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Pawel Althamer - Deutsche Guggenheim PDF Drucken

Gruppenselbstportrait

Almech: Der polnische Künstler Pawel Althamer baut im Deutschen Guggenheim eine Fabrik ein - und testet in Berlins Mitte die Grenzen des Kunstbetriebs aus. Eine Auftragsarbeit.

Von Irmgard Berner

Photo li: Pawel Althamer auf dem Hof der väterlichen Firma "Almech"; © berner|nurart. Photo re: Figur; © Nat Trotman

Berlin, Oktober 2011. Müssen Banker nun die Ärmel hochkrempeln? Zumindest in der Deutschen Bank und ihrer Guggenheim-Dependance ist es soweit: Denn dort lässt der polnische Künstler Pawel Althamer eine Fabrik einbauen

und testet in Berlins Mitte die Grenzen des Kunstbetriebs aus.

Über dem Eingang des Berliner Guggenheim-Museums leuchtet ein grünes Schild: "Almech" steht in weißen Lettern darauf - der Name der gleichnamigen Plastikfabrik von Pawel Althamers Vater nahe Warschau. Der Firmenname ist eine Kombination aus Althamer und mechanisch. Betritt man den Kunstraum, steht man sogleich mitten im Produktionsbetrieb: In einem Glasverschlag mit Werkbank gießen Mitarbeiter Gesichtsabdrücke von Bankangestellten, auf Regalen liegen Totenmasken, als wären sie im Sonderangebot. Hinten in der weißen Halle rattert eine Maschine, und mitten im Ausstellungsraum trifft man auf eine große Schar unfertiger Skulpturen: Weiße Stahlskelette, menschengroß und auf Rollen, tummeln sich da in Posen, als wären sie eben erst eingetroffen und erstarrt. Ihre Gerippe sind mit weißen Plastikbandagen umwickelt, manche haben Köpfe, manche nur Stahlringe - als warteten sie noch auf ihr krönendes Haupt. Ein skurriles Bild.

Pawel Althamer kehrt gerne die Prinzipien um, so auch hier: Das Guggenheim holt er nach Polen in die Werkstatt und produziert dort die Skulpturen vor, dann bringt er sie in den Berliner Kunstraum - zur weiteren Verarbeitung. Denn Köpfe und Gesichter bekommen sie erst hier, ganz nach antikem Vorbild.

"Es ist eine römische Tradition, unfertige Skulpturen serienmäßig zu produzieren, sogar eine griechische: Die Köpfe der Kunden wurden dann auf die klassisch gestalteten Körper gesetzt. Damals wurden die Skulpturen aber nur für Reiche gemacht. Heute hingegen wollen wir wirklich Jeden einladen! Gestern haben wir mit Freunden beschlossen, in die Stadt zu gehen und Leute einzuladen, die sonst keine Guggenheim-Besucher sind und an keinen Kunstwelt-Aktivitäten teilnehmen würden. Mein Traum ist, dass sie kommen."

Jeder Besucher kann sich also eine eigene Maske fertigen lassen. Althamer möchte die Menschen durch diesen Prozess mit sich selbst konfrontieren. Die Maske nimmt man nicht mit nach Hause, sondern sie kommt auf eine der unfertigen Skulpturen, wird also Teil der Ausstellung und somit öffentlich. Der Künstler nutzt auch hier eine uralte Tradition: die der Totenmaske - allerdings an Lebenden. Ein makabrer Bubenstreich?

"Früher wurde die Maske gemacht, als es schon zu spät war. Was wir anbieten, ist, sich unter diese Maske für eine halbe Stunde zu begeben und diese Zeit mit sich selbst zu verbringen. Denn wir sprechen hier über physische Kommunikation. Skulptur und Kunstaktivität sind die fantastischsten Beispiele, eine spirituelle Erfahrung auszudrücken, diesen verborgenen Teil unserer Wirklichkeit zu materialisieren, zu berühren, die Erfahrung mitzuteilen."

Nonverbale Kommunikation und Spiritualität sind Kernelemente in der Arbeit Pawel Althamers. Der 44-jährige polnische Künstler hat Selbstversuche mit Hypnose und Drogen unternommen und in seinen Videoarbeiten und Performances verarbeitet. Seelenverwandt fühlt er sich mit den Schamanen, ähnlich wie Joseph Beuys. Sie verkörpern für ihn die Kraftzentren des sozialen Lebens.

