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Mathilde ter Heijne - Lentos PDF Drucken

Empire der Frauen

Skulpturen des Ichs: „Any Day Now“ wirft einen Blick auf die feministische Perspektive in Mathilde ter Heijnes Werk

Drastisch erkundet Mathilde ter Heijne Dimensionen des Weiblichen. Im Lentos Kunstmuseum in Linz pflegt die niederländische Künstlerin Mathilde ter Heijne eine längst obsolet geglaubte Art von Feminismus.

von Irmgard Berner

Mathilde ter Heijne, "Menschen Opfern | under pain of death" detail, 2002

Im Dialog mit lebensgroßen Dummies ihrer selbst spielt sie durch, wozu Frauen unter dem Einfluss von patriarchalen Repressionen, religiösem Eifer, Depressionen und romantischer Verblendung in der Lage sind. Sie schafft sich Doppelgänger, lebensgroße Alter Egos, Skulpturen, für die sie ihr eigenes Gesicht und ihre Hände in Abgüsse formt. In ihren Installationen, Audio- und Videoarbeiten vervielfältigt sie ihre Identität und gestaltet ein reduntantes Rollenspiel: Ihre skulpturalen Ichs durchleben gesellschaftliche Konflikte, große Gefühle wie Schuld und Verzweiflung, Fanatismus und Selbstaufgabe, Egoismus und ideologische Unduldsamkeit, den schmalen Grat zwischen erzwungener Unterwerfung und freiwilliger Selbstaufopferung.

Dieser Prozess der Sichtbarmachung führt Mathilde ter Heijne zu ihren eigentlichen Themen: Matriarchatforschung, Traumatherapie oder Selbstmordattentate. Vor allem in den frühen, an Special-Effects reichen Videos und Installationen fällt die Inszenierung der Befreiungsschläge dramatisch aus, mutet aber . Während sich darin die Doubles noch in die Luft sprengen, von Brücken stürzen oder selbst verbrennen, gehen die neueren Arbeiten nachsichtiger mit dem eigenen Leben um.

Einen Blick auf diese feministische Perspektive wirft die Ausstellung „Any Day Now“ im Kunstmuseum Lentos. Die Kraft von Gewalt und Schmerz, von kulturellen Rollen und Überlieferungen zeigt sie in Videos, Fotografien und Installationen. In extraweiche Wollponchos hat die 1969 in Straßburg geborene Künstlerin Muster archaischer, matriarchalischer Kulturen eingewebt: Behaglichkeit kann offenbar erst da entstehen, wo Frauen das Sagen haben. Im Lentos leben nun außerdem alte Hexen- und Mondbeschwörungsrituale wieder auf.

Die Fotoserie der „Unknown Women“ (2010) zeigt Frauenporträts basierend auf historischem Bildmaterial, das ter Heijne aus Bildarchiven, in Antiquariaten und im Internet zusammengetragen hat. Über das Leben der Unbekannten ist nichts überliefert, jedoch werden sie durch ter Heijnes Arbeit aus der Anonymität geholt und nach ihrer individuellen, weiblichen Identität gefragt. Zugleich thematisiert sie die unsichtbaren Mechanismen (prä)historischer Symbolsysteme und einer selektiven Geschichtsschreibung - mit weitgehender Abwesenheit von Frauen.

Eine intensive Recherchereise in den Südosten Chinas 2007 zu den Mosuo begründet die Arbeit „Reconstruction of the Zumu of the Qiau Zi Family“. Die Mosuo sind ein in der Provinz Yunnan lebender Volksstamm mit einer bis heute lebendigen, matriarchalischen Gesellschaftsordnung. Das Mosuo-Haus dient als Lebensraum und ist zugleich Sinnbild dieser Gemeinschaft. Der dazugehörige Comic „The Empire of Women – Not a Fairytale“ erzählt auf diversen Text- und Bildebenen von der Reise der Künstlerin und ihres Teams zu dieser Minderheit an den Lugu-See. Es schildert - allerdings mit starkem Hang zur Verklärung - wie die Künstlerin ein traditionelles Mosuo-Haus erwirbt, um es „als Boten dieser Lebensform“ in einer Ausstellung in Peking präsentieren zu können. Die Kopie eines solchen Holzhauses zeigt das Lentos - zusammen mit dem Comic-Buch zum kostenlosen Mitnehmen.

Ter Heijne recherchiert nicht nur und bringt vergessene gesellschaftliche Phänomene ans Licht, sondern macht sich auch Erscheinungsweisen des Spektakels zueigen. Sound und Licht spielen eine Rolle wie die Körperabgüsse der Künstlerin selbst. In der Soundinstallation „F.F.A.L. Fake Female Artist Life“ (2003-2007) gibt sie fiktiven Künstlerinnen ihre Gestalt und Stimme für Textfragmente aus Büchern. In „Small things end, great things endure“ stellt sie als Video/Sound-Installation die Frage nach einer kollektiven Schuld an politischen Verbrechen - und inszeniert dafür in ihren eigenen Flammentod. Drastischer geht es kaum. Gewiss besitzt ter Heijnes Kunst starke Momente. In Österreich kennt man Arbeiten von ihr bereits aus Gruppenausstellungen. Wirken einzelne ihrer Werke im Kontext mit anderen Künstlerinnen und Künstlern bereichernd, so offenbaren sie in ihrer Geballtheit jedoch drastisch ihre Schwächen - bei näherer Betrachtung sind sie grundiert von einem mittlerweile obsolet geglaubten Feminismus, der Frauen westlicher Gesellschaften ausschließlich als Opfer einer Männerdiktatur sieht. Angesichts derartiger Schlichtheit verspürt man beinahe den kindischen Reflex, eine Hymne auf den Machismo anstimmen zu wollen.

Kunstmuseum Lentos:

MATHILDE TER HEIJNE. Any Day Now

21. Jänner - 27. März 2011
 


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