nurart.org


MAGAZIN
RUBRIKEN
FORUM
SEARCH
Neueste Beiträge
CB Login
JoomlaStats Activation
Venedig-Biennale: Christoph Schlingensief PDF Drucken

Schlingensiefs Kosmos

Querdenker und Theatermann, Stückeschreiber und Filmemacher, politischer Aktivist und bildender Künstler, das alles war Christoph Schlingensief. Auf der diesjährigen Kunstbiennale in Venedig vertritt er Deutschland. Posthum. Der Pavillon erhält den Goldenen Löwen - die höchste Auszeichnung für den Künstler Schlingensief, aber auch für die Macher.

Venedig, Juni 2011. Vor dem hohen Säuleneingang hat sich eine lange Schlange gebildet. Geduldig warten die Besucher der Giardini vor dem Deutschen Pavillon auf Einlass, trotz der 30 Grad im grünen Schatten. Es ist wieder Kunstbiennale in Venedig. „Ego mania“ steht in Großbuchstaben ganz oben auf dem Architraph des tempelgleichen Baus. Das „Ger..“ von Germania ist ausradiert und durch Ego ersetzt. Ganz im Sinne von Christoph Schlingensief. Vom Altar herab betrachtet ein ausgestopfter Beuys-Hase das Geschehen.

von Irmgard Berner

Betritt man schließlich den hohen abgedunkelten Raum stellt sich sofort ein Gefühl der Ehrfurcht ein. Kindheitserinnerungen an die heimische Dorfkirche rasen einem durch Herz und Kopf, leisetretend und mit einem Stoßseufzer zum Himmel lässt man sich in eine der Kirchenbänke fallen. Zum Glück wird das Gefühl der katholischen Heiligkeit sofort gebrochen. Schwarzweißbilder von Prozessionen mit Behinderten und dem krebskranken Schlingensief treiben sie einem aus. Dreifach parallel laufen die zuckelnden Filme über Leinwände hoch oben in der Apsis, begleitet von Orgelmusik und Schlingensiefs siecher Stimme.

Wir erinnern uns: „Die Kirche der Angst vor dem Fremden in mir“, Schlingensiefs „Fluxus-Oratorium“, wurde in einer ehemaligen Gebläsehalle bei Duisburg zur Ruhr-Triennale 2008 uraufgeführt, einer großen Halle mit dem Flair einer nackten Kirche. Solch eine sakrale Stimmung ist schwer zu transportieren. Das musste ein halbes Jahr später, als die Produktion zum Berliner Theatertreffen eingeladen wurde, die Festspielleitung feststellen. Einen ähnlichen Raum gab es in Berlin nicht. Man entschloss sich, die Inszenierung ins Theater zu verpflanzen. Bis zum Schluss war schwer kalkulierbar, ob der Raum dann nur wie verkleidet aussieht oder vom Zuschauer als Kirche akzeptiert würde. Es funktionierte.

Ideenflügel

Das Problem der Raumsuche hatte Susanne Gaensheimer nicht, als sie Anfang 2010 Christoph Schlingensief einlud, Deutschland bei der 54. Biennale in Venedig 2011 zu vertreten. Im Gegenteil. Der Deutsche Pavillon, dieses hehre, geschichtsbelastete Gebäude, dieses steinerne Gefäß, das sämtliche Tücken seit seiner Umgestaltung unter den Nationalsozialisten 1938 stramm in sich gesammelt hält, war der zu bespielende Raum. Kuratorin Gaensheimer, Direktorin des Museums für Moderne Kunst (MMK) in Frankfurt am Main, war überzeugt, dass der Künstler Schlingensief, der filmisch schon früh mit der Kettensäge massakrierte, der gerne provozierte, aufriss und sein Inneres nach außen kippte, geeignet sei, auch diesem Pavillon ein neues Gesicht zu verpassen. Obwohl sofort Protest vom großen, deutschen Malerfürsten Gerhard Richter kam, der die Berufung eines „Theatermannes und Performers“ als Skandal bezeichnete.

