüren.

von Irmgard Berner

Versonnen hängt sein Blick irgendwo in der Ferne, sein müdes Gesicht lehnt am Straßenbahnfenster. Draußen ist es dunkel, schemenhaft blitzen die Lichter der Häuser vorbei. Zugleich ist sein Blick wie nach innen gewandt, die Gedanken wohl schon bei dem, was ihn am Ende der Fahrt erwartet. Mirek heißt der Mann auf dem Schwarzweißfoto von Damian Lemanski, und Mirek pendelt seit 15 Jahren 150 Kilometer von seinem Dorf zur Arbeit nach Warschau. Da, wo er herkommt, gibt es keine Arbeit, mit der er seine große Familie ernähren könnte. Er ist auf der Suche nach einem besseren Leben, auf der Suche nach dem Glück. Mirek geht es wie vielen Menschen, nicht nur in Polen. Sie nehmen große Strapazen auf sich, in der Hoffnung, es irgendwann besser zu haben. In Strömen zieht es sie in die Ballungszentren der Großstädte, getrieben von Sehnsüchten oder aus der Not heraus, voller Erwartung und doch immer mit der Angst zu scheitern und aufgerieben zwischen Traum und Alptraum.

Warschau, Berlin und das indische Mumbai sind die drei Metropolen, in die sich junge Fotografen für das internationale Projekt „The Promised City“ - die versprochene Stadt - mit ihren Kameraaugen aufmachten, um solche „Glückssucher“ auszuspähen. Im Willi-Brandt-Haus sind nun unter gleichnamigem Titel die unterschiedlichen Ergebnisse dieser monatelangen Recherche in einer Ausstellung zu sehen. In die Slums von Dharavi, den größten Asiens und im Herzen der Mega-City Mumbai mit ihren illegal und flächendeckend, oft auf Müllhalden gezimmerten Blechhütten wuchernd, ist Jonas Ludwig Walter vorgedrungen. Er zeigt Menschen zwischen Stolz und Resignation, die aber wie Ameisen auf fast groteske Weise soziale Strukturen und eine autonom funktionierende Industriestadt entwickelt haben, auf gestochen scharfen Farbbildern. Oder die verlockende Glitzerwelt von Shopping-Malls in der polnischen Hauptstadt Warschau mit ihren neuen Wohlstandsmilieus und dem Preis, dafür in „Gated Communities“, in geschlossenen Gemeinden zu wohnen. Klaustrophobisch und menschenleer liegen deren weiße Wohnblöcke mitsamt sauberen Einfahrten hinter Zäunen und Mauern abgesperrt auf den Bildern von Rami Tufi. Er greift damit ein Phänomen auf, das sich in immer mehr Metropolen rund um den Globus verbreitet und für eine Abschottung der zu Geld Gekommenen von der sozialen Unterschicht steht.

Im Gegensatz dazu Berlin: Nicht das Geld, sondern die Kunst ist hier der Magnet. International ist ihr Ruf so vielversprechend, dass es schon klischeehaft klingt, wie viele Künstler es hierher zieht. Alexander Labrentz hat mit latenter Ironie den Amerikaner und aus Kunstprinzip immer gelb gekleideten Performance-Künstler Theodor in seiner Arbeitswohnung aufgespürt und portraitiert den alles Recycelnden zwischen hoffnungsfroher Kreativität und der Leere des Scheiterns im Chaos.

Migration lautete das ursprüngliche Thema dieser kulturellen Initiative, die noch bis November 2010 läuft, Glückssucher und ihre Sehnsuchtsorte entwickelten sich dann zum essayistischen Metropolen-Motiv. Für die Fotografen, Studierende und Absolventen der Berliner Ostkreuzschule, der Warschauer Europäischen Akademie für Fotografie und Lodz sowie für die jungen Fotografen aus Mumbai war es eine große Aufgabe, die voller Unwägbarkeiten steckte und nicht immer leicht zu fassen war. Das Unerwartete mussten die Sucher der Glückssucher erwarten. Einige blieben dabei ganz der reinen Pressereportage verhaftet, vereinzelt aber gelingen Fotoessays von beeindruckender Unmittelbarkeit. Danny Klein etwa belichtet in ihrer Schwarzweißserie „Local Trains“ Momente in einem voll gepferchten Zug in Mumbai: Inmitten drängelnder, überdimensioniert wirkender Körper eingezwängt blickt das Gesicht eines jungen Mannes mit wachen und zugleich erschrockenen Augen direkt in die Kamera. Denn Zug fahren heißt hier, nie allein zu fahren, sondern immer mit einer Horde von Armen, Gemüsebergen, Fischen, Füßen, Fingern, Spucke und Tabakresten zu schwitzen, im Bahnhof auf das Trittbrett zu hechten und raus zu rattern. Man riecht förmlich den stinkenden Sumpf, hört den hupenden Lärm und spürt den täglichen Kampf in der Masse. Aus einem vergitterten Zugfenster baumelt ein Bein. In rasanter Unschärfe fährt der Zug in eine ungewisse Zukunft.

Willy-Brandt-Haus, Stresemannstr. 28. Bis 9. Mai (1. Mai geschlossen), Di - So 12 - 18 Uhr, Ausweis erforderlich

 


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