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Berghain Novelle PDF Drucken

Aus dem toten Winkel

Unglaublich, aber wahr: eine Ausstellung über die Wiederentdeckung der mysteriösen "Berghain Novelle"

Berlin, April 2011. In einer Schattenwelt der Erinnerung sucht Alberich Zuflucht.  Ein verlassenes Heizkraftwerk im Zentrum von Berlin wird ihm zum steinernen Hain, zum Sehnsuchtsort. Alberich verschwindet darin und auch der Autor der Novelle, Hermann Skadus, verschwindet plötzlich.  Beide Szenarien, das wahre und das fiktive spielen 1954. Das lange verschollene Bändchen ist wieder gefunden und erzählt die unheimliche Geschichte in expressionistischen Bildern.

von Irmgard Berner

photo: Alekos Hofstetter, Berghain

Verfolgt von Stimmen und Schatten durchstreift ein Mann gewaltige menschenleere Räume. Auch er selbst ist nur ein schwarzer Schatten, der plötzlich auftaucht, durch die Drohkulisse wischt, gigantisch anwächst, über Kanten kippt, um sogleich von steilen Wänden verschluckt zu werden. Es ist Alberich, Protagonist der "Berghain Novelle", der hier in einem verlassenen Heizkraftwerk im Zentrum von Berlin Zuflucht sucht. Doch dieser Ort wird ihm nun zur beklemmenden, labyrinthischen Schattenwelt, aus deren tiefen Schluchten das Echo der Erinnerung hallt. Oder ist es die Vision einer künftigen Zeit, die uns diese mysteriöse Geschichte mitteilen will? Er träumt von einem "steinernen Hain", seinem elysischen "Berghain", über dessen Ort er uns jedoch im Unklaren lässt.

Natürlich denken wir sofort an das Berghain, den Nachtclub am Berliner Ostbahnhof. Aber geschrieben und publiziert wurde die bildmächtige Erzählung vor fast 60 Jahren. Der Autor Hermann Skadus sowie sein Erstlings- und Einzelwerk sind heute nur bibliophilen Sammlern bekannt. Nachlesen könnte man die literarische Nachtwanderung dennoch in einem der wenigen existierenden Exemplare. Könnte, denn jetzt ruht das rot gebundene Büchlein mit Goldprägeschrift fest verschlossen im gläsernen Sarg. In der Galerie Laura Mars Grp. liegt die "Berghain Novelle" in der gleichnamigen Ausstellung aufgebahrt wie das stille Herz auf weißem Sockel. Und das ist eine mittlere Sensation.

Man sollte die Rätselspur aufnehmen und sich weiter in den stuckverzierten Galerieräumen umsehen. Denn was wie ein Requiem inszeniert scheint, kommt einer Auferweckung gleich: Fabian Skadus, Enkel von Hermann Skadus, fand - welch seltenes Entdeckerglück - das rote Bändchen im elterlichen Buchregal. Sofort war er fasziniert von der wortgewaltigen Novelle, die dem Helden Alberich auf dessen traumartiger Suche folgt. Sein Großvater Herman Skadus, 1911 in Würzburg geboren, hatte die Novelle in limitierter Auflage von nur hundert Stück im Eigenverlag in Druck gegeben. Das war im Frühjahr 1954. Kurz danach verschwand der Autor. Die unheilvolle Geschichte hatte ihm wohl nicht viel Glück gebracht. Und auch das Buch war - bis auf ein Exemplar, das es bis ins ferne Salamanca in die Universitätsbibliothek schaffte - fortan wie verschluckt von den Regalen. Die Schicksale gleichen einander noch weiter, denn auch Protagonist Alberich verschwindet plötzlich.

Was aber hat das alles mit dem Berghain, Berlins berühmt-berüchtigtem Techno-Tempel, zu tun, dessen Name doch ganz pragmatisch aus Kreuzberg und Friedrichshain zusammengesetzt wurde? Ist es Zufall, dass der Bau im Stil des sozialistischen Neoklassizismus wie Skadus' Novelle im Jahr 1954 fertig gestellt wurde? Und was geschah mit Skadus selbst, erlitt er wirklich dasselbe Schicksal wie Alberich in der steinernen Unterwelt? Das alles fragte sich Künstler-Kurator Lukas Freireiss, Freund von Fabian Skadus, seit dieser ihm das Buch gab. Zusammen mit vier weiteren Künstlern - Matias Bechtold, Alekos Hofstetter, Florian Göpfert und MV.Stein - nahmen sie die Fährte dieses "Erzählmeisters des toten Winkels" auf und holten das verschollene Werk ins Heute. Mit Schere, Stift und Pinsel, Schnitzmesser und digitaler Filmsoftware brachen sie auf, um in die kafkaeske, wie aus Zeit und Raum gefallene Welt des Berghains einzutauchen. Denn natürlich könnte es sich bei dem in der Novelle beschriebenen Heizkraftwerk um das Berghain mit seiner kathedralenartigen Betonarchitektur handeln, dachten die techno-affinen Künstler.

Matias Bechtold hat es maßstabsgetreu nachgeschnitzt. Das Architekturmodell ist, neben dem Buch als Herz, der Magen der Schau. Hier steht der für seine Dauerpartys bekannte, hedonistische Schlund aus Pappe ganz auf Augenhöhe: Treppenauf- und -abgänge, Galerien über drei Geschosse getragen von Betonsäulen, Kabel wie Lianen hängend, Lichtpult und zwei Plattenspieler. Flackerndes Halbdunkel simuliert die Club-Atmosphäre, denn durch den milchigen Plexiglasblasen-Plafond flimmert buntes TV-Programm, verrät Matias Bechtold. Diese Flimmerkiste birgt auch einen fiktiven dunklen Abgang, die U-Bahn-Station "Berghain-Ost". Das Berghain im Puppenhausformat erweist sich bei der Eröffnung als Publikumsmagnet, Trauben von Besuchern bilden sich davor, als käme gleich der nächste Gig. Wie im echten Berghain eben, nur dass hier kein Höllenhund-Türsteher den Eintritt in das Reich der Finsternis bewacht. Nicht von ungefähr nennt Herman Skadus seinen Protagonisten nach dem Zwergenkönig Alberich, dem Hüter des Nibelungenhorts, denn deutsch dräuend leitet er seine Novelle mit der ersten Strophe des Nibelungenliedes ein.

Fasziniert von so viel Absurdität, Ausweg- und Sinnlosigkeit, von der inneren Verzweiflung des Protagonisten und davon, "das Suchen um des Suchens willen als düsteres Bild darzustellen", haben Alekos Hofstetter und Florian Göpfert Alberichs wahngeplagtes Gedankenlabyrinth filmisch transformiert. In einem fünfminütigen, computergenerierten Video klappen scherenschnittartig die leeren Räume auf, gießen Fassaden zähes Pech aus ihren Öffnungen, spucken den geisternden Schatten aus ihren Ritzen um ihn sogleich wieder aufzusaugen, und - "verloren im toten Winkel" - ins nächste Bild zu kippen. Geerdet wird der Betrachter erst wieder beim Anblick der Gouachen und Zeichnungen utopischer Architekturen . Das Glück einer solchen literarischen Entdeckung ist selten. Wie die Geschichte wirklich ausgeht, kann man bald selber nachlesen - über eine Neuauflage wird bereits mit einem Verlag verhandelt.

Das Fundstück: das dünne Bändchen hat der Enkel des Autors Hermann Skadus entdeckt, wahrscheinlich wird es bald nicht nur in der Vitrine liegen, sondern als Neuauflage auch zu lesen sein.

Photos: ibe for nurart

 


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