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Drawings - MoMA PDF Drucken

Drawing, yeah!

Aus dem MoMA zeigt der Martin-Gropius-Bau in Berlin die Sammlung Judith Rothschild den Reichtum, den die zeitgenössische Zeichnung zu bieten hat.

Die Zeichnung hat sich längst aus ihrem Schubladendasein befreit. Seit einigen Jahren boomt sie sogar. Vor zehn Jahren war das noch ganz anders. Da entdeckte die amerikanische Stifterin Judith Rothschild ihre Vorliebe für die kleine Kunst auf Papier. Und ließ ihren Kurator von New York aus in nur zwei Jahren eine fabulöse Sammlung anhäufen.

In der Berliner Zeitung hat Sebastian Preuss die Geschichte erzählt: "In achtzehn Monaten um die Welt"

Ein Kunstmäzen bescherte dem MoMA eine riesige Zeichnungssammlung. Jetzt gastiert sie in Berlin. Wann konnte man je solch eine Fülle zeitgenössischer Zeichnungen bewundern? Ein neues MoMA-Spektakel wird es deshalb wohl nicht, dafür fehlen Picasso und die anderen Götter der Moderne. Aber trotzdem ist "Kompass" eine herrliche, unerschöpfliche Ausstellung, die uns vorführt, was Künstler mit Papier alles anstellen können. Da gibt es David Hockneys zarte, gerade darum so betörende Umriss-Skizze eines nackten Jünglings; den toll fragmentierten Farbstift-Schädel des US-Griechen Lucas Samaras, eines Eigenbrötlers irgendwo zwischen Pop Art und Fluxus; die mit Messern strukturierten Rußbilder der Lee Bontecou, in Amerika längst mehr als ein Geheimtipp. Auch das Blatt des genialen André Thomkins mit seiner raffinierten Marmorierung begeistert. Pop-Nestor Jasper Johns oder der junge New Yorker Nick Mauss üben sich in ähnlicher Technik - allein diese drei Ansätze zu vergleichen, ist schon eine Freude für sich. Vom ersten Raum, der mit Beuys, Polke, Rauschenberg und Twombly auf allbekannte Prominenz setzt, geht es links zur figürlichen Kunst, rechts zur Abstraktion und zur Material-Ästhetik - wen interessiert diese altbackene Aufteilung eigentlich noch? Im gegenständlichen Trakt langweilt ein wenig die deutsche Referenz-Parade mit Baselitz, Immendorff, Penck und Lüpertz. Hinreißend ist dagegen eine dicht behängte Wand mit erotisch aufgeladenen Körperdarstellungen - mit ironischen Porträts (Rosemarie Trockels "Jackie"), schwulen Pin-ups (Tom of Finland), Comics (Robert Crumb), mit John Currins exzentrischer Nackter im Dürer-Stil oder Lucian Freuds berührend-flüchtigem Porträtkopf der Drag-Legende Leigh Bowery.

Im Trakt der Minimal Art und ihrer Nachfolger tauchen die großen Namen von Donald Judd bis John Cage mit erlesenen Einzelstücken auf, doch bieten auch hier die weniger bekannten Amerikaner die interessanteren Eindrücke: etwa der asketisch-strenge Fred Sandback oder die zarten Gespinste von Vija Celmins. Im weiteren Parcours geht es dann vor allem um die übermächtige Bedeutung der Collage, der Bildmontage, der Assemblage und ihrer verwandten Techniken.

Ausstellungen mit zeitgenössischer Zeichnung haben Hochkonjunktur; doch vor zehn Jahren war das noch nicht so. Ein amerikanischer Kunst-Philantroph erkannte das Potenzial dieser Nische und baute in nur zwei Jahren die weltweit größte Sammlung aktueller Papierarbeiten auf - und dies nicht etwa für den eigenen Genuss, sondern, um damit auf einen Schlag das Kunstheiligtum MoMA mit einer Riesendosis zeitgenössischer Frischzellen zu beschenken. Nach einer Ouvertüre in Manhattan geht die erste Auswahl der Kollektion aus der Judith Rothschild Foundation mit 250 Arbeiten auf Tournee und macht nun Station im Berliner Gropius-Bau.

