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Beirut - Wien PDF Drucken

Bilder aus Beirut

Libanesische Künstler stellen in Wien aus - Die libanesische Metropole Beirut, die vor dem Bürgerkrieg auch als "Paris des Ostens" bezeichnet wurde, ist eine konfessionell besonders vielfältige Stadt. Die arabische Revolution scheint die Menschen hier wenig zu beschäftigen

- zu verworren sind die politischen Verhältnisse. Wie sich libanesische Künstler mit ihrem Leben auseinandersetzen, haben wir vor Ort erfahren. Die Kunsthalle Wien zegit außerdem die Ausstellung "Beirut".

photo: Tanya Traboulsi, Zerstörtes Gebäude an der ehemaligen Grünen Linie, Beirut, 2007 © Tanya Traboulsi

Juni 2011. Der erste Tag in Beirut führt unsere vierköpfige Journalistengruppe aus Wien an einen Ort, der den stärksten Eindruck dieser Reise hinterlassen wird: ins palästinensische Flüchtlingslager Shatila im Süden Beiruts. 14.000 Menschen leben hier auf einem halben Quadratkilometer. Die meisten davon sind palästinensische Familien: aus Israel Vertriebene und deren Nachkommen. Zu leben heißt hier, versuchen zu überleben. Dennoch spürt man eine gewisse Lebensfreude, die Leute sind freundlich, auch zu uns Westlern. Das größte Problem der Menschen ist die Arbeitslosigkeit. Vom libanesischen Arbeitsmarkt sind sie weitgehend ausgeschlossen, obwohl vor kurzem ein Gleichstellungsgesetz verabschiedet wurde, wie uns Maarouf Mounir vom Hilfswerk der Vereinten Nationen für Palästina-Flüchtlinge erzählt.

Vom Bürgerkrieg geprägt

"Es wurde ein Gesetz verabschiedet", so Mounir, "und man sollte sich daran halten. Palästinenser dürfen arbeiten. Sie haben die selben Rechte wie die Libanesen. Wenn die Regierung das Gesetz erfüllen würde, dann ginge es den Palästinensern hier besser." Die Lager Sabra und Shatila erlangten 1982 traurige Bekanntheit: Die rechte christliche Phalange-Miliz ermordete mehrere hundert Palästinenser, auch Frauen und Kinder. Es war ein Racheakt, denn militante Palästinenser wurden für die Ermordung des christlichen libanesischen Präsidenten Bachir Gemayel verantwortlich gemacht. Damit sind wir mitten im libanesischen Bürgerkrieg, der 1975 begann und 16 Jahre lang dauerte. Gegner und Koalitionen wechselten laufend: Christen kämpften gegen Muslime, Sunniten gegen Schiiten und verschiedene christliche Gruppierungen gegeneinander.

Der Krieg ist immer noch präsent - im Stadtbild und in den Köpfen der Menschen. Die Fotografin Tanya Traboulsi hat mit ihrer österreichischen Mutter und ihrem libanesischen Vater Beirut während des Bürgerkriegs verlassen. Damals war sie sieben Jahre alt. Sie zog mit ihrer Familie nach Wien und kehrte als 17-Jährige nach Beirut zurück. Sie verarbeitet ihr Bürgerkriegstrauma künstlerisch. Für ihre Foto- und Sound-Installation fotografierte Traboulsi Orte ihrer Kindheit in Beirut. Immer wieder tauchen geisterhafte Mehrfach-Selbstporträts auf - ein Symbol für ihre eigene Zerissenheit, aber auch für die Zerissenheit der libanesischen Gesellschaft.

Künstler arbeiten Geschichte auf

Künstler haben die Aufgabe übernommen, den Bürgerkrieg aufzuarbeiten, denn in der Gesellschaft ist er tabu. Eine Ruine an der ehemaligen Grenze zwischen dem muslimischen und dem christlichen Stadtteil soll ein Kulturzentrum werden - eines der wenigen Beispiele für offizielle Vergangenheitsbewältigung. "Nicht einmal in den Schulen sprechen sie darüber", sagt die Filmemacherin Reine Mitri. "Die Schulbücher hören bei der Unabhängigkeit des Libanon 1943 auf. Niemand möchte darüber reden, denn jede der beteiligten Gruppierungen hat ihre eigene Version. Die Helden der einen Fraktion sind die Attentäter der anderen. Man würde sich immer nur gegenseitig beschuldigen. Und das tut man nicht, weil viele der ehemaligen Bürgerkriegsparteien heute an der Macht sind."

