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Habima Theater - Tel Aviv PDF Drucken

Das neue Habima in Tel Aviv

Habima Tel AvivNach fünf langen Jahren des Umbaus hat Israel sein Nationaltheater, das Habima, wieder. Seit Anfang 2012 treffen sich nicht nur Theaterbesucher am und im komplett neu gestalteten Haus der „weißen Stadt“ Tel Aviv.

von Irmgard Berner

Weiß strahlend und schnörkellos dominiert das Habima den Kultur-Platz im Herzen von Tel Aviv. Rundum erneuert und nun wiedereröffnet, erstreckt sich das prestigeträchtige Haus samtig glitzernd entlang der Westseite der Plaza. An seiner Schmalseite spiegelt sich das mediterrane Licht in der vorgewölbten Glasfront und wirft die Schatten der innen liegenden Säulen in die Lobby als ginge es in das Allerheiligste eines griechischen Tempels.

Der hohe Quaderbau rahmt zusammen mit dem Helena Rubinstein Pavillon und dem Mann-Auditorium den weiten, schattenlosen Platz. Die „weiße“ Stadt, wie das populäre Tel Aviv ihrer vielen Gebäude im Bauhaus-Stil wegen genannt wird, wird damit ihrem Ruf nun auch im 21. Jahrhundert gerecht.

Piazza Habima-TheatreSeit der Wiedereröffnung Anfang 2012 nehmen die Tel Aviver den Platz am Theater gerne in Beschlag, flanieren und verweilen. Eine halbe Dekade mussten sie sich wegen des Umbaus mit einer Großbaustelle abfinden und auf einen Theaterbesuch an diesem Ort verzichten. Die Technik war unzureichend und marode geworden, das Haus bis 2006 jahrzehntelang als grauer, halbrunder Betonspielkasten am Rande der als Parkplatz genutzten Fläche ein ästhetischer Schandfleck. Dabei war es einst als Gebäude-Ensemble zwischen Dizengoff Straße, Marmarek und Tarsat Straße dem Lincoln Center in New York City nachempfunden worden.

Die junge Stadt, ihr Theater und die Kritik

Erreicht man heute den Platz, stellt sich schnell ein Gefühl mediterraner Gelassenheit ein. Der blaue Himmel, die cremeweißen Sandsteinplatten der Piazza, das Café am „Gan Yaakov“, dem Jakobsgarten in der Ecke zur Passage, das flache Wasserbecken blenden die hektische Stadt plötzlich aus und die Besucherin kann sich sogar über wohltuend ruhige Momente freuen. Man gewinnt sofort den Eindruck, dass vor allem die jungen Tel Aviver, Eltern mit kleinen Kindern, die Skater und Flaneure den Platz mit Café und dem in den Boden eingelassenen Treppenbeet für sich eingenommen haben. Der Glasvorbau des Foyers an der Stirnseite nach Süden zum feinen Rothschild Boulevard hin spiegelt zusätzlich seine Offenheit zum öffentlichen Raum und somit zum Publikum wieder. Tagsüber reflektieren vorbeiziehende Wolken, blauer Himmel und