Gaensheimer ließ sich von ihrem Vorhaben nicht abbringen, und wollte, wie sie betont, vor allem den bildenden Künstler Schlingensief der internationalen Öffentlichkeit bekannt machen. Als sie ihn zur weltgrößten Kunstausstellung in die Lagunenstadt einlud, war er bereits krank. Das wusste Gaensheimer. Dennoch machte sie keinen Plan B. Denn „keiner rechnete damit, dass er so schnell stirbt“, sagte sie in Venedig. Die Tragik seines frühen Todes ließ auch die schönen Ansätze, die der wie berauscht ständig neue Ideen gebärende Künstler für den deutschen Pavillon hatte, schwinden und schließlich verschwinden. Denn er selber hätte alles ganz anders gemacht. So wollte er etwa die verrückte Idee zu einem afrikanischen Wellness-Bad umsetzen: Der Besucher würde beim Eintauchen in das Bad schwarz – und damit erst rein werden.

Nach dem Tod von Christoph Schlingensief hat Kuratorin Gaensheimer gemeinsam mit Aino Laberenz, Ehefrau und langjährige Mitarbeiterin Schlingensiefs, entschieden, das gedanklich skizzierte Projekt nicht zu realisieren, sondern bereits existierende Werke zu zeigen.

Weitere langjährige Weggefährten wie Carl Hegemann und Frieder Schlaich, und auf der Basis von Gesprächen mit Chris Dercon, Alexander Kluge und Matthias Lilienthal entstand das Konzept für den Pavillon. Gaensheimer und Laberenz entschieden sich für „Die Kirche der Angst vor dem Fremden in mir“ als Großrauminstallation. Nun ist der Pavillon zum Gotteshaus mutiert, für ausländische Besucher mag es verwunderlich sein, wie sehr sich die Deutschen hier wieder an der Geschichte der Nation abarbeiten. Aber das Vorhaben ist ja bekanntermaßen gelungen. Der Pavillon und seine Ausrichter erhielten schließlich den ersten Preis, den Goldenen Löwen.

Lungenflügel

Im Hauptschiff der Kirchenanordnung wird in der großen Bühneninstallation eine Art Messe zelebriert. Schlingensief hatte in dem Fluxus-Oratorium die Kunst als Waffe gegen seine Krebserkrankung eingesetzt. Das hat ihm bestimmt ein Stück weit auf dem schweren Weg geholfen. Am Leben erhalten hat es diesen „größten, verrücktesten, zärtlichsten aller Unordnungsfetischisten im deutschen Kunstbetrieb“, wie er einmal genannt wurde, nicht. Der als linkes Seitenschiff eingerichtete Raum öffnet Einblicke in das Afrika-Projekt, das Operndorf „Remdoogo“ nahe Burkina Faso. Das rechte Seitenschiff birgt ein „Kino“. Die „Kirche der Angst“ ist seine persönlichste Arbeit, sagt Aino Laberenz. Es ist der zweite Teil seiner Krankheitstrilogie und direkt nach seiner Operation und Chemotherapie geschrieben. „Letztlich haben wir uns sehr eng an ihn gehalten. Hier kommt vieles von Christoph zusammen.“ Es sei ein Knotenpunkt über sein Gefühl für den Raum, seinen Umgang mit Film im Raum, mit Kunst, mit einer neuen Bildsprache. Er habe hier nicht nur das Sterben thematisiert, sondern auch Geburt.

Einen Plan B hatte auch Laberenz nicht: „Weil ich davon ausgegangen bin, dass Christoph lebt. Und nicht dass er stirbt. Als Susanne und ich darüber gesprochen haben, ob wir den Pavillon machen, war mir ganz schnell klar, dass man das, was er vorhatte, nicht mehr verwirklichen kann. Wir hätten schon bei der ganz praktischen Umsetzung überlegen müssen, wie man mit der Ästhetik umgeht, mit Formen, mit Material. Ich hätte wohl versucht, Christoph zu spielen und zu imitieren.“ Das wollte sie aber auf keinen Fall. Was jetzt hier steht, sei so original von ihm und nah an ihm wie möglich. Wie er mit Filmsprache, mit Erzählstruktur und mit dem Material umgegangen ist. Aber auch mit dem Glauben.

