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Jüdische Mädchenschule - Beate Hammett PDF Drucken

Mit 83 zurück in die Mädchenschule

Beate HammettZur Einweihung der Gedenktafel für Alexander Beer an der Jüdischen Mädchenschule in der Auguststrasse: Beate Hammett, Tochter des Architekten und Baumeisters der jüdischen Gemeinde, erinnert sich

„Ich bin überwältigt mit welch’ großem Interesse ich hier aufgenommen werde.“ In Sydney, Australien, wo sie seit ihrem 18. Lebensjahr lebt, würde sich keiner interessieren, sagt Beate Hammett. Aber die Menschen hier in Berlin gingen sensibler mit der jüdischen Vergangenheit um.

von Irmgard Berner

Beate Hammett, née Beer

Berlin, 20. April 2012. „Mein Vater hatte ein besonderes Gespür für junge Menschen“, sagt Beate Hammett als sie das frisch sanierte Foyer der Jüdischen Mädchenschule in der Auguststrasse betritt. Frau Hammett ist die einzige Tochter von Alexander Beer, dem Erbauer der ehemaligen Schule, die nun ein Kulturzentrum ist. „Nur schade, dass der Fahrstuhl nicht mehr da ist, ich bin als Kind so gerne damit gefahren.“ Noch etwas aufgeregt und umringt von Freunden und Vertretern der jüdischen Gemeinde strahlt sie erleichtert. Denn eben hat die zierliche alte Dame, elegant im weißen Blazer und schwarzen Rollkragenpulli, vor dem Eingangstor eine berührende Rede gehalten. Mit leicht bebender Stimme hat sie ihrem Vater, dem Gemeinde-Baumeister, der 1944 in Theresienstadt ums Leben kam, zur Einweihung der Gedenktafel für ihn, ihr ganz persönliches Denkmal gesetzt.

Beate Hammett „Ich bin überwältigt“, fügt sie hinzu, „mit welch’ großem Interesse ich hier aufgenommen werde.“ In Sydney, Australien, wo sie seit ihrem 18. Lebensjahr lebt, würde sich keiner interessieren. Aber die Menschen hier gingen sensibler mit der jüdischen Vergangenheit um.

Vor der Jüdischen Mädcehnschule: Mark Rackles, Staatssekretär für Bildung, Berliner Senat, Beate Hammett, Erika Falkenreck

Als Beate Beer wurde sie 1929 in Berlin geboren. Gerade noch vor Kriegsausbruch schickten ihre Eltern sie Ende 1939 auf den vorletzten Kindertransport Richtung England. Das hat ihr wohl das Leben gerettet. „Genau an Hitlers Geburtstag war ich auf dem Schiff über den Ärmelkanal“, erinnert sie sich. Berlin wollte sie eigentlich nicht mehr wiedersehen. Aber 1997 entschloss sie sich doch, auf Einladung des Berliner Senats mit dem Besucherprogramm für entkommene jüdische Bürger, ihre Geburtsstadt zu besuchen. Betreut hat sie damals die ehrenamtliche Mitarbeiterin Erika Falkenreck. Bis heute verbindet die beiden eine herzliche Freundschaft, zudem hat sich die Berlinerin sehr für die Gedenktafel eingesetzt.

„Das einzige, was ich sofort wiedererkannte, waren die großen würfelförmigen Uhren in den Straßen“, lacht Beate Hammett. Das elegante Teehaus am Zoo, das sie samstags immer mit ihrem Vater besuchte, war einem Fastfoodlokal gewichen. „Mein Vater wäre entsetzt gewesen ob des vielen Plastiks dort.“ Beate Hammett wuchs behütet in einem wohlhabenden Haushalt auf, im Blumeshof 15, nahe dem Landwehrkanal in Tiergarten, in einem Gebäude, das der Jüdischen Gemeinde gehörte und völlig ausgelöscht wurde. Sie zeigt ein Foto, auf dem Alexander Beer, gutgekleidet, froh und zuversichtlich in die Kamera blickt: „Er ist auf Ferien in Südtirol. Es wurde kurz vor meiner Geburt im Mai 1929 aufgenommen. Ich war ein spätes Kind. Ein Wunder, denn mein Vater war bereits Mitte Fünfzig, meine Mutter zwanzig Jahre jünger. Sie liebte es, alle Feste zu feiern, die da waren.“

