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Chimärenreiche

„Al-Burak II“ oder das fiktive Museum des libanesischen Künstlers Mohamad-Said Baalbaki - in der Kunstkammer im Georg-Kolbe-Museum Berlin

Berlin, März 2011. Kühn schwingt er den Kopf nach hinten, schwarze Locken umwehen des Jünglings Antlitz. Sein kräftiger Hals wächst aus einem zierlichen Pferdekörper, kurze Flügel helfen den Hufen beim abgehobenen Spurt durch das Reich. Antik oder kopiert, wahr oder fiktiv?

von Irmgard Berner

Miniatur bin Alis: Hussein bin Ali (Istanbul 1853 – Amman 1931), Emir von Mekka und Führer der „Arabischen Revolte“. Nach der Abschaffung des Kalifats durch Atatürk erklärte sich Hussein 1924 zum Kalifen. Dadurch isolierte er sich endgültig in der arabischen Welt. Sein ärgster Widersacher, Abd al-Aziz ibn Saud, überfiel mit seinen wahabitischen Kriegern den Hedschas. Nach dem Verlust von Mekka trat Hussein den Königstitel an seinen ältesten Sohn Ali ibn Hussein ab. Er selbst floh ins Exil nach Zypern und starb 1931 in Amman.

Auf jeden Fall handelt es sich bei der grazilen Kleinskulptur um al-Burak, das geflügelte Pferd aus der islamischen Mythologie. Auf ihm soll Mohammed der Prophet in einer „Nachtreise“ von Mekka nach Jerusalem geritten, nein geflogen sein. So steht es im Koran. Burak heißt auch kleiner Blitz, ähnlich dem griechischen Pegasus, der Blitz und Donner zu Zeus in den Olymp brachte. Seit des Propheten Ritt im 7. Jahrhundert sind viele kulturelle Wandlungsstürme durch die arabischen Lande gefegt. Der Blick dorthin erfährt angesichts der beschleunigten Umwälzungen in diesen Tagen brisante Aktualität.

Der libanesische Künstler Mohamad-Said Baalbaki, 1974 in Beirut geboren, greift in seiner Installation „Al-Burak II“ den Burak-Mythos nicht aus rein religiösen Gründen auf. Vielmehr interessiert ihn auch der ideologische Aspekt seiner kulturellen Überlieferung in der bildenden Kunst. Er begreift Burak als Symbol für den Wandel, den das fliegende Ross in der islamischen Ikonografie im Lauf der Jahrhunderte im persischen, türkischen und arabischen Bilderkanon erfahren hat – und dabei so manch abendländische Züge trägt.

Das menschenköpfige Reittier des Propheten und dessen mutmaßliche Geschichte sind zudem eng verwoben mit der Herkunft Baalbakis. Aufgewachsen in den Wirren des Bürgerkriegs im Beirut der 70er und 80er Jahre, begeisterte er sich schon früh für das Sammeln und alles Museale. Als Kind füllte er Kisten und Koffer mit kleinen Spielzeugsoldaten und Militärflugzeugen, baute sie nach und ließ sie zu ganzen Armeen anwachsen. All dies in einer Welt, wo „Realität und Fiktion ineinander verschränkt und die Glaubwürdigkeit zunehmend in Frage gestellt war“, sagt er. Und wo die Manipulierbarkeit von Bildmedien kaum noch Grenzen kennt. Er studierte Malerei am Institut des Beaux-Arts in Beirut, das damals in einem zum Teil ausgebombten Hochhaus untergebracht war. 2002 kam er nach Berlin an die Universität der Künste. Zum einen der Malerei wegen. Militär, Stiefel und Uniformen sind wiederkehrende Erinnerungsmotive in seinen großformatigen Ölgemälden. Zum andern um sich in „Kunst im Kontext“ zu vertiefen.

So baut Baalbaki seit 2007 sukzessive an einem künstlerischen Konzept für ein fiktives Museum, der „Al-Burak“-Trilogie. Darin hinterfragt er das Museum als Institution von Macht und Autorität. „Al-Burak II: Chimärische Königreiche“ verortet er nun in der „Kunstkammer“ im Georg-Kolbe-Museum. In dem zweieinhalb mal drei Meter großen Kabinett hat Baalbaki die Installation aus Vitrinen mit vergoldeten Artefakten, Skulpturen, Miniaturen und historisierenden Beschreibungen eingerichtet. Die große Detaillust und handwerkliche Präzision, mit der der Künstler die Objekte und Schaukästen baut und die Miniaturportraits, wie das des Emirs von Mekka, Hussein bin Ali, mit Einhaarpinsel malt, beeindrucken. Mit augenzwinkernder Ernsthaftigkeit hinterfragt er die Dinge, indem er sie zugleich durch Materialkombinationen konterkariert: Mischwesen aus Alltagsgegenständen mit Blattgold veredelt, ein Plastikkamm mit Knetgummi verziert, eine Suppenschüssel mit Arabesken in Lapislazuliblau geschmückt, erstrahlen in güldener Pracht. Tand aus Künstlerhand, der die Gier der Bin Alis und anderer Herrscher bis heute reizt.

Um die Irritation zwischen Geschichtsbetrachtung und dem ironisch gebrochenen Blick darauf noch weiter zu treiben, baut Baalbaki die Trilogie auf einer fiktiven Geschichtsschreibung auf. Deren Ursprung begründet er in „Al-Burak I“ mit einem hypothetischen Knochenfund. Das katzengroße Skelett eines solchen Mischwesens legt hier Zeugnis ab. Als konzeptuelles Vorbild dienen Baalbaki die Wunderkammern aus der barocken Frühphase der Museumsgeschichte, in denen Objekte unterschiedlicher Herkunft und Bestimmung nebeneinander präsentiert wurden. Um die Fiktion auch glaubhaft zu machen, führt der Künstler die naturwissenschaftliche weiter zur kulturhistorischen Hypothese, mit Fokus auf das wechselseitige Verhältnis zwischen Großbritannien und der arabischen Welt in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. So erklärt das Schild die Herkunft der kleinen schwarzen Pferdechimäre al-Burak als 1920 für das Londoner Naturkundemuseum gefertigte Skulptur mit auf alter Schreibmaschine getipptem Text. Antik oder kopiert, wahr oder erfunden? Die profunde Täuschung löst spontane Betrachterfreuden aus.

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