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Theatertreffen der Jugend Berlin PDF Drucken

Eine Woche Ausnahmezustand

Der Bundeswettbewerb für Jugendtheater bringt Jugendliche Laien mit Theaterprofis auf einer professionellen Bühne zusammen: von 27. Mai bis 4. Juni fand das 32. Theatertreffen der Jugend erstmals im Haus der Berliner Festspiele statt.

von Irmgard Berner

Berlin, Juni 2011. Die Stimmung ist ausgelassen wie beim Pop-Konzert. Applaus, Pfiffe, Trampeln, die Tribüne auf der Hinterbühne brechend voll. Über 130 Jugendliche, eingeladen als Gewinner zum 32. Theatertreffen der Jugend und viele weitere ...

Gäste, Freunde, Spielleiter, Mentoren füllen zur Eröffnung die Tribünenreihen. Der Rahmen ist seriös: die Berliner Festspiele. Das Ambiente - die leere Bühne des Berliner Festspielhauses – eigentlich unspektakulär. Aber die neugierige Unruhe wabert durch den Raum und macht das Ereignis zum Spektakel. Eine Jury hatte acht „bemerkenswerte Inszenierungen“ aus bundesweit 116 Bewerbungen von Theater-Jugendclubs, Gymnasien, Realschulen, Jugend- und Freizeiteinrichtungen ausgewählt.

„Der Preis des Wettbewerbs ist kein Pokal, keine Trophäe“, sagt Juryvorsitzender Martin Frank zu Beginn der Eröffnung. „Der Preis ist die Einladung zur Festivalwoche!“ Die Festivalwoche nennt er einen „Verdichtungsraum der künstlerischen Energien.“ Der stellt sich auch sofort ein, denn schon der Startschuss des Theatertreffens erweist sich als gewitztes Spiel: Jede Truppe stellt in einem improvisierten Trailer das Stück einer jeweils anderen Gruppe vor. Mit großer Spiellust und mitreißendem Vergnügen jagen, rappen, singen, flüstern und schreien sich die jungen Leute schon mal ein, skizzieren Stück und Spielweise der vorzustellenden Truppe und bieten einen bunt-geballten Appetithappen auf das, was das Acht-Tage-Treffen an intensivem Theater bieten wird.

Zum ersten Mal auf einer großen Bühne

Die Jugendtheaterszene hat sich zu einer breiten Szene entwickelt, unterstützt auch von politischer Seite, zur Förderung des (Publikums-)Nachwuchses. Sie ändert sich zudem ständig. Eines kann Martin Frank, der am Theater Basel die Theaterpädagogik leitet, am Rande der Eröffnung schon bestätigen: „Das, was die jungen Leute hier sagen, haben sie auch wirklich durchdrungen.“ Die Fragen, die sie sich in den mit ihren Spielleitern erarbeiteten Geschichten stellen, kreisen um die großen Themen, wie etwa die des richtigen Lebens und der richtigen Religion. Aber auch: wie wichtig sind Kunst und Musik wirklich? Führen sie – als Beruf und Berufung - nicht meist in prekäre Verhältnisse? Auch das eigene Erwachsenwerden, die Achterbahnfahrt der Pubertät und die Sprachlosigkeit darüber ist ein Thema. Mit „Testosteron“ hat das vierköpfige, männliche Ensemble vom „TheaterGrüneSosse“ aus Frankfurt am Main gleich das dazugehörige Hormon zum Titel gemacht.

Die angriffslustige Ehrlichkeit in den Eigenproduktionen der jungen Spieler ist auch das, was Festspielintendant Joachim Sartorius begeistert: „Die jungen Leute bringen eigentlich ihre eigenen Erfahrungen, Hoffnungen, Zukunftsängste, Herkunft und Identität mit hinein. Es geht in erster Linie um die Stellung dieser Jugendlichen selbst. Es gibt ja eine Reihe von Schauspielern mit Migrationshintergrund oder -vordergrund, aber es geht um die Gesellschaft und die Integration in die Gesellschaft und die Hoffnungen, die in die Zukunft gerichtet werden. Ich denke, man sieht da sehr genau, was die Jugendlichen denken und fühlen.“

Bühnentechnisch kommen die Produktionen mit ganz unterschiedlichen Voraussetzungen in das Haus an der Schaperstraße. Zum Teil sind die ursprünglichen Spielstätten kleinere Bühnen an Theatern, aber auch eine Turnhalle, Schulaula oder ein zum Spielfeld umfunktionierter Ballsaal sind dabei. Für einige Ensembles bedeutet diese Einladung also auch: zum ersten Mal auf einer großen Bühne vor größerem Publikum aufzutreten. Dazu wünscht Joachim Sartorius allen schon mal „reichlich Lampenfieber“.

