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Bregenzer Festspiele - André Chenier PDF Drucken

Eine Ikone für den Bodensee

Spektakel mit Tiefgang: Die wenig gespielte Oper André Chenier auf der Seebühne bei den Bregenzer Festspielen -  bereits im Vorfeld ging das Bühnenbild von David Fielding durch sämtliche Medien. Die dem Gemälde „Der Tod des Marat“ von Jaques Louis David nachempfundene Bühnenskulptur wurde am Computer designt.

von Irmgard Berner

Bregenz, August 2011. Er ist schlichtweg spektakulär. Wie er da liegt vor dramatischem Himmel, die Augen geschlossen, die weich geschwungenen Lippen und Gesichtszüge entspannt, bläulich schimmernd unter blasser Haut.

Er strahlt eine tiefe, gewaltige Ruhe aus. Stirn, Augenbrauen und das markante Nasenbein, der wohlgeformte Schädel mit dem einst stolzen Kinn ist am Hals leicht zur Seite geknickt. Ein schöner, ein ebenmäßiger Kopf, androgyn, gen Himmel gerichtet, die linke Schulter schräg erhoben, die rechte halb versunken in den Fluten. Die Brust vom Dolch durchstoßen und sanft umspült von kräuselnden Wellen. A schöne Leich’, würde der Wiener sagen.

Staunend stehen neugierige Besucher am Ufergeländer oder schlendern durch die noch leeren Tribünereihen. Sie beobachten, wie angeseilte Kletterer das Riesenhaupt mit einem Tuch verhüllen. 1000 Quadratmeter ist das Tuch groß und muss nach dem 1. Akt in Windeseile abgezogen werden. Alles händisch. Noch sind es vier Stunden, bis die Vorstellung beginnt. Bald sollen sich hier knapp 7000 Zuschauer in den Reihen verteilen. Es nieselt, der Himmel ist wolkenverhangen. Aber das stört die Techniker nicht - und die gewaltige Leiche schon gar nicht.

Verismo-Schocker

24 Meter ist der Torso hoch, sein Vorbild heißt Jean Paul Marat und war einst Revolutionsführer im Paris von 1789. Er ist 31 Meter breit und liegt am Ufer des Bodensees - wie einst sein Vorbild in der Badewanne, ermordet 1793 von der Hand einer Frau. Den denkwürdigen Moment hat der französische Maler Jacques-Louis David in dem Revolutionsgemälde „Der Tod des Marat“ festgehalten. Dass Marat nun als 60 Tonnen schwere Bühnenskulptur für die Oper „André Chenier“ am Seeufer vor spektakulärer Naturkulisse ruhen kann, hat er dem Leading Team, Regisseur Keith Warner und vor allem Bühnenbildner David Fielding, zu verdanken.

Denn wie auf Marat das Messer der mutigen Mörderin Charlotte Corday sauste auf den Dichter André Chenier das Fallbeil herab – am 25. Juli 1794, zwei Tage vor der Ermordung Robespierres und damit dem Ende der jakobinischen Schreckensherrschaft. Chenier hatte in einem Gedicht die Mörderin zur Märtyrerin der Freiheit verklärt. Aus dem haarsträubenden Stoff hat der italienische Komponist Umberto Giordano eine Oper gemacht. An der Mailänder Scala1896 uraufgeführt, ist sie heute sein einziges, noch gelegentlich aufgeführtes Musiktheaterwerk. Ein echter Verismo-Schocker, vier Akte in kaum zwei Stunden. Und deshalb geeignet für die Seebühne, entschied Intendant David Pountney. Die filmschnitthafte Dramaturgie des Librettisten Luigi Illica, der auch Puccinis „Tosca“ schrieb, inspirierte Giordano zu einer effektvollen Partitur, aus deren Emotionsfundus sich die Soundtrack-Macher Hollywoods bis heute bedienen. Und Pountney sollte für Bregenz recht behalten (siehe Interview).

