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Moderne Kunst in Doha PDF Drucken

Doha - Zeitgenössische Kunst auf Arabisch

Arabiens neues Gesicht: Der Reichtum der Scheichs fließt nun auch in kulturelle Projekte - nach internationalen Standards

Der Wüstenstaat Katar will an der Universalsprache der modernen Kunst teilhaben. Das Land im Nahen Osten will damit seine Großstädte auch für den Tourismus attraktiver machen. Dafür gibt es nun in Doha ein eigenes Museum.

Es stürmt in Doha im Wüstenemirat Katar. Winterliche Sandstürme kann auch der Reichtum des Emirs nicht verhindern, erfuhr Eduard Erne für Kulturzeit. Dort, wo am Abend die Gala zur Eröffnung des Arabischen Museums für moderne Kunst stattfinden soll, peitscht feiner Sand durch die Luft. Es ist ein Prestigeobjekt, stolz "Mathaf", "das Museum" genannt, für moderne arabische Kunst aus den letzten 150 Jahren. Ein Tross der Weltpresse wirft einen ersten Blick auf die Exponate. Das Interesse ist immens, denn der Islam gilt als bilderfeindliche Religion. Was wie abgebildet werden darf, wird unter Religionswissenschaftlern kontrovers diskutiert. Wie passen schrille, provokante Bilder in die arabische Welt? Oder Kunst, die die brennenden Fragen der Moderne stellt? Wie wirkt moderne Kunst auf eine islamische Gesellschaft, die für hohe religiöse Sensibilität bekannt ist?

Vorreiter der modernen arabischen Kunst

Dass sich Katar für moderne Kunst öffnet, ist vor allem das Verdienst von Sheikh Hassan bin Mohammed bin Ali Al Thani. Er ist der Motor, der Initiator und der Sammler des Museums. Spontan führt er uns durch die Ausstellung, die nur einen Teil seiner reichen Sammlung zeigt - den Aufbruch der arabischen Kunst in die Moderne. Ein Thema, das im arabischen Raum bisher keine Beachtung fand, wie uns die Chefkuratorin des Museums, Wassan al-Khudhairi, erläutert. "Wenn man die Geschichte studiert, dann erfährt man wenig über Kunst aus der arabischen Welt", sagt sie. "Man lernt islamische Kunst kennen, das antike Ägypten und Mesopotamien. Aber man erfährt nichts über moderne Kunst aus der arabischen Welt. Diese Sammlung war ein erster Schritt, die Eröffnung des Museums der zweite, und nun wollen wir forschen, den Dialog beginnen, damit wir die Geschichte der modernen arabischen Kunst schreiben können."

Banal ausgedrückt ist es eine Bestandsaufnahme, tatsächlich aber auch ein historischer Schritt in die Moderne. Einige der ausgestellten Werke sind in Doha entstanden. Sheik Hassan lud Künstler ein, gab ihnen die Möglichkeit, ihre Ideen zu verwirklichen. Erstaunlich sind die Frauenporträts. Sie entsprechen nicht im Geringsten den westlichen Vorurteilen. Sie zeigen keinen Schleier, keine Verhüllung. Sogar Nacktheit ist ein Thema, wenn auch äusserst dezent. "Scheich Hassan hat sich keine Grenzen gesetzt, welche Bilder er in die Sammlung aufnimmt", erklärt die Kuratorin. "Und wir setzen uns keine Grenzen, welche Bilder wir zeigen. Das Museum will den Dialog anbieten. Wir wollen ein Ort sein, wo man Ideen austauscht, und manchmal führen Ideen zu Konflikten, manchmal nicht. Das alles soll hier möglich sein."

Erkunden, kreieren, erneuern

Selbstbewusstsein ist das Signal, das von diesem Museum in die Kunstwelt gesendet wird: Die arabische Moderne hat einen Ort gefunden, und der heißt Doha. Gleich neben dem Museum finden sich die Slogans für Katars Aufbruch: "Erkunden, kreieren, erneuern". Dort entsteht ein weiterer Teil von Education City, einem Ort für Forschung, Innovation und Zukunftstechnologien. Mit seinem Bewusstsein für Tradition und Moderne ist das Emirat in der Wüste längst schon ein Global Player.