Mona Hatoum, Witness, 2009, Foto: Kleinefenn, Courtesy Galerie Chantal Crousel, Paris © Mona Hatoum/VBK, Wien, 2011

Im Juli 2006 griff Israel die Hisbollah Hochburg Dahia im Süden Beiruts an. Die Filmemacherin Reine Mitri verschanzte sich damals in ihrer Wohnung und filmte den Krieg vom Fernsehschirm ab. "In dem Moment, als ich meine Kamera auf den Fernseher richtete, war meine Angst fast weg", erinnert sie sich. "Ich bemerkte, dass ich so meine Angst bekämpfen kann, indem ich es filme, meine Kamera zwischen mich und die Ereignnisse halte." Nach den israelischen Angriffen traute sie sich heraus, setzte ihre Dokumentation auf der Straße fort und interviewte befreundete Künstler. "Vulnerable" ("Verwundbar") hat sie ihren Film genannt.

Das Erzählen von Geschichten

Auf einer Vernissage in einer kleinen Galerie treffen wir den Künstler Ayman Baalbaki. Er stellt nicht in der Wiener Kunsthalle aus, aber sein Atelier ist gleich um die Ecke, und wir sind neugierig. Balbaakis Malerei ist wild und expressiv. Auch er hat den Krieg miterlebt. Baalbaki hat in Beirut und in Frankreich Kunst studiert. Wie die meisten jungen Künstler hier hat er internationale Kontakte. Der Erzähltradition seiner Kultur ist er treu geblieben. Baalbaki malt auf billigen Stoffen, aus denen Frauen im Südlibanon ihre Kleider nähen. "In der arabischen Kultur ist das Erzählen von Geschichten sehr wichtig", sagt der Künstler. "In der Vergangenheit haben wir uns von unserer eigenen Kultur immer mehr entfernt. Das ändert sich jetzt langsam wieder."

Viele Künstler der jüngeren Generation beschäftigen sich mit der aktuellen Veränderung ihrer Stadt. Man zeigt uns die Hamra Street im Stadtteil Ras Beirut - vor dem Bürgerkrieg multikulturelles Zentrum und Treffpunkt von Künstlern und Intellektuellen. Die Künstler-Cafés sind rar geworden, dafür täuschen internationalen Handelsketten Normalität vor. Das neue Zentrum der Stadt wird seit Ende des Bürgerkrieges 1991 von einer Privatfirma geplant, und die interessiert vor allem der Profit. Wolkenkratzer internationaler Architekten wechseln sich mit einheitlich renovierten alten Häusern ab. Überall werben Plakate für dieses neue, vor allem den Reichen vorbehaltene Beirut.

Die Fotografin Randa Mirza fotografiert diese Architektur-Utopien aus Perspektiven, die Realität und Fiktion verschwimmen lassen. Sie sieht ihre Arbeit als Widerstand gegen diese rein kommerzielle Stadplanung. "Erst seit ich an diesem Projekt arbeite, haben die Leute in meinem Umfeld zu sehen begonnen", so Mirza. "Manche jedoch fragen: 'Warum fotografierst du diese Werbetafeln?' Das ist unglaublich, denn die stehen wirklich überall. Und dann verstehst du: Was für dich als Künstler offensichtlich ist, ist es nicht für andere Menschen." Beirut ist eine Stadt der Extreme, Probleme gibt es genug. Ob die arabische Revolution auch hier Auswirkungen hat? Es gibt keinen Diktator, den man stürzen kann. Der Libanon ist zumindest theoretisch eine Demokratie. Die Ausstellung der Kunsthalle in Wien gibt jedenfalls Einblicke in eine Stadt, die ihre Zukunft sucht.

Photo: Randa Mirza, Aus der Serie: Pigeon's Rock, #14, 2003, © Randa Mirza, Courtesy Gallery Tanit, München/Beirut | Photo: Randa Mirza, Beirutopia, 2011 © Randa Mirza, Courtesy Gallery Tanit, München/Beirut

Text-Quelle: 28.06.2011 / Harald Wilde für Kulturzeit / tm/se http://www.3sat.de/kulturzeit/themen/155244/index.html Links in diesem Artikel: [1] http://www.3sat.de/webtv/?110628_beirut_kuz.rm (Die Fotografin Tanya Trab[...]riegstrauma künstlerisch.)