Hier gibt es sensible Techniker

Auf ein konzentriertes Festival „ohne Ablenkungen und zerstreuende ‚Unter’-Haltungen an einem Ort, an dem sich die lustvoll Querdenkenden der neuen Theaterwelt gegenseitig herausfordern“, arbeitet Martin Frank hin. Er nennt dieses Theatertreffen „einen Ort, an dem sich die jungen Theatermacher, denen wir einen künstlerischen Dialog zutrauen, ungestört mit der Frage befassen können, was noch alles möglich wäre im Theaterland.“ Ein Ort also, an dem Theaterarbeit als großes Fest zelebriert wird? Frank geht sogar so weit, von der „Utopie der Theaterkolonie“ zu sprechen, von einer Künstlerkolonie im Festspielhaus.

Die Voraussetzungen dafür sind hervorragend. Das Festival findet zwar schon seit 1979 statt und hat sich als eine der wichtigsten Plattformen und Impulsgeber für die Theaterarbeit von und mit Jugendlichen etabliert, aber zum ersten Mal ist das Haus der Berliner Festspiele der zentrale Ort. Das wurde auch Zeit, meint Sartorius und sagt zu den jungen Spielwütigen: „Hier gibt es sensible Techniker, die Eure Wünsche erfüllen - wenn Ihr versteht, diese auszusprechen!“ Er verbirgt auch seine Freude nicht, wenn er „den schönsten Theatergarten, den es gibt“ anpreist, um ihn jetzt für die Jugend zu öffnen und zu beleben: die von hohen Kastanienbäumen teilbeschattete Wiese hinter dem ehemaligen Haus der Freien Volksbühne, im „tobenden“, meint verschlafenen, Bezirk Wilmersdorf.

Aus Berlin kommen drei der acht, ganz unterschiedlichen Produktionen. „Clash“, eine Eigenproduktion des Jungen Deutschen Theaters, ist mit Amateuren an einer professionellen Bühne entstanden. „Blaubart – Hoffnung der Frauen“ von Dea Loher haben „Beate und die greenhorns“ der Freien Waldorfschule Kreuzberg in einer Turnhalle in Szene gesetzt. Die „akademie der autodidakten“ taucht im Ballhaus Naunynstraße mit seiner „kulturellen Bildungspraxis aus postmigrantischer Perspektive“ in ein „Ferienlager - 3. Generation“ ein. Der Theaterjugendclub des Chemnitzer Schauspielhauses stellt unter dem Titel „Don't cry for me Baby“ eine eigenwillige Fassung von Shakespeares „Romeo und Julia“ vor. In der Inszenierung „Mutter Kuhranch“ vom Carl-Orff-Gymnasium aus dem bayrischen Unterschleißheim durchdringen sich gleich mehrere Stücke: Brechts „Mutter Courage“ und Tschechows „Drei Schwestern“ sowie Passagen aus dem Western „Bonanza“. Respektlos ist hier also auch der Umgang mit der Weltliteratur.

In ihren eigenen Biografien herumgestochert, geredet und gestritten hat das Ensemble TAGGS, die Theatergruppe am Goethe-Musikgymnasium im Provinzhauptstädtchen Schwerin - um sich endlich mal Zeit zu nehmen. Ja wofür? Für die Erkenntnis, dass die verschiedenen Künste ein gemeinsames Anliegen haben: zu sensibilisieren - und zur Entschleunigung in konzentrierter Atmosphäre. In ihrem Stück „Ausarten. Um uns und die Kunst“ hinterfragen sie, ob eine musische Biografie in einer leistungs- und kapitalorientierten Gesellschaft überlebensfähig ist. Empathie wiederum ist das Stichwort für das Ensemble des Forum Freies Theater um Ingo Toben aus Düsseldorf. „Liberation is a Journey“. Die Show mit ihren gekonnten Musik- und Videoverschnitten zeugt bereits von großer Professionalität. Kritische Töne aber allenthalben in einem breit gefächerten Spektrum.

Nachwuchs vor und hinter den Kulissen

Die Stimmung ist ausgezeichnet. Befördert wird sie durch den Rahmen, der von der Festspielleitung geboten wird. Das bestätigen die jungen Leute zwischen den Workshops durchwegs. Alle wohnen im gleichen Hotel, werden mittags mit warmem Essen verpflegt, abends gibt es ein reichhaltiges Buffet im Theaterfoyer. Dazwischen wird natürlich heftig über Theater gebrütet, diskutiert und quergedacht. Denn neben dem Theaterspielen ergänzen Fachforen und Praxisworkshops das Inspirationsprogramm, den kollegialen Dialog und ermutigen für eigene Ansätze. Professionelle Kooperation gibt es auch hier mit dem Institut für Theaterpädagogik der Universität der Künste Berlin.

