nurart.org


MAGAZIN
RUBRIKEN
FORUM
SEARCH
Neueste Beiträge
CB Login
JoomlaStats Activation
Berliner Kunstmessen PDF Drucken

Frische Flachware vom Satellitenmarkt

Sie heißen Kunstsalon, Berliner Liste, Preview und sind als Nebenmessen des Art Forums längst unverzichtbar für den Dialog

Der Berliner Kunstherbst hatte fünf Tage lang Hochsaison. Gutes  Schuhwerk und Augen auf vorausgesetzt, denn der Marathon hatte viele Gesichter.

Salvador Salcedo, "Fountain" 2010. Polyester resin with aluminium powder and iron. Seen at 3 Puntos, from Barcelona.

von Irmgard Berner

Berlin, Oktober 2010. Leuchtstoffröhren baumeln im abgewetzten Treppenhaus, Leinwände hängen ungerahmt auf Stellwänden in verwinkelten Kojen, Zettel mit schwarzen Pfeilen lotsen durch den labyrinthischen Rundgang. Als wäre das schon Kunst an sich - installativ, frech, direkt. Doch wie viel Ablenkung verträgt die eigentliche Kunst, wenn sie verkauft werden will? Einiges, wie man sieht: Anarchisch wild und aufgeweckt präsentiert sich die „Berliner Liste“ dieses Jahr zum Kunstmessenmarathon.

 

Neben der großen schicken Schwester Art Forum und den kleineren, der „Preview“ und dem „Berliner Kunstsalon“, versprüht die Berliner Liste diesmal den Charme des kultig Trashigen. Auf manch ein ausgestelltes Werk fällt dadurch schon mal mehr Glanz als ihm per se sonst innewohnt. Geschmack ist ja das eine, Qualität das andere, beides zählt beim Geschäft. Dafür sind die Messen nun mal da und bieten noch immer das geeignete Format, Kunst geballt an den Konsumenten – und den Sammler zu bringen. Bleibt nur die Frage: welche Form für welche Kunst.

Klaus Fritze, aus der Sammlung "Halbspalter" 2009

Als alternative Messe zum Art Forum stieg die Berliner Liste vor sieben Jahren in den Kunstherbst ein. Auf Galerien, die „neben der Spur“ sind, konzentrierte sie ihr Direktor Wolfram Völker, und auf experimentelle Kunst. Was letztes Jahr nicht so recht gelingen wollte, kann dieses Jahr überzeugen. Zum einen liegt es am reizvollen Standort in Berlins alter Mitte: der ehemaligen Münzprägeanstalt am Molkenmarkt gegenüber dem Nicolaiviertel und dem Roten Rathaus. Auf zwei Gebäude und mehrere Ebenen verteilt, hat die Liste die alten Büros, Werkshallen, Emporen und Flure in Beschlag genommen. Hier kann sich die Kunst am moribunden Reiz der Berliner Industriearchitektur der 30er Jahre auf 4 000 Quadratmetern Fläche von mehr als 200 Künstlern und 107 internationalen Ausstellern reiben.

Das Überangebot soll aber nicht abschrecken, denn zum andern liegt das Gelingen des diesjährigen Konzeptes an der Durchmischung: Neben etablierten und jungen Galerien wurden erstmals sogenannte Projektstände direkt an internationale Künstler vergeben, von Seoul bis Bogotá, von Barcelona bis Beirut und natürlich aus Berlin. Man entdeckt neben viel frischer Flachware auch Neues. Aufgefallen sind die Arbeiten von Eti Esther Naor. Die israelische Künstlerin formt aus gekochtem Reis ihre Malgründe, baut daraus kleine Mauerblöcke, setzt sie zu seifengroßen Stücken, langen Streifen oder Tafeln zusammen, schreibt mit Ölfarbe „surrender“ darauf, malt Soldaten oder gefallene Frauen auf die Miniatur-Mauern - Graffiti für ein globales Erinnerungsmal, auf fragilem, brüchigem Untergrund und als Metapher auch für psychische Mauern. In der Koje gegenüber hängen Akte wie Luftskizzen, auf durch Hitze verformte Kunstharzscheiben gemalt von Ulrike Bolenz. Die Galerie Michael Schmalfuss aus Marburg zeigt diese faszinierenden Installationen aus durchsichtigen Schichten übereinander gelagerter Licht-Schattenfiguren.

