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Villa Romana Florenz PDF Drucken

Lorbeer für die Kunst

Videos, Papier und Schaumstoff: Villa Romana Stipendiaten zeigen nach zehn Monaten Florenz ihre preisgekrönten Arbeiten im Haus am Waldsee

Die schmalen Plastikstreifen schlagen, getrieben von einer plötzlichen Böe, in Richtung See aus, fallen zurück, bewegen sich nur noch leicht im Wind. Martin Pfeifle hat für seinen „HAW Pavillon“ drei Boxen offen ineinander verschachtelt und eine schöne, leichte Farbfeldarchitektur am Wasserrand geschaffen.

Martin Pfeifle: "HAW Pavillon", photo: hausamwaldsee

von Irmgard Berner

Die schmalen Plastikstreifen schlagen, getrieben von einer plötzlichen Böe, in Richtung See aus, fallen zurück, bewegen sich nur noch leicht im Wind. Dicht reihen sie sich als Vorhänge auf der hohen, zu begehbaren Kuben gebauten Stangenkonstruktion, blitzen weiß auf, dazwischen gelb, rot oder blau. So genau weiß man nicht, wo die eine Farbe anfängt und die andere aufhört, denn das Sonnenlicht verirrt sich in die fächelnd bewegten, schwerelosen Wände des Freiluftbaus am Seeufer des Hauses am Waldsee. Martin Pfeifle hat für seinen „HAW Pavillon“ drei Boxen offen ineinander verschachtelt und eine schöne, leichte Farbfeldarchitektur am Wasserrand geschaffen.

Sonne, Wind und Wetter machte auch Kalin Lindena zu ihren Kollaborateuren, allerdings in der Klimazone Mittelitaliens, genauer gesagt im Park der Villa Romana in Florenz. Denn dort war sie, wie Maritn Pfeifle, letztes Jahr Stipendiatin. Lindena legte, begeistert von dem Platz, der ihr im und um das Künstlerhaus zum Arbeiten angeboten wurde, die Terrasse mit Papier aus und eignete sich so den fremden Ort an. Bald arbeiteten nur noch Wind und Wetter weiter, zerrten an dem großen Stück und rissen es in Teile, die nun wie aus einer alten Landkarte befreite Kontinente in den Räumen des Hauses am Waldsee hängen. „UV und Regen auf farbigem Papier, Format windgerissen“ lautet der prosaische Untertitel des Werks, dessen eigentlicher Titel „ohne Titel“ heißt.

Ein spielerischer Umgang wohnt den Werken dieser Ausstellung inne. Das mag wohl auch an der Italienitá, an der kulturklimatisch begünstigten Atmosphäre der Ateliers in den Hügeln von Florenz liegen. Denn Martin Pfeifle, 1975 in Stuttgart und Kalin Lindena, 1977 in Hannover geboren, gehören zu den diesjährigen acht Villa Romana-Preisträgern, der jährlich für Stipendiaten des deutschen Künstlerhauses ausgelobt wird. Neben ihren Arbeiten sind Anna Heidenhain, die sinnlich reizvollen Bilder von Sebastian Dacey, Vitrinen von Olivier Foulon, ein Gemeinschaftsprojekt von Anna Möller und Eske Schlüters und Benjamin Yavuzsoys wunderbar absurd ironische Videoarbeit „Schnipselnachrichten“ zu sehen.

Die Einrichtung des Stipendiums im Jahre 1905 macht das Programm der Villa Romana zum ältesten deutschen Künstlerstipendium seiner Art. Die Initiative geht auf den Leipziger Bildhauer und Maler Max Klinger zurück und das Traditionshaus beherbergte schon Käthe Kollwitz und Max Beckmann, Ernst Barlach, Georg Baselitz und Katharina Grosse. Vor zwei Jahren, nach einer konsequenten Verjüngungskur und gründlichen Sanierung, konnte Leiterin Angelika Stepken, die nun auch die Preisträgerschau im Haus am Waldsee kuratierte, das Gebäude der Villa Romana wiedereröffnen.

Meist werden junge Künstler am Anfang ihrer Karriere gefördert. Die Preisträger dürfen zehn Monate in der Villa leben und arbeiten. Die Jury wechselt jedes Jahr, dieses Mal wählten Susanne Gaensheimer, Direktorin am Museum für Moderne Kunst in Frankfurt am Main, und die Bildhauerin Rita McBride, Professorin in Düsseldorf, aus. Träger ist ein gemeinnütziger Verein, Hauptförderer ist neben der Deutsche-Bank-Stiftung der Bundesbeauftragte für Kultur.

Trotz der aus einer bereits klassisch anmutenden Italiensehnsucht der Deutschen heraus entstandenen Initiative geht es inzwischen nicht mehr nur um deren Blick auf Italien. Der Preis ist internationaler geworden, die Künstler dürfen aus verschiedenen Teilen der Welt kommen, müssen aber in Deutschland leben und arbeiten. Erstmals werden die Stipendiaten des vergangenen und des aktuellen Jahrgangs in der Zehlendorfer Villa in der Schau „Alloro“ (Lorbeer) präsentiert. Sie zieht sich als ebenso luftig-minimalistischer wie detail-verspielter Korso mit Videos, Papier und Schaumstoff durch die hellen Räume.

Im Erdgeschoß kippt das Möbelkistenobjekt „Who needs it“ von Anna Heidenreich aus dem Lot und füllt fast das ganze Zimmer aus. Ein markiges Ding, das keinen Nutzen hat und in seiner vieleckigen, dreidimensionalen Form und der Bespannung aus rotbrauner Rohseide dennoch an einen schiefen Schranksessel erinnert und dabei zu fragen scheint: Ist das schon Kunst, oder doch noch Design? Die Antwort gibt der farbfreudig wehende Pavillon am See.

Haus am Waldsee, bis 15.08. Di-So 11-18, Mi 11-20 Uhr.

 


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