Zu Aufführungsgesprächen treffen sich die Teilnehmer täglich um 17 Uhr, nachdem sie gierig die druckfrische, täglich um diese Uhrzeit erscheinende Festivalzeitung von der Redaktion der „Jungen Autoren“ geholt haben. Wie in den Artikeln zerpflücken sie sich dann schon mal gegenseitig, loben aber auch konstruktiv und fordern sich diskussionsfreudig heraus. Überhaupt machen diese jungen Menschen einen offenen, reifen Eindruck. Durch darstellendes Spielen über sich und die Welt nachzudenken ist nicht nur gemeinschaftsstiftend sondern erweitert auch den persönlichen Horizont – „Theaterspielen als ästhetische Bildung“ also ganz im Sinne Friedrich Schillers.

Zur weiteren Vertiefung helfen Workshops für Szenisches Schreiben oder Musikkreieren in „Mach ma’ Mucke“. Eine Gruppe denkt vorrangig über Bühnenräume nach. Denn nicht alle Teilnehmer stehen auf der Bühne, einige haben an der Ausstattung für ihre Stücke gearbeitet. Der Bühnenbild-Workshop wird von der jungen Bühnenbildnerin Rimma Starodubzeva geleitet. Sie wolle mit den Jugendlichen so assoziativ arbeiten, wie sie das für ihre eigenen Produktionen tut, sagt sie: „prozess- und nicht ergebnisorientiert“. Am Ende werden in einer bildreichen Präsentation aber doch Ergebnisskizzen gezeigt. Viele Arbeitssitzungen finden im Freien auf der grünen Theaterwiese statt. Denn während es drinnen zum Teil heftigen Theaterdonner gibt, zeigt sich draußen der Wettergott eine Woche lang von seiner wärmsten Seite. In den knautschigen Sitzpolstern lümmelnd kann man sowohl reden als auch einfach chillen, abhängen. Die Hollywoodschaukeln wippen im Dauereinsatz, die langen Biertische sind bedeckt mit Arbeitsblättern, Manuskripten, Skizzen - Campus-Atmosphäre eben.

Irrwitziges Spiel voller Energie

Das Angebot, den Garten in Beschlag zu nehmen, ergreifen die Jungmimen und Theaterkreativen schon nach der Eröffnungsvorstellung von „Clash“ und feiern bis in die Nacht hinein. Das 16-köpfige „Clash“-Ensemble vom Jungen DT hatte an der Premiere die Latte hoch gelegt. Wie Profis spielen sie ihre humorvoll-bissige und assoziationsreiche Geschichte. „Und jetzt ein bisschen schwieriger. Ihr müsst mir einfach nachsprechen …“, sagt ein Deutscher in einer Szene aus der Inszenierung. Entwickelt hat sie der deutsch-türkische Regisseur Nurkan Erpulat, der durch seine Stückadaption „Verrücktes Blut“, das dieses Jahr auch zum Theatertreffen eingeladen war, praktisch zum Shooting-Star der Theaterszene wurde. Für Clash hat Erpulat jugendliche Amateurschauspieler gecastet aus den unterschiedlichsten Migrationsmilieus und hiesigen Kulturkreisen der Christen, Atheisten, Muslime und Juden. Zu sehen sind die 16- bis 24-Jährigen als junge Deutsche beim Erlernen der arabischen Sprache. Die Bühne von Gitti Scherer zeigt eine Bibliothek aus Billy-Regalen, die sich plötzlich in ein Raumschiff verwandelt. Mit diesem nehmen die leicht verwirrten Geradenochstudenten und nun Raumfahrer die Suche nach einem besseren Leben auf. Wegen einer Havarie müssen sie aber auf der Erde notlanden.