Ein vielschichtiger künstlerischer und handwerklicher Prozess

Dass nun Marat für die Seebühnen-Neuproduktion „André Chenier“ als begeh- und bespielbare Skulptur zum Leben erwacht, dass Chor, Solisten, Statisten und Artisten wie Ameisen auf ihm klettern, steigen, fallen, rutschen und natürlich singen können - auch bei Regen - hat er dem technischen Team um Gerd Alfons zu verdanken. Denn Bühnenbilder wie dieser schwere, hohle Torso aus Stahl, Schaumstoff und Putz und mit 154 Treppenstufen versehen, müssen außer bespiel-, verwandel- und beleuchtbar auch wind-, wetter- und wasserfest gebaut sein. Das verantwortet Gerd Alfons als technischer Direktor seit mehr als einem Vierteljahrhundert. Mit seinem Team plant, organisiert und ermöglicht er die komplexe technische und logistische Umsetzung der Bühnenbildentwürfe und den reibungslosen Ablauf während des Vorstellungsbetriebes im Sommer auf dem Bodensee. Und er kennt die Tücken des Sees: „Die Staulage bewirkt, dass die 10,50 Meter hohe Schulter dort oben so viel Wind hat, dass man runterfällt und hier hinten merkt man das gar nicht. Wobei es nicht mal die Höhe ist, sondern Druck und Sog. Das ist aber alles berechnet.“

3D-Puzzle wird zur Bühnenskulptur

Genau berechnet ist auch die bestechende Idee, eine dreidimensionale Version von Marats Konterfei zu realisieren. Man beschritt dafür völlig neue Wege der gestalterischen und technischen Umsetzung. 2009 begann die Planung mit David Fieldings Bühnenbildentwurf - erstmals in digitaler Form: „Eine völlig neue Methode, denn bis zum letzten Jahr arbeiteten wir mit dem klassischen Bühnenbildmodell im 1:100 Maßstab, für die die Ingenieure Pläne herstellten“, sagt Alfons. Es war ein Wagnis. Würde man es schaffen, mit 3D Computeranimation so gut vorzuplanen, um ein gleich gutes Ergebnis zu erzielen? Das Bild wurde eingescannt und ein 3D-Künstler bearbeitete es digital. Aber es entsprach nicht den Vorstellungen der Ausstatter. So kam Bildhauer Frank Schulze aus Berlin dazu, der auch die überdimensionalen Füße für „Aida“ gefertigt hatte. Er formte die 3D-Ausdrucke bildhauerisch weiter und feilte auch am digitalen Modell mit. Viele Zwischenschritte, die nur von Künstlerhand erledigt werden konnten, waren nötig. Ebenso eine statische Machbarkeitsprüfung, da sich die asymmetrische Kopfform, seine Neigung nach hinten und die Kräfteverschiebung, die beim Öffnen des Kopfes entsteht, am realisierbaren Limit bewegten.

Der Vorteil des 3D-Entwurfs war zudem, dass die elektronischen Modelldaten der Endfassung die Grundlage für die Werkstattpläne der ausführenden Firmen bildeten. Das Stahlgerüst des Kopfes entstand im Winter in den Hallen der Vorarlberger Firma Bitschnau und wurde dann in der Schiffswerft Fussach, 13 Seekilometer von Bregenz entfernt, zusammengebaut. In jedem Moment des Aufbaus bot so die farbige Visualisierung am Bildschirm die Möglichkeit für Gestaltung und Zwischenkontrolle, was Zeit und Geld sparen half. Und es ermöglichte erst die Konstruktion des Innenlebens des Kopfes: die beweglichen Teile, die Lautsprecher und Steuerungstechnik. Zudem waren sie die Basis für die Oberflächengestaltung der 24 Meter hohen Skulptur: Die endgültige Fassung wurde grob aus Styropor mit CNC ausgefräst. 118 Teile als 3D-Puzzle.

Spiegel, Stachel, Dolch und keine Pickel

Das Haus selber hat kleine Werkstätten, die die Feinarbeiten und das Finish am See durchführen. Denn während des laufenden Probenbetriebs sind theaterpraktisches Handwerk und Expertise gefragt. Und auf dem komplexen Weg vom Computer zur realen Skulptur blieben etliche Feinheiten in den Anschlüssen der Bauteile auf der Strecke. So legte Frank Schulz noch mal richtig Hand an, als alles zusammengebaut war.