Dieses Mega-Füllhorn ist typisch für die Stifterkultur Amerikas, aber wer etwas über die wahren Hintergründe der Sammlung erfahren will, der braucht nur André Schlechtriem in seiner Galerie am Rosa-Luxemburg-Platz in Berlin aufzusuchen. Mit rheinischem Zungenschlag erzählt der 32-Jährige eine der schillerndsten Geschichten, die der gewiss nicht graue Kunstbetrieb je hervorgebracht hat. Schlechtriem war 24, Kunstgeschichtsstudent aus Köln und absolvierte ein Praktikant in einer New Yorker Galerie. Dort fuhr er mit zur Art-Basel in Miami Beach, das war im Dezember 2002. Mitten im Messetrubel trat ein Mittfünfziger an den Stand und kam mit dem blonden Jüngling ins Gespräch, der ihm die Künstler der Galerie erklärte. Irgendwann saß der unkonventionelle Herr im Schneidersitz auf dem Hallenboden und ließ sich von der hektischen Verkaufsgier um ihn herum nicht beirren. Am nächsten Tag kam er wieder und nahm Schlechtriem ("Ich war ja noch total naiv.") mit zu einer Konkurrenz-Galerie. Ob er lieber Braque oder Gontscharowa kaufen solle? Schlechtriem antwortete, wie er selbst sagt, mit dem dreistesten und schlauesten Satz seines Lebens: "Kauf nie ein B-Bild von einem A-Künstler." Und riet zur Gontscharowa - was ihm Pfeilgift aus den Augen der Galeristin einbrachte, die dadurch viel Geld verlor. Abends ging es dann schon auf ein Dinner mit Karl Lagerfeld und John Waters.

So begann die Freundschaft und Arbeitsbeziehung zwischen dem Kunstmäzen Harvey S. Shipley Miller und dem kölschen Jungen André Schlechtriem. Zwei Monate später trafen sie sich wieder in New York. Die Künstlerin und Möbelfabrikanten-Erbin Judith Rothschild, mit der Miller eng befreundet war, hatte ihm nach ihrem Tod 1993 die alleinige Verfügungsgewalt über ihre Stiftung hinterlassen. Bis 2018 sollen die auf ursprünglich 34 Millionen Dollar geschätzten Vermögenswerte aufgebraucht werden, um vor allem die Wiederentdeckung verkannter, bereits verstorbener US-Künstler zu fördern.

Nun schwebte Miller eine Kollektion zeitgenössischer Zeichnung vor, die er dem MoMA schenken wollte. Doch nimmt die elitäre New Yorker Kunstkathedrale nicht alles an: Noch wusste niemand, ob die Herrschaften aus der Erwerbungskommission mit ihrem konservativen Geschmack der Schenkung überhaupt zustimmen würden. Miller stachelte das erst richtig an. In nur zwei Jahren sollte die Riesensammlung entstehen, und Schlechtriem wurde Co-Käufer vor allem für Europa.

Es war wie ein Rausch. "Oft flog Harvey übers Wochenende nach Los Angeles zu Eröffnungen und ich nach Berlin", erzählt Schlechtriem. Schnell machte die Geschichte von den Männern mit den üppig gefüllten Taschen im Kunstbetrieb die Runde. Die Schwerpunkte der Sammlung wurden die USA, Großbritannien und Deutschland, das mit Kunst aus Berlin und dem Rheinland fast die Hälfte der Kollektion einnimmt. Bald dehnten Miller und Schlechtriem den Blick bis zurück in die Sechziger aus, um dort Lücken des MoMA zu schließen und vernachlässigten Außenseitern zu ihrem Recht zu verhelfen.

MoMA-Kurator Christian Rattemeyer hat klugerweise nach Berlin nicht allzu viele der hier wohlbekannten Künstler mitgebracht. Marc Brandenburg, Franz Ackermann, Kai Althoff, Isa Genzken oder Marcel Odenbach - sie alle bezeugen, mit welcher Treffsicherheit Miller und Schlechtriem stets die besten Arbeiten herausfischten. Das nachdrücklichste Erlebnis dieser Schau, die ja kein anderes Thema hat als das gemeinsame Medium Papier, bleibt jedoch die Entdeckung der hierzulande kaum bekannten Randfiguren aus Amerika: Etwa Ree Morton mit ihrer pseudo-naiven Augentäuscherei, die spöttischen Spritzereien von Robert Watts oder die ironische Zeichenwelt von Jack Smith.

In nur 18 Monaten war die Kollektion abgeschlossen; über 2500 Werke hatten Miller und Schlechtriem gekauft, rund 20 Millionen Dollar sollen geflossen sein. Auch wenn die Turbo-Sammelei in New York für Gerede sorgte, stimmte die Auswahlkommission 2005 der Übernahme zu. Schon bei der Gründung 1929 hatten visionäre Privatsammler den Weg bereitet, der das Museum zum Welttempel der Moderne aufsteigen ließ. Mit den Zeichnungen der Judith Rothschild Foundation hat sich das MoMA jetzt erneut an die Spitze einer ganzen Bewegung gestellt.

 


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