Alex und Alicia Beer, 1940Trotz der guten Stellung Alexander Beers in der jüdischen Gemeinde, führte die Familie kein besonders jüdisches Leben. „Wir hatten keine Mezuzah, Schriftkapsel, am Türpfosten, und man roch schon mal das köstliche Aroma von Schinken und Wurst“, erinnert sich Beate Hammett. Dennoch war es ihrem Vater wichtig, sich zum Shabbat in der Synagoge zu zeigen: „Besonders in dem prächtigen Bethaus in der Prinzregentenstrasse, die er als die Krönung seiner baulichen Errungenschaften betrachtete.“ Umso schrecklicher war es, als diese am 9. November 1938 in der Reichskristallnacht angezündet und komplett zerstört wurde. „Ich sah am nächsten Morgen die Rauchschwaden aus ihren Ruinen aufsteigen.“ Und noch demütigender war, dass ihr Vater gezwungen wurde, die Trümmer mit wegzuräumen.

Alexander und Alicia Beer, 1940 in Berlin, als Beate schon in England war

Beate Hammett, Erika Falkenreck vor der GedenktafelDieses einschneidende Ereignis bewog ihre inzwischen an Krebs erkrankte Mutter dazu, die kleine Beate außer Landes zu schicken. Sie nahm Kontakt zu der englischen, christlichen Pflegefamilie auf und stimmte sogar einer eventuellen Taufe zu, was Vater und Tochter schockierte. „Dazu kam es aber nie.“

„Wie die meisten Kindertransportkinder erwartete ich eine aufregende Abenteuerfahrt und dachte, Weihnachten wäre ich wieder zuhause.“ Ihre Mutter brachte sie zum Bahnhof Friedrichstrasse. „Ich verstand nie, warum mein Vater nicht da war. Ich hatte Schwierigkeiten, in den Waggon zu steigen, weil ich zu klein war für die hohen Stufen.“ Ihre Mutter half ihr, obwohl dies strengstens untersagt war, und da erblickte sie auch ihren Vater in der Menge. Tränen standen in den Augen der Mutter. Es war das letzte Mal, dass sie ihre Eltern sah.

Beate Hammett mit Erika Falkenreck

Hammetts neues Leben in England bescherte ihr einen Kulturschock und drei Brüder. „Meine Ziehmutter war sehr streng, ich hatte Angst vor ihr“, erzählt sie. „Heute bewundere ich sie sehr. Kaum jemand versteht mehr, welche Risiken sie auf sich nahmen, ein jüdisches Mädchen aufzunehmen.“ Der Briefkontakt zu ihren Eltern brach langsam ab. „Wir wuchsen auf schmerzhafte Weise auseinander. Ich wurde immer britischer.“ Kurz nach dem Krieg erfuhr sie vom Tod der Eltern. Ihre Mutter war 1941 an Krebs gestorben. Mit 18 wanderte der lebensfrohe Teenager nach Australien aus. Auch diesen Kulturschock bewältigte sie. 1962 heiratete sie, bekam zwei Kinder und schwärmt: "Ich würde nicht mal dran denken, woanders zu leben! Sydney ist mein Gottesacker.“

Die verspätete Ehre für ihren Vater war Beate Hammett so wichtig, dass sie kurz nach einer Operation diese lange Reise unternommen hat. Damit kann sie nun ein Kapitel aus ihrem Leben abschließen.

Gedenktafel Alexander Beer Einweihung der Gedenktafel Alexander BeerLinks: vor der Jüdischen Mädchenschule bei der Einweihung der Gedenktafel für Alexander BeerBeate Hammett, Erika Falkenreck 1997

Oben: 1997 kam Beate Hammett zum ersten Mal in ihre Geburtsstadt Berlin zurück - auf Einladung des Berliner Senats mit dem Besucherprogramm für entkommene jüdische Bürger. Hier mit der Gastgeberin Erika Falkenreck

Alle Photos:  iBerner | ©nurart

Der Artikel erschien auch in der Jüdischen Allgemeinen am 26. April 2012

 


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