Der Kopf wird ja als Ganzes hydraulisch durch Innenzahnradpumpe und Zylinder nach hinten geklappt und legt das „Gehirn“, den Gerichtssaal mit riesigen Bücherstapeln offen. Die Verbindung am Hals - in geschlossenem Zustand nicht einmal als Linie sichtbar und geöffnet als blutrote Schnittwunde kaschiert – schnitt und schliff Schulz noch mal ab, spachtelte und malte sie mit seinem Team so, dass nun Marats nackte Büste als perfekte Form in der großen Bodensee-Badewanne liegt. Die Füße für Aida hatte Schulz noch komplett selber geschnitzt. Den Kopf aber, sagt er, hätte er mit dem herkömmlichen Verfahren nicht geschafft.

Am Ende der Oper fahren aus Kopf und Rumpf auch noch Stacheln aus. Diese knapp drei Meter langen „Spikes“ stechen von innen durch die kaschierte Haut mittels kolbenloser Pneumatik-Zylinder und verschwinden wieder - spurlos. Fast ein Jahr experimentierte das Technik-Team mit verschiedenen Schaumstoffen für diesen Effekt: „Bis wir einen gefunden haben, der nicht so ausschaut, als hätte der Kopf Pickel. Man kann ja nicht jedes Mal auf dem Bühnenbild herumklettern, um sie wieder zu übermalen – alleine das Gesicht hat eine Höhe von 14 Metern“, betont Alfons. Den speziellen Stoff fanden sie in China - er wird normalerweise zur Dämpfung von Eisenbahnschwellen verwendet. Ein goldener Spiegelrahmen von neunzehn mal elf Metern mit Kerzen, die sich verkürzen während sie abbrennen, ein altes, aufgeklapptes Buch als Symbol für den Dichter André Chenier, und natürlich der 16 Meter lange Dolch, der nach unten klappt, bilden die dramaturgischen Accessoires.

„Ist halt Live-Business“

Hinzu kommen weitere technische Finessen, die den Kopf zum dramaturgisch wandelbaren Bild für Auftritte machen: Tränengleich seilen sich einzelne Akteure aus den Augen ab, die Lippen können sich öffnen und schließen. Auch der als Spielfläche dienende Brief - von Marats linker Hand gehalten - ist beweglich. Der schwierigste Umbau ist nicht - wie man vermuten möchte – das Aufklappen des Kopfes, sondern: „Wenn wir den Brief, der am Anfang rechts als Ballsaal fungiert, nach links wegfahren“, sagt Alfons. „Bewegt wird er auf einer Unterwasserschiene mit fünf Metern Gleisabstand per Seilantrieb auf einem Wagen mit Drehscheibe, auf der ein großer Scherenhubtisch montiert ist, damit wir ihn - je nach Wasserstand - Höhenverstellen können.“ Für diesen Brief-Wagen, an den „hinten eine Mordsbrücke mit Geländer angedockt ist, haben wir nur ganz kurz Zeit, die Treppe zu drehen, damit das Gerät wegfahren kann. Gleichzeitig müssen viele Leute von der Fläche runter, damit oben Platz ist zum Umklappen der Bodenplatten. Und gleichzeitig wird das Tuch abgezogen!“

Das Tuch wollte man ursprünglich mit einer Maschine abziehen, was aber nicht funktionierte. „Man muss es, je nach Druck, mit 16 bis 18 Händen feinfühlig runterziehen. Sonst zerreißt es, denn es haftet. Das ist eigentlich die schwierigste Phase. Aber ansonsten ist es halt Live-Business. Da kann jederzeit eine Anlage ausfallen. Am schlimmsten haben es natürlich die Akustiker. Wir müssen hier draußen leiser sein als im Haus drin, weil die Mikrophone wie Schall-Lupen sind.“ Hier spricht der Routinier, der seine Begeisterung aber auch nach so vielen Jahren nicht verbergen kann.

Während der Brief in der Hand des toten Marat rechts als ausladendes Spiel-Plateau dient, wird der Steg zur Linken für die aberwitzigen Défilés der Adligen in ihren gewaltigen Perücken zu einem Tanz der Hof-Vampire genutzt. Zudem geht der Sensenmann um und fungiert als Fährmann – Marats Büste wird so auch zur Toteninsel im Bodensee. In diesen Bühnenbauten von David Fielding frappiert Keith Warners Regie durch präzise Agilität und außerordentliche technische Perfektion. So erweist sich „André Chenier“ als packendes Musiktheater und großes Seebühnen-Spektakel - dem Nieselregen zum Trotz.

alle photos: © iberner | nurart

 


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