"Ich denke, der Schamane war immer eine sehr soziale Person. Seit ich dessen Magie für mich entdeckt habe, ist sie meine Leidenschaft. Denn auch meine Erfahrung bezog sich immer auf die anderen - wie kommuniziert man mit ihnen, und was passiert mit mir dabei. Ich will zu der ursprünglichen schamanistischen Tradition zurückkommen: Hilfe zu leisten, zu kooperieren!"

In seiner Warschauer Nachbarschaft, einer Plattenbausiedlung, ist Pawel Althamer der Local Hero. Erfolgreich bezieht er die Hausbewohner in seine Projekte im öffentlichen Raum mit ein. Partizipation ist Teil seiner Kunstproduktion. Studiert hat Althamer eigentlich Bildhauerei, aber es geht ihm um die große, die gemeinschaftliche Aufgabe - sie ist sein Lebensprogramm. Seit 25 Jahren entwickelt er im Familienkontext viele seiner Kunstprojekte in der väterlichen Plastikfabrik. Früher stellte man dort Flaschen her, bis die Geschäfte einbrachen. Heute produziert ihre Maschine im Deutschen Guggenheim das weiße Plastik für die Kunst. Für Althamer scheint sich auch der Faktor Arbeit mit dem Faktor Kapital der Deutschen Bank kreativ zu verbinden.

"Es sieht komplizierter aus, als es ist. Es ist wie wenn ich Geld investiere, um neue Spiele zu schaffen, neue Orte und Aktivitäten für Menschen, die in der Regel nicht eingeladen werden, sondern ausgeschlossen sind. Oder Ungebildete. Also zu investieren in: 'Kunsterziehung'. Aber nicht im Sinne von: Kunstgeschichte studieren, sondern die Werkzeuge der Kunst zu studieren, um erfolgreich zu kommunizieren."

Pawel Althamer lädt also jeden, der weder eine Kunsthalle noch die Deutsche Bank betreten würde, dazu ein, im Kollektivgeist eines großen sozialen Gruppenporträts aufzugehen. Ein Selbstversuch, auf den man sich unbedingt einlassen sollte.

Dieser Beitrag entstand für DeutschlandradioKultur und wurde in der Sendung Fazit am 26. Oktober 2011 gesendet.

Familienaufstellung

Unheimlich sind sie, diese weißen Drahtskelette. Wie sie sich drängeln unter dem Wellblechverschlag, menschengroß und auf Rollen, als könnten sie im nächsten Moment aufmüpfig losrollen und als somnambule Truppe über den Gewerbehof hinwegrumpeln.

Sie verharren aber, als wärmten sie sich gegenseitig, bevor sie endlich Plastikfleisch aufs nackte Gerippe kriegen. Noch sind die Geschöpfe kopf- und gesichtslos. Aus ihren Schulterbügeln ragen Ringe aus Armierungsstahl, auf denen bald individuelle Gesichter stecken sollen. Einige Kopfabgüsse liegen schon nebenan in dem verwitterten Holzhaus, das Pawel Althamer als Atelier nutzt. Während eine Hühnerschar mit krähendem Hahn am Nachbarzaun scharrt, schlummern die Maskengesichter geisterhaft im ewigen Schlaf.

Es ist keine surreale Filmkulisse mit Gruppenportrait, in die die Besucherin geraten ist. Es ist die reale Szenerie in Wesola, einem Vorortdorf von Warschau, der Heimat Pawel Althamers. Hier wurde er 1967 geboren. Und hier werkelt der Künstler seit nunmehr 25 Jahren, entwickelt viele seiner Kunstprojekte in der kleinen Plastikfabrik „Almech“ seines Vaters Adam Althamer, der den so genannten Myral-Kunststoffextruder erfand. Früher wurden in dem Familienbetrieb Flaschen hergestellt - bis die Geschäfte schlechter liefen. Da sich das Selbstwertgefühl der Familie aber aus der Arbeit speist, verwundert es nicht, dass dieses Ethos auch die Praxis des Künstlers Althamer bestimmt. Und weil seine großen Themen um die Gemeinschaft, die Familie, das Soziale und die Produktion kreisen, rattern die Maschinen von Almech eben für seine Kunstproduktion weiter.

Mitsamt des Vaters Know-how liefert die Fabrik den Raum, die Arbeitskraft und den weißen Knetstoff Polyethylen, den Pawel Althamer nun den draußen wartenden Figuren wie Bandagen über die Gestelle legt. Im abgewetzten Blaumann kniet der Bildhauer – man wähnt sich sogleich in einer seiner Performances - an der Thermodrehmaschine. Er zieht die warme Gummiwurst aus der Gewindeöffnung, formt sie mit beiden Händen bevor sie kalt erstarrt. Er klebt sie als Muskelfaserstrang über die Rippen des vor ihm sitzenden Stahlskeletts, konzentriert und mit beschwörendem Blick, als gelte es, ihm zugleich eine Seele einzuhauchen.