Durch den Kircheneinbau erfährt der faschistische Bau eine überraschende Überhöhung. Die Rekonstruktion der Oberhausener Kirche, in der Schlingensief zwölf Jahre lang ministrierte, die zum Bühnenbild seiner „Kirche der Angst“ wurde und in der auch seine Totenmesse stattfand, gerät zur Kulisse, zu einer übergroßen Bühne, auf der es keine Akteure mehr gibt. Schlichte gotische Spitzbogenfenster säumen die Apsis, auf dem Altar stehen weder Kelch noch Monstranz sondern andere Elementen des Schlingensiefschen Kosmos: der Hase, Grabeskerzen, davor die „Toleranzgürtel“, ein Tragestuhl, seitlich daneben ein einfaches Krankenbett. Monitore erweisen Nam-Jun Paik Referenz, ein hohes Fluxus-Plakat füllt die Kirchenrückwand. Ein winziger Beichtstuhl ist innen knallrot beleuchtet, eine Vitrine mit zwei Lungenflügeln aus Salzteig und riesige Röntgenbilder von Lungenflügeln sind nur noch kuriose Requisiten in trashiger Ästhetik. Mit den Filmprojektionen machen sie die Kirche zu einem düster verschnittenen Ort. Manch ein Besucher verlässt ihn sofort, andere verweilen ganz lange.

Seitenflügel

Der schwierigste war der dem Operndorf Remdoogo gewidmete, linke Teil, sagt Aino Laberenz. Denn „es ist der Raum, der auf eine andere Zukunft weist.“ Den Weg dahin versucht die Ausstellung über die Kunst zu gehen: Ein Modell des Gebäudes zeigt Schule, Film- und Musikklasse, Krankenstation und das zentrale Festspielgebäude; zudem Bild- und Dokumentationsmaterialien, die in Afrika entstanden sind, und ein Zusammenschnitt von Via Intolleranza II, Schlingensiefs letztem Stück, in dem er mit Akteuren aus Burkina Faso gearbeitet hat. Es vereint all die Zweifel darüber, wie eine andere Kultur importiert und exportiert werden kann, und wie man sich selbst in einer anderen Kultur implantieren kann. Mit dem Architekten Francis Kéré führt Laberenz das Operndorf-Projekt fort.

Für die Filme im rechten Kino-Seitenflügel des Pavillons sollte man sich wirklich Zeit nehmen. Sie sind genial. Alleine dafür wird man den Filmemacher Schlingensief nach Venedig vermissen. Im non-stop abgespulten Programm laufen sechs seiner fast sechzig 16- und 35-Millimeter Filme aus verschiedenen Schaffensperioden: Menu Total von 1985/86, Egomania von 1986, die Deutschlandtrilogie mit 100 Jahre Adolf Hitler von 1988/89, Das deutsche Kettensägenmassaker von 1990 und Terror 2000 von 1991/92 sowie sein vorletzter Film United Trash von 1995/96. Alle Filme wurden vom Originalmaterial digital abgetastet und teilweise restauriert. Nun ist der Pavillon also zu einer Hommage an einen der wichtigsten Quertreiber des deutschen Kulturbetriebs der letzten zwanzig Jahre geworden. Ob er den Goldenen Löwen auch zu Lebzeiten erhalten hätte, bleibt dahingestellt. Kalt lässt er einen jedenfalls nicht. Die Installationen, vor allem auch die in den Seitentrakten, lohnen den Besuch. Tritt man danach wieder nach draußen, ist man froh um die sonnendurchfluteten Giardini. Bis 27. November sind sie für das Publikum geöffnet.

photos: © iberner | nurart 2011

Francis Kéré, Architekt Operndorf

Aino Laberenz, Leiterin Projekt Operndorf

Susanne Gaensheimer, Kuratorin

Giardini, Biennale

Его слова и наличие фундамента убеждают, что я не ошибся.

Поэтому я подменил ее своей собственной перчаткой-что-растет, такой, каких много.

Парень, которого массировал

 


ART
KÜNSTLER
KALENDER
Beliebte Beiträge
ABOUT US
Kontakt
Mission Statement
About us
nurart.org RUBRIKEN backgrounds Venedig-Biennale: Christoph Schlingensief


© 2010 nurart.org