nurart.org


MAGAZIN
RUBRIKEN
FORUM
SEARCH
Neueste Beiträge
CB Login
JoomlaStats Activation
Harun Farocki - Kunsthaus Bregenz PDF Drucken

Ernste Spiele

Sie heißen Immersion, Auge/Maschine oder Deep Play - die Film-Essays von Harun Farocki prägen seit den 1960er Jahren die Geschichte des politischen Films maßgeblich.

Bregenz, Oktober 2010. „Wir jagen nicht in der Wildnis, wir schießen auf Tiere, die schon gefangen sind“, lautet ein Zwischenkommentar in Harun Farockis Video-Installation „Gegen-Musik“ von 2004. Durch Überwachungskameras beobachtet der Filmkünstler einen Tag im Leben einer Großstadt und collagiert die Bilder mit historischem und selbst gedrehtem Material. Der Mensch im Käfig seiner eigenen Sicherheitssysteme,...

Harun Farocki, Immersion, 2009. 2-Kanal-Videoinstallation, Farbe, Ton, 20 Min. Courtesy Galerie Thaddaeus Ropac, Salzburg/ Paris. © Harun Farocki Filmproduktion

von Irmgard Berner

Zählmaschinen und Produktionsapparate, in Strassen, Autos und auf öffentlichen Plätzen. Die Venen der Großstadt, ihr Herzschlag und ihre Hirnströme – kann man sie überhaupt darstellen?

Fragen wie diese stellt Harun Farocki seit Jahren mit seinen Filmen. Das Kunsthaus Bregenz zeigt sie nun mit neuer Thematik. Die Ausstellung „Weiche Montagen / Soft Montages“ umfasst den Schaffenszeitraum von 1968 bis heute und zeigt erstmals drei Videoinstallationen, die Teil der Serie „Ernste Spiele“ sind und mit Unterstützung des KUB realisiert wurden. In rhythmischen Sequenzen montiert Farocki darin Aufnahmen, die er in Militäreinrichtungen der USA gedreht hat, mit Ausschnitten aus Computersimulationen zu jeweils acht Minuten langen Videofilmen. Er verwendet die an Spiele erinnernden Programme, die von Soldaten genutzt werden, um an ihren Rechnern den Ernstfall im Irak, in Afghanistan und in potenziellen Krisengebieten zu proben. Eine weitere Variante stellt die zur selben Serie zählende Arbeit „Immersion“ dar, bei der es um simulierte Inszenierungen traumatischer Kriegserlebnisse der Soldaten geht, die zu therapeutischen Zwecken eingesetzt werden.

Harun Farocki (rechts) und Kameramann Ingo Kratisch bei Dreharbeiten in Burkina Faso, 2006, für Vergleich über ein Drittes. Foto: Matthias Rajmann

Harun Farocki ist ein Filmemacher und Künstler, dessen Werk die Geschichte des politischen Films seit den späten 1960er Jahren maßgeblich geprägt hat. Neben über 100 Produktionen für Fernsehen und Kino hat Farocki seine Überlegungen zum Verhältnis von Gesellschaft, Politik und bewegtem Bild auch als langjähriger Autor und Redakteur der Zeitschrift „Filmkritik“, als Kurator sowie als Professor in Berkeley und Wien vermittelt. Das Verhältnis von Technik und Krieg spielt bereits in seinen früheren Arbeiten eine entscheidende Rolle. In der aus drei Installationen bestehenden Serie „Auge/Maschine“ (2001–2003), die zusammen mit „Ernste Spiele“ im ersten Obergeschoss des KUB vorgestellt wird, setzt Farocki dieses zu wirtschaftlichen Produktionsbedingungen in Beziehung. Er zieht Vergleiche zwischen Überwachungsmechanismen in kriegerischen Auseinandersetzungen und dem Einsatz von Kameras an zivilen, öffentlichen Orten und zur Kontrolle von Arbeitsabläufen in hoch technisierten Industrieanlagen. Aus seiner Sicht ersetzen Krieg und Industrie gleichermaßen zunehmend das menschliche Auge durch Computer, Maschinen übernehmen die natürliche Augenarbeit.

Zu sehen ist auch die Arbeit „Deep Play“ - sicherlich eine der bekanntesten und beliebtesten Arbeiten Farockis, die auf der letzten „documenta“ (2007) viel Aufsehen erregte. Auf zwölf Projektionsflächen sieht sich der Besucher mit verschiedenen Blicken auf das WM-Endspiel von 2006 konfrontiert. Farocki kombiniert nicht nur die für die regulären Zuschauer damals sichtbaren Bilder des Spiels, sondern auch computergenerierte Abstraktionen des Spielflusses mit Vektorvermessungen von Spielerkörpern und einzelnen Spielern in der Nahsicht. Wir hören und sehen, wie die Analysten das Spiel kommentieren und beobachten die Reaktionen der Trainer. Zugleich enthält Farockis Arbeit auch die weniger spannenden Bilder von Kameras, die leere Versorgungswege und verlassene U-Bahn-Stationen oder den sich verfärbenden Sommerhimmel einfangen. Das Spiel, das im Sommer 2006 1,5 Milliarden Zuschauer auf der ganzen Welt verfolgt haben, wird hier zu einer Metapher für das komplexe Verhältnis von Unterhaltung, Kontrolle, Kampf und Medien.

Harun Farocki Vergleich über ein Drittes, 2007. 2-Kanal-16-mm-Filminstallation, Farbe, Ton, 24 Min. © Harun Farocki Filmproduktion

Harun Farocki, Portrait. Foto: Hertha Hurnaus

Deep Play, 2007 12-Kanal-Videoinstallation, Farbe, Ton, 135 Min. © Harun Farocki Filmproduktion

Harun Farocki, 1944 geboren in Nový Jičín (Neutitschein), gelegen in dem damals von den Deutschen annektierten Teil der Tschechoslowakei, lebt in Berlin. 1966–1968 Studium an der Deutschen Film- und Fernsehakademie Berlin (West). 1974–1984 Autor und Redakteur der Zeitschrift Filmkritik, München. 1998–1999 Speaking about Godard / Von Godard sprechen, New York/ Berlin (zusammen mit Kaja Silverman). 1993–1999 Gastprofessur an der University of California, Berkeley. Seit 1966 über 100 Produktionen für Fernsehen oder Kino: Kinderfernsehen, Dokumentarfilme, Essayfilme, Storyfilme. Seit 1996 zahlreiche Gruppen- und Einzelausstellungen in Museen und Galerien. 2007 mit Deep Play Teilnahme an der documenta 12. Seit 2004 Gastprofessor, seit 2006 ordentlicher Professor an der Akademie der bildenden Künste Wien.

Kunsthaus Bregenz, HARUN FAROCKI Weiche Montagen/ Soft Montages  23 | 10 | 2010 – 09 | 01 | 2011

 


ART
KÜNSTLER
KALENDER
Beliebte Beiträge
ABOUT US
Kontakt
Mission Statement
About us
nurart.org RUBRIKEN backgrounds Harun Farocki - Kunsthaus Bregenz


© 2010 nurart.org