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Manila - artists of the Philipines PDF Drucken

Postkoloniale Kunstrebellen

Im Freien Museum zeigen zum ersten Mal Künstler aus Manila ein spannendes Spektrum ihrer Arbeiten

Berlin, Oktober 2010. Manila - das ist ein buntscheckiger Schmelztiegel im fernen pazifischen Ozean. Und dennoch ist die Hauptstadt der Philippinen ein weißer Fleck auf der Kunstlandkarte. Dass sie eine lebhafte Kunstszene birgt, blieb im Kunstbeflissenen Europa bisher so gut wie unbekannt. Aber in dem brodelnden Kultureintopf tummeln sich Kunstrebellen, die ihre aus spanischen, japanischen, britischen, amerikanischen Nährstoffen voll gesogenen Adern zum pulsieren bringen und oft unter prekären Umständen Kunst machen.

Photo: David Grigg, aus der Serie "New York London Paris Rome Manila City Jail", 2009. Es zeigt in tätowierter Strafgefangener im Manila City Jail.

von Irmgard Berner

Sie wollen sich nicht vereinnahmen lassen von der vom Kitsch verzerrten, kommerziellen heimischen Kunstproduktion. Staatliche Förderungen gibt es nicht. Allein die Gesetze des freien Marktes regieren. Konzeptkunst etwa, oder ironisch gebrochene, kritische Darstellungen stoßen oft auf Unverständnis und Ablehnung.

Manuel Ocampo, Kurator, Organisator und Künstler, will raus aus diesem inneren Kreislauf und hat 14 Künstler aus dieser Szene um sich geschart. Durch Versteigerungen ihrer eigenen Arbeiten sammelten sie Gelder und machten sich auf die Reise, um im Freien Museum in Berlin mit „Bastards of Misrepresentation. Doing Time on Filipino Time“ zum ersten Mal in Europa auszustellen. Der etwas sperrige Titel verrät aber bereits die Ironie, mit der die Akteure aufgrund ihrer hybriden kulturellen Herkunft hier auftreten: ein Volk aus Mischlingen in einem postkolonialen Land, dessen politisches Erbe von der „Entstellung seiner Menschen durchdrungen ist“.

Der Titel ist Programm, das Programm ihr Glaube an die Autonomie der Kunst. Hier heißen die entstellten Bastarde Pow Martinez, Romeo Lee, Maria Cruz, Gaston Damag oder David Griggs; Poklon Anading, Argie Bandoy, Bea Camacho, Lena Cobangbang, Robert Langenegger, Jayson Oliviera, Jucar Raquepo, Gerardo Tan und MM Yu. Auch wenn manche inzwischen in Paris, London oder Berlin leben, sind sie in ihrer Heimat aktiv; einige haben wichtige Preise gewonnen.

Mit ihren künstlerischen Mitteln liegen sie am Puls der Zeit, den Schwerpunkt setzt auf den drei Etagen neben Photo- und Videoarbeiten aber eine erzählende figurale Malerei. So verweigert sich Pow Martinez, 28, jeglichem „poliertem Denken und greller photorealistischer Malerei“, wie er auf dem Kunstmarkt in seiner Heimat omnipresent ist. Er provoziert durch großflächige Skizzenmalerei mit schwarzschlierigen Geister- und Dämonenmotiven im Stile eines Jonathan Meese. Auf dem Dachboden des Freien Museums fand er Mengen von Pappkartons, die er im Erdgeschoss in einem wilden, müllig hindrapierten Haufen mit Pinsel und Farbe traktierte und sie mit einem Gemisch aus Industrial Sounds und Synthesizerrauschen erschallen lässt. Der junge Maler, Musiker, Performer sublimiert Undergroundgroove in den Museumsraum und lässt sich dabei von Zufall und offenen Prozessen leiten – in diesem Fall von seinen Begegnungen mit Berlin. Damit steht er paradigmatisch für diese Ausstellung und die Absicht von Manuel Ocampo, der das „Interaktive“ an der Berliner Kunstszene schätzt.

Geordneter und bewusst kompositorisch baut Maria Cruz ihre dreidimensionale Malerei: eine Hütte aus weißen und farbigen Baumarktplatten im Aufmass eines „Sarisari-Stores“. Diese improvisierten Verkaufsbuden, ähnlich unseren Imbissbuden, sind im Straßenbild und –alltag von Manila fest verankert. Ihre „Form folgt immer der Funktion“, Cruz gestaltet daraus Farbfeldarchitektur mit Bauhausbezug.

Eine starke Position bildet die Rauminstallation „New York London Paris Rome Manila City Jail“ von David Grigg. Drei Photografien mit tätowierten Strafgefangenen, ein naiv und farbkräftig gemaltes Familienportrait schräg in den Raum mit Hanfseilen gespannt – Grigg ließ es von einem Plakatmaler anfertigen - und ein blauer Basketballkorb entstanden aus politisch aufgeladenen Interaktionen, mit dem (Galgen)Humor der Straße. In diesem Sinne betreibt der gebürtige Australier auch den Projektraum Lostprojects in Manila. Romeo Lee, Punkrocker und Bergsteiger, hingegen spitzt seine Umgebungsbilder am liebsten ins ironisch Comichafte zu. Ganz anders die grellgrünen Landschaften Robert Langeneggers, in denen animalische Menschenwesen kopulieren, gebären, schießen – Schockbilder zur sozialen Deformation seiner Heimatstadt Manila.

Manuel Ocampo und seiner Gruppe gelingt es, Farbe auf den weißen Landkartenfleck zu bringen, bleibend ergänzt durch den ausführlichen, reich bebilderten Katalog.

FREIES MUSEUM, bis 21. November 2010

Photo rechts: David Grigg, aus der Serie "New York London Paris Rome Manila City Jail", 2009. Bild unten: Romeo Lee bei der Arbeit im Freien Museum.

 


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