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Bethan Huws - Marcel Duchamp PDF Drucken

Wie liest man Duchamps Gedanken?

Die walisische Künstlerin Bethan Huws öffnet im HKW-Labor Berlin ihren Rechercheprozess zu Marcel Duchamp

Berlin, November 2012. Eine Fontäne, die Kunstgeschichte schrieb. Wer kennt es nicht, das Pissoir - Marcel Duchamps Ready-Made „Fontaine“ von 1917? Jenes weiße Porzellangefäß, das er dem Zweck entfremdete, indem er es auf einen Tisch legte und signierte. Das Brünnlein fand zwar nie den Weg in eine Ausstellung, ja verschwand sogar, schlug aber mit weiteren Ready-Mades in die Kunstwelt ein wie ein Asteroid. Und entfachte Anfang des 20. Jahrhunderts ein Kontroversenfeuer über die Frage, was Kunst ist.

Fontäne barock - als Entsprechung zu Duchamp, Filmstill Behtan Huws. photo: iberner | nurart

von Irmgard Berner

Die Aufregung hat sich gelegt, das Ready-Made reicht längst über den Kanon der Konzeptkunst hinaus und über Duchamp wurde seitdem ausgiebig geforscht. Dennoch liege vieles über sein Schaffen im Verborgenen, sagt die walisische Künstlerin Bethan Huws. Subtil äußert sie Kritik an der unzulänglichen kunsthistorischen Rezeption dieses bahnbrechenden Künstlers. Sie weiß wovon sie spricht. Denn sie hat sich dem Oeuvre dieses Künstler-Philosophen in einer Langzeitrecherche nicht nur angenähert sondern vertieft.

Aus diesem künstlerischen Forschungsprozess hat Huws sich einen reichen kulturellen Referenzraum eröffnet und ist zu einer ganz eigenen Lesart von Duchamps Gedanken gekommen. Mit sieben Texten und neun Fotografien römischer Brunnen öffnet sie in der kleinen und wohl ausbalancierten Ausstellung „Reading Duchamp“ dem Betrachter ein Fenster auf ihre Gedankenflüsse. Komprimierte Textflächen direkt auf die Wand geschrieben stehen dabei sinnlich sprudelnden, römischen Barockbrunnen auf Großfotos gegenüber.

Angefangen hatte Bethan Huws das Projekt 1999/2000 als Filmkonzept. Denn zu jener Zeit hielt sie sich mit einem Henry Moore Sculpture-Fellowship an der Britisch School in Rom auf. Ausgehend von Duchamps Fontänen-Urinal als Inspirationsquelle unterzog sie römische Brunnen eingehender Betrachtung. Das Filmprojekt mündete aber, als sie auf fundierte Kataloge des Kunsthistorikers Arturo Schwartz über Duchamps Ready-Mades stieß, bald in einen kaum enden wollenden Rechercheprozess. Die Brunnen mit ihren allegorischen Figuren, den barocken wasserspeienden Putten und Satyrn, die dem Betrachter Gedankensprünge abverlangen wie das Werk Duchamps, sind als Filmstills in die Installation eingeflossen. Da für Huws diese Arbeit Laborcharakter hat, zeigt sie sie als Werkgruppe nun im Haus der Kulturen der Welt in Labor 7 in der von Valery Smith kuratierten Reihe „Labor Berlin“.

Im Zentrum von Bethan Huws künstlerischer Praxis steht aber das Schreiben. Sie kläre ihre Gedanken immer im Prozess des Schreibens, sagt die 1961 in Nordwales geborene Künstlerin, die gerade von Paris nach Berlin gezogen ist. Ihre Reflektionen strömen in Sprachexperimente, nehmen als Zeichnung, Skulptur, Fotografie, Film oder Performance Form an und stehen immer in einem bestimmten Kontext. Hier ist es die Zahl 7, sagt Bethan Huws. Diese Zahl stelle die Verbindung zu Duchamps Zahlenspielen und Strategien her, da er jeder Zahl eine Bedeutung zuordnete und dadurch Gedanken und Verstand, Gefühle und Vernunft verknüpfte.

Der Akt des Lesens der sieben Texte bedeutet denn auch das Eintreten in Assoziationsräume, in denen der geneigte Leser Zeichen unserer abendländischen Kultur aufspüren kann durch Wortspiele, die gespickt sind mit subtiler Ironie und zu Codes komprimierter Doppeldeutigkeit. Ganz im Sinne Duchamps. Für die Texte sollte man der englischen und französischen Sprache kundig sein. Das stumme Plätschern der Fontänen ist hingegen selbstredend. Es ist ein stilles Werk voller Poesie und feinem Humor, ein Kontrapunkt zum großen Spektakel.

Haus der Kulturen der Welt, Berlin Tiergarten. Mi-Mo und feiertags 11-19 Uhr. Bis 9. 1. 2012

Textfläche von Bethan Huws über Marcel Duchamps Mona Lisa mit Schnurrbart und seine Hommage an den Dichter Apollinaire

Römische Brunnen und Texte komprimiert als Entsprechung zu Duchamp von Bethan Huws. photos: iberner | nurart

Dieser Artikel erschien auch auf der Kunstseite der Berliner Zeitung am 15.11.2011

 


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