Dort sind im Jahre 2111 die Deutschen im Begriff sich abzuschaffen. In ironischer Verfremdung der irrwitzigen Thesen, die Thilo Sarrazin in seinem umstrittenen Bestseller „Deutschland schafft sich ab“ aufstellt, und in Anlehnung an den Film „Planet der Affen“ hat dort eine Spezies von Türken in Affenkostümen die Macht übernommen. Weil sie keine Parallelgesellschaften gründen sollen, wird den Deutschen der Nachweis arabischer Sprachkenntnisse auferlegt. Eine ebenso gesellschaftskritische wie witzige Farce hebt an: Die Deutschen entgehen nur knapp einer Massenerschießung, ein junger deutscher Fußballer erhält dagegen den Sonderpreis für Integration. Vom Schnürboden segelt der greise Sarrazin als schlapp gewordener ‚deus ex machina’ ins Geschehen. Drehbühne, Züge, Beleuchtungs- und Musikanlage greifen genauso ineinander wie das energiegeladene Spiel. Der TheaterJugendClub „Die KarateMilchTiger“ vom Schauspielhaus Chemnitz (Sachsen) haben Shakespeares Romeo und Julia mitsamt seiner rhetorischen Sprachkunst aufgemischt, und daraus „Don’t cry for me, baby“ gemacht. Hier trifft „Versmaß auf Jugendjargon“. Eine Straßenlaterne, eine große Mülltonne und ein Klavier mit einer Blechdose als Hocker reichen für die halbdunkle Szene auf ansonsten leerer Bühne. Julia spielt Klavier, singt, und das ziemlich gut, sie spricht in Shakespeares Versen. Die (Mädchen-)Gang singt Gospel im Chor, mal taucht ein leuchtendes Kreuz-Symbol auf, mal eine Schaukel aus Leuchtschlangen. Die verfeindeten Gangs knallen die Blechtür zu, reißen sich vorm Kampf die Klamotten vom Leib. Sie fechten nicht mit Degen sondern mit zerbrochenen Champagnerflaschen aus der Mülltonne im Theaternebel. Frenetischer Beifall im Publikum.

Ausklang mit Musik und Lagerfeuerromantik

Die Produktionen „Clash“ und „Don’t cry for me, baby“ konnten gut auf die Bühne des Hauses der Berliner Festspiele adaptiert werden, da sie schon von richtigen Bühnen kamen, sagt Thomas Pix, technischer Leiter des Judendtheatertreffens. Bei dem Stück „Blaubart“ der Freien Waldorfschule Berlin-Kreuzberg mussten die Beteiligten um Regisseurin Bettina Drexler hingegen umdenken: Eine Turnhalle mit Sportgeräten, Türen und Fenstern wie in der Schule gibt es im Festspielhaus nämlich nicht. Die Seitenbühne bot sich schließlich als Spielort an. Sprossenwände und Trapez wurden eingebaut, die längeren Wege eingeplant. „Auch das Licht musste komplett neu gedacht und gemacht werden“, sagt Pix. In der Turnhallen-Originalfassung gab es nur Saalbeleuchtung, nun musste man im schwarzen Raum Licht inszenieren. Vorlauf- und Probenzeit waren ausreichend, um sowohl die Trapezschwünge, als auch die Lichtstimmungen vorzubereiten. Für „Ferienlager – 3. Generation“ wurde für eine zehn Quadratmeter Fläche Torf angekarrt. Den opulenten Kronleuchter – wie er im Ballhaus Naunyn hängt – konnte Pix von der Deutschen Oper leihen.

Generell waren die Jugendlichen und jungen Erwachsenen sehr diszipliniert und hielten sich an die Abmachungen mit der Technik. „Die Atmosphäre war insgesamt sehr locker und sehr begeistert“, resümiert Thomas Pix die etwas andere Routine, „obwohl sie vor ihren Auftritten bestimmt Angst und Muffensausen hatten.“ Vor vollem, zum Großteil jugendlichem Publikum war davon nichts mehr zu spüren, die Funken der Begeisterung schlugen schnell über die Rampe.

So durchgetaktet wie die ganze Festivalwoche waren auch die Pausen: Im Schatten der Kastanienbäume hatte die Technik für die Youngsters einen Tischtennistisch aufgebaut – das Klacken des Pingpongballes gehörte zum Entspannen wie das nächtliche Lagerfeuer nach schweißtreibendem Volleinsatz auf der Bühne. So intensiv wurde der Garten der Berliner Festspiele wohl noch nie bespielt. Aber was wäre ein Jugendfestival ohne Musik? Zum Abschluss gab es noch mal richtig Mucke, mitreißenden Groove von der jungen Bläserkapelle Chopinni, Preisträger des Treffens Junge Musik-Szene 2010.

Die Utopie einer Künstlerkolonie ist für kurze Zeit Realität geworden. Einige der Teilnehmer werden vielleicht bald eine professionelle Theaterlaufbahn starten, in welchem Bereich auch immer. Dafür hat dieser einwöchige Ausnahmezustand den besten Humus bereitet.

photos 1, 2 und 6: cc Dave Grossmann; photos 3, 4, 5: cc iberner

Dieser Artikel erscheint auch in der BTR-Bühnentechnische Rundschau

 


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