Bei der feierlichen Eröffnung des Museums feiern Galeristen und Künstler aus aller Welt ein rauschendes, wenn auch alkoholfreies Fest. Längst ist der Kunstmarkt dem Ruf der spendablen Scheichs gefolgt. Und die Kunstwelt ist neugierig auf junge arabische Künstler. Die Schweizer Kuratoren Bice Curiger und Hans-Ulrich Obrist sind im Gespräch mit Jeff Koons. Man trifft sich, tauscht sich aus beim Kunstevent unter freiem Himmel, trotz Sandsturm. "Das ist schon sehr speziell", sagt Curiger. "Es ist etwas, was nicht so oft passiert, was hier heute ist. Es ist wirklich ein echter Mix von westlicher und arabischer Kunstwelt." Wäre nicht das Staatsoberhaupt, der Emir höchstpersönlich, zur Eröffnung erschienen, man hätte sich in einer Galerie in London, Paris oder New York gewähnt, und nicht in einem Land, wo der Islam Staatsreligion ist.

Keine Klischees

Mit exzellenter Sicht auf die Skyline, auf Dohas neues Gesicht, zeigt das Museum junge zeitgenössische Kunst. Die Ausstellung "Told-Untold-Retold" bietet starke Einblicke in arabische Gesellschaften. Die Künstler leben meist in den Metropolen des Westens, beziehen ihre Themen aber aus der Heimat und beherrschen die Sprache der internationalen Kunst. Die Kuratoren Sam Bardaouil und Till Fellrath besorgten eine Ausstellung abseits der Klischees. "Wir wollten nicht wieder diese Problemthemen ansprechen, wie die Rolle der Frau zum Beispiel oder die Konflikte in der arabischen Welt", sagt Till Fellrath. "Wir haben ein Jahr lang mit den Künstlern Projekte entwickelt, die ganz neue Punkte in ihrem künstlerischen Schaffen zeigen. Es sind sehr persönliche Werke und Geschichten, die ihren Ursprung in der Vergangenheit haben, und Geschichten, die einen Ursprung in der Gegenwart haben und solche, die vielleicht eine Vision für die Zukunft entwickeln."

Einer der Stars der Ausstellung ist der Mann mit der Kamera im Kopf, Wafaa Bilal und sein Projekt "The Third Eye". Alle 30 Sekunden sendet Bilals Kamera ein Bild in die Ausstellung. Gibt es für den Künstler Grenzen bei der Jagd nach Aufmerksamkeit? "Eigentlich gibt es keine Grenze, aber es geht nicht darum, Aufmerksamkeit zu erregen", sagt der Künstler. "Es geht nur um die Idee, an die man glaubt. Und wenn ich nicht an dieses Projekt glauben würde, dann hätte es nicht den Erfolg, den es schon hat." (rechts: Cafeteria)

Der Iraker Adel Abidin verarbeitet seine Geschichte in einer Installation voller bitterböser Ironie. Man hört in einem Flur Propaganda-Lieder, Verherrlichungen des Regimes von Saddam Hussein. Der entlarvende Remix besteht aus derselben Propaganda, doch hier als Pop- oder Jazzsong mitsamt coolem Video. "Bei Allah: Wir schulden unser Leben Deinem Schnauzbart, wir messen unser Leben an Deiner Größe, auch im Tod geben wir nicht auf", heißt es im Text. Es ist eine spöttische Arbeit, aber auch eine politische, angesichts der Tatsache, dass es kaum Demokratien gibt im arabischen Raum. Die Nacht strahlt in Doha. Katars Auftritt als Ort für moderne Kunst ist gelungen. Die Eröffnung des Kunstzentrums wirkt wie ein Signal, das weit hinaus strahlt: Dies ist die Hauptstadt einer modernen Gesellschaft.
04.01.2010  /  Eduard Erne für Kulturzeit / tm


URL dieses Artikels:
http://www.3sat.de/kulturzeit/tips/150697/index.html


2011 / 3sat

 


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