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Bis über die Schmerzgrenze

Provokateurin und Performerin: eine Hommage an die österreichische Künstlerin Valie Export zum 70. Geburtstag

Ihr erstes Kunst-Objekt ist eine Zigarettenpackung, ihr erstes Kunstwerk ist sie selber: VALIE EXPORT. Mit ihrem Künstlernamen, in Versalien geschrieben, erfindet sie ihre Identität. Das war 1966. Die Zigaretten der Sorte Smart Export macht sie fortan zum eigenen Label. Jetzt ist die Performancekünstlerin und Tabubrecherin 70 Jahre.

von Irmgard Berner

Den Entschluss, Künstlerin zu sein, fasst die 1940 im österreichischen Linz geborene Medienkünstlerin schon früh. Aber Waltraud Höllinger, so ihr bürgerlicher Name, will weder den Namen ihres Vaters, noch den ihres geschiedenen Mannes Lehner tragen. Und Ex-port heißt für Valie Export vor allem auch Hinausgehen, Erweitern, Weggehen.

Grenzen nicht nur überwinden, sondern sie wegschieben, um das Territorium zu erweitern. Und das tut sie mit Medien, die im Österreich der sechziger Jahren als nichtkünstlerisch gelten, über die es noch keine Reflexion gibt, die aber eine neue performative Ästhetik erzeugen: Land-Art, Performances, Installationen, Expanded Cinema. Zudem wird sie in dem repressiven Klima zu einer Frau mit dezidiert feministischem Standpunkt.

Im Dunstkreis des Wiener Aktionismus sorgt Valie Export - zusammen mit Peter Weibel, Hermann Nitsch und Kurt Kren ist sie Mitglied des von Otto Mühl und Günter Brus gegründeten "Wiener Instituts für direkte Kunst" - mit Körperaktionen und Expanded Cinema-Aktionen bald für Schlagzeilen. Einige dieser provokativen Arbeiten haben heute zweifellos ikonischen Status: Zwischen 1967 und 1972 entstehen bekannte Werke wie der „Tapp- und Tastfilm“. Darin fordert Peter Weibel in der Münchner Fußgängerzone, anlässlich des ersten Internationalen Treffens Unabhängiger Filmemacher 1968, Passanten auf, Valie Exports Brüste, die in einem um die Brust geschnallten Fernseher aus Pappkarton, dem Aktionsobjekt „Tapp- und Tastkino“, verborgen sind, für ein paar Sekunden anzufassen. Männer, die sonst anonym im Pornokino Frauen auf der Leinwand mit ihrem Blick „beherrschten“, sollten sich mit einer realen Frau „und der Haut als Leinwand“ auseinandersetzen. 1968 geht sie noch weiter und erfindet die im Schritt offene „Aktionshose: Genitalpanik“.

Repressives Klima

Die Auseinandersetzung mit dem Frauen-Bild in den neuen medialen Bildwelten bringt Valie Export überdies sehr schnell den Rang einer internationalen Pionierin der Medienkunst ein und macht sie bis heute zu einer der erfolgreichsten Künstlerinnen Österreichs. Dabei bricht sie sämtliche Tabus. In einem Klima, das radikale österreichische Künstler als kleinbürgerlich und verlogen empfanden, führt sie nicht nur die Illusion des Bildschirms vor Augen, sondern will auch die Grenzen gesellschaftlicher Konvention durchbrechen. Ihren Körper setzt Valie Export oft in radikaler und schmerzhafter Weise ein. Bei der Experimenta 4 in Frankfurt 1971 rollt sie für „Eros/ion“ nackt über Glasscherben, für „Body Sign Action“ lässt sie sich ein Strumpfband auf den Oberschenkel tätowieren.

Bei vielen ihrer Performances ist sie nackt. Mit dieser Nacktheit verweigert sie jede Zuordnung durch die Kleidung. Denn egal, was man trägt, es habe immer eine bestimmte Zuordnung und Konnotation. Würde sie jetzt noch, mit 70, nackt eine Performance machen? Nein, sagt sie, denn das Alter wäre die Zuordnung. Dennoch vermutet man hinter ihren Aktionen wie dem „Tapp- und Tastkino“ und der „Aktionshose Genitalpanik“ eine gehörige Portion Exhibitionismus. Aber als Exhibitionistin fühlte sie sich nie, eher gab es immer Hemmungen. „Doch im Moment der Performance schaltet man ab. Allerdings würde ich mich nicht im Anschluss an die Performance nackt vors Publikum stellen, um zu diskutieren“, sagte die Künstlerin schon damals.

Sexuelle Selbstbestimmung

Seit Mitte der siebziger Jahre verwirklicht sie mehrere Filmprojekte und nimmt 1977 und 2007 an der Documenta in Kassel sowie 1980 an der Biennale in Venedig teil. Insgesamt entwickelt sie jedoch deutlich weniger Werke; ihnen fehlt außerdem das Subversive und der Pioniergeist ihres Frühwerks. In der weiteren Entwicklung greift Valie Export immer wieder auf eigene Ideen zurück, um sie durch neue Kombinationen mit verschiedenen Medienformen zu „Medialen Anagrammen“ zusammenzusetzen, die als Angriff auf passive, unbewusste und damit kritiklose Weltannahme zu verstehen sind. Offensiv sucht sie aber weiter nach einem weiblichen Ausdruck sexueller Selbstbestimmung. Bei der Biennale in Venedig zeigt sie 2007 „glottis“, Aufnahmen ihrer Stimmbänder mit dem Laryngoskop. Sie ähneln nicht von ungefähr den Sexualorganen.

2009 kuratiert Valie Export mit Silvia Eiblmayr den österreichischen Pavillon der Biennale in Venedig. Aus der einstigen, radikalen Grenzgängerin ist jetzt eine feste Größe im „Betriebssystem Kunst“ geworden. Mit Preisen reich dekoriert - 1995 der EA-Generali-Skulpturenpreis, 2000 wird sie mit dem Oskar Kokoschka-Preis sowie dem Alfred-Kubin-Preis ausgezeichnet; 2003 mit dem Goldenen Ehrenzeichen Wiens und 2009 dem Ehrendoktorat der Kunstuniversität Linz - hat sich an ihren grundsätzlichen künstlerischen Anliegen, „Körper, Konzept, Medien“, wenig geändert. Und an der Gesellschaft auch nicht so viel, „wie ich in meinen Utopien gedacht habe“, sagt Valie Export. Gerade wenn man an Feminismus denke „hat man eher das Gefühl, dass man immer wieder von vorne anfangen muss“. Jetzt feiert Valie Export ihren 70. Geburtstag.

 

 

 


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