Viel schwarzen Raum hat der Photokünstler Torsten Warmuth für seine „Silver Paintings“ mit dynamisch verwischten Nachtschwärmern okkupiert. Eine Etage höher erschreckt der surreal am dunklen Meeresstrand bluttriefend liegende Wal auf Pierre de Mougins Großgemälde beim Durchgang in dessen Kuriositätenkabinett. Fast steril mutet dagegen die Präsentation der Galerie Förster an mit den an „Stolpersteine“ erinnernden Pflastersteinquadraten von Birgit Knappe.

„buy art!“ prangt auf dem großen roten Punkt des Berliner Listen-Plakats, und in der Tat kleben bereits am ersten Tag kleine rote Punkte neben so manchem Werk. Etwa bei Christine Kreuths im Geist des Informel der 50er Jahre gemalter, lyrischer Abstraktion auf Leinwand „St. May 2010.1“.

Insgesamt geordneter läuft es bei der Preview ab, der Messe für „Emerging Art“ und seit 2005 dabei. In rechten Winkeln reihen sich die weißen Kojen aneinander, auch diesmal wieder im Flughafen Tempelhof, im nüchternen Hangar 2. Mit der klaren Struktur nimmt die Preview zwar ein klassisches Messeformat auf, wirkt aber dennoch durchlässig und gesprächsbefördernd, vor allem da die Halle im zentralen Bereich wandlos offen bleibt. Aufgefallen ist hier der Stand der „wilde gallery“, wo die Fassadenillusionen auf Pappkarton des Streetarists Evol starke Synergien mit dem Haufen Bauschutt und Photografien der Performance-Künstlerin Madeleine Stillwell eingehen.

Als drittes reiht sich nun schon der 7. Berliner Kunstsalon in den Messe-Reigen ein. Das rotzige Kind unter den Kleinen ist braver geworden, aufgeräumter. Die Salon-Idee stammt bereits aus den 20er Jahren, mit dem Ziel, den Austausch zwischen Künstlern, Galeristen und Besuchern zu befördern. Der Ort ist auch hier Konzept: er liegt in dem ehemaligen Zentralvieh- und Schlachthof, 1881 erbaut, einem Backsteinbau mit Graffiti und dem Flair der frühen Wendejahre. Die verwitterte, von schlanken Säulen gegliederte Halle ist nun mit Stellwänden messetauglich ausgestattet. Von Roland Klümpen angeleitet, stellen über 100 Künstler ihre Werke aus. Ein schöner Zufall, sogar Kunstwerke treten in Dialog miteinander: Der Seh-Roboter von Matthias Krinke hat sein computergesteuertes Auge weg vom Besucher hin zu der nackten Renaissance-Schönheit „Helene“ in Öl auf Leinwand von Christian Heller geworfen und zwinkert ihr aus grünen Augenringen zu.

So, wie bisher die drei alternativen Messen als Satelliten das Art Forum umblinkten, befördern sie inzwischen; das ist dieses Jahr ganz stark zu spüren, als immer wichtigere Ergänzung für den Dialog in der Kunststadt Berlin.

Francesco Disa, "Verde", 2010. Berliner Kunstsalon

 


ART
KÜNSTLER
KALENDER
Beliebte Beiträge
ABOUT US
Kontakt
Mission Statement
About us
nurart.org RUBRIKEN art fairs Berliner Kunstmessen


© 2010 nurart.org