"Beirut", KUNSTHALLE wien project space, 29. Juni - 24. August 2011

Beirut ist nach Detroit die zweite Ausstellung einer Städtereihe der Kunsthalle Wien, die sich mit dem kreativen Potenzial von Metropolen im Wandel auseinandersetzt. Die libanesische Metropole, die vielfach auch als „Paris des Nahen Ostens“ bezeichnet wird, ist sowohl in architektonischer als auch in sozialer, ökonomischer und historischer Sicht eine von mehrmaliger Zerstörung, Umstrukturierung und Wiederaufbau gekennzeichnete Stadt, die in ihrer komplexen Dynamik wohl einmalig ist. Das besondere Flair und der unverwechselbare Reiz dieser Stadt speisen sich aus der Diversität ihrer Bevölkerungsstruktur, zu der fast 20 verschiedene Religions- und ethnische Gruppen zählen. Feudales Denken, Hierarchien, sich überschneidende Zugehörigkeiten zu sozialen Gruppen und diversen Familienclans sind im Libanon von großer Wichtigkeit und bestimmen die sozio-ökonomische Stratifzierung und die sozialen Interaktionen im Land. Dies gilt auch für die Akteure der Kulturszene, die gerade in dieser Komplexität ihre Inspirationsquelle finden und kritische Reflexionen über diese fragile Balance der Mächte anstellen. Wie z.B. Rania Stephan, die in ihren dokumentarisch anmutenden Videoarbeiten marginalisierte Stadtbewohner zu Wort kommen lässt und diese zu deren Lebensbedingungen und Träumen befragt.

Historisch gesehen hielt in Beirut, zeitgleich wie in Europa, die Aufbruchstimmung der Moderne Einzug, die nicht nur architektonische und technische Veränderungen mit sich brachte, sondern von der sich die Beiruter Intelligentsia – auch mit Blick auf die teils wohlwollend, teils skeptisch beobachtete Besiedlung Palästinas durch europäische Juden – eine sozialistisch gefärbte gesellschaftliche Veränderung erhoffte. In den Jahren des transnationalen Nasserismus wurden diese Gedanken wiederbelebt und wirken auf libanesische Intellektuelle bis heute. In diesem komplexen gesellschaftlichen Mosaik sind viele Künstler und Intellektuelle des Libanon auch heute noch und nach unzähligen Konflikten einem eher sozialkritischen Kunstbegriff verbunden, der dem Milieu der Toleranz und des Austauschs verpflichtet ist und zudem stilistisch eine Symbiose mit der narrativen Tradition eingeht – so wie etwa der Film Ras Beirut von Mahmoud Hojeij Erinnerungen an die Grandesse des Vorkriegs-Beirut wachruft.

Außer mit diversen gesellschaftlichen Konflikten setzen sich die gezeigten künstlerischen Arbeiten mit den Facetten der eigenen Identität und der Identität einer vom Krieg verwüsteten und sich im permanenten Ausnahmezustand konstituierenden Nation auseinander. Denn die Spuren des 15 Jahre währenden Bürgerkriegs und zahlreicher bewaffneter Auseinandersetzungen haben sich nicht nur in das Stadtbild eingeschrieben, sondern hinterließen auch bei den Bewohnerinnen und Bewohnern tiefe Spuren. Ausgewählte Video- und Filmarbeiten von jungen aufstrebenden Künstlerinnen und Künstlern wie etwa von Ali Cherri, Maher Abi Samra, Reine Mitri oder Rami El-Sabbagh legen von den immer wiederkehrenden kriegerischen Konflikten Zeugnis ab und thematisieren die Angst vor der nächsten detonierenden Bombe und den dahinterstehenden geopolitischen Interessen der dominanten Mächte. Das heutige Stadtbild der ausufernden Urbanisierung changiert zwischen exklusiven Gebäudekomplexen an der subtropisch-mediterranen Küstenlinie bis hin zu noch immer vorhandenen zerbombten Häusern und silhouttehaft durchlöcherten Fassaden. Diese beiden Extreme inspirieren Künstler wie z.B. Randa Mirza zu utopischen Fotocollagen gleichwohl wie die international gefeierte und im Libanon geborene Künstlerin Mona Hatoum, die sich in ihren beiden Skulpturen auf die prekäre geopolitische Situation der Metropole bezieht.

Der Schwerpunkt der Schau liegt auf filmischen Arbeiten von Künstlerinnen und Künstlern, die die Themen Freiheit, Selbstverwirklichung und Gleichberechtigung unter den verschärften Bedingungen eines permanenten Konfliktes bearbeiten. Wobei die Ausstellung durch die momentane politische Lage im Nahen Osten besondere Aktualität erhält.Neben künstlerischen Arbeiten beinhaltet die Ausstellung dokumentarisches Bildmaterial und Texte zur Geschichte und Stadtentwicklung. Weitere Städte im Fokus sind nach Detroit und Beirut Lagos und Saigon.

Künstlerinnen und Künstler der Ausstellung: Maher Abi Samra, Mounira Al-Solh, Danielle Arbid, Ali Cherri, Edwin Daou, Rami El-Sabbagh, Joana Hadjithomas & Khalil Joreige, Mona Hatoum, Mahmoud Hojeij, Lamia Joreige, Randa Mirza, Reine Mitri, Najla Said, Rania Stephan, Alfred Tarazi, Tanya Traboulsi, Akram Zaatari

Kuratorin: Bariaa Mourad; Kurator Kunsthalle Wien: Lucas Gehrmann

Aus der Pressemitteilung

 


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