Labeltausch und Rollentausch

Die Firma „Almech“ produziert also die Skulpturen, die Pawel Althamer für die gleichnamige Ausstellung im Deutschen Guggenheim Berlin vorbereitet. Irritieren mag das Schild „Deutsche Guggenheim“ über dem polnischen Fabriktor dennoch, erklärt es doch die Fabrik zur Kunstinstitution. Wer arbeitet hier für wen? Almech für das Guggenheim? Die Deutsche Bank für Almech? Ja, auch das. Der Faktor Arbeit verquickt mit dem Faktor Kapital im Kunstprozess. Das Spiel mit den Realitäten und Rollen ist eines von Althamers liebstes. Es verschafft ihm Freiräume. Für Berlin hat er nun diesen Labeltausch vorgenommen, holt die Museumsinstitution in die Werkstatt und verwandelt den Kunstraum Deutsche Guggenheim zur Produktionsstätte: Im Museum rattert ein Kunststoffextruder, daneben fertigen an einem Werkstand Almech-Mitarbeiter Gesichtsmasken von Bankmitarbeitern und von Museumsbesuchern an.

„Almech“ ist eine Auftragsarbeit des Deutschen Guggenheim. Und damit ganz im Sinne Althamers, der gerne die Prinzipien umkehrt. Er erweitert hier sein Konzept auf Partizipation, die Beteiligung der Mitarbeiter und Besucher. Denn jeder soll nicht nur das bereits stehende Werk bewundern, sondern kann sich im Laufe der Ausstellungsdauer sein eigenes Konterfei gießen lassen und sich als Skulptur in dem anwachsenden Gruppenselbstportrait verewigen.

Den Grundstock bildet die Schar der Stahlskulpturen aus der Fabrik in Polen. Weitere wird Althamers Bruder laufend von dort anliefern. So ist die Ausstellung anfangs noch gar keine. Althamer liegt mehr daran, aus dem Prozess eine soziale und zugleich reale Plastik zu schöpfen, die die Menschen, die Besucher zugleich mit sich selbst konfrontiert.

Local Hero von Bròdno

Das Selbstportrait ist sehr wesentlich in Althamers künstlerischer Reflexion. Schon für seine Abschlussarbeit an der Warschauer Akademie 1993 erschuf er sich als mimetisch genaue, nackte Kopie. Zu dessen Präsentation verschwand er. Derweilen lief ein Video neben seinem Alter Ego, das ihn zeigte, wie er nackt in Richtung Wald abhaut. In der polnischen Kunstszene ist Pawel Althamer seither einer der wichtigsten Akteure. In Filmprojekten mit seinem Kollegen Artur Żmijewski, der die 7. Berlin Biennale kuratiert, hat er sich Selbstversuchen durch Hypnose unterzogen. „Künstler sind die Schamanen der heutigen Gesellschaft“, sagt Althamer. In seiner Warschauer Nachbarschaft, der Plattenbausiedlung Bròdno, ist er der Local Hero, seit er erfolgreich die Hausbewohner in seine zwischen privatem und öffentlichem Raum changierenden Projekte mit einbezieht. Für den wunderschönen Bròdno-Park hat er einen Skulpturengarten initiiert, in dem man nun Arbeiten von Olafur Eliasson, Monika Sosnowska oder Susan Philipsz begegnet. Jedes Jahr kommt eine neue hinzu. In Deutschland trat Pawel Althamer schon 1997 auf der Documenta X als Astronaut verkleidet auf und betrachtete das Kassler Kunsttreiben quasi aus dem All.

Und nun fordert er die Museumsbesucher auf, sich einen eigenen Stellvertreter bauen zu lassen. Wie in einer Familienaufstellung kann der sich dann im Laufe des Prozesses zwischen die anderen Figuren zwängen oder auf Distanz zu ihnen rollen oder als Seele aufgehen im Kollektivgeist eines ästhetisch skurrilen Gruppenselbstportraits in klassischem Weiß. Es lohnt auf jeden Fall den Selbstversuch. Auch wenn es unheimlich wird.

Dieser Artikel erschien in der Berliner Zeitung am 25.10.2010

Deutsche Guggenheim Berlin, Unter den Linden 13/15, bis 16. Januar 2012. Täglich von 10 bis 20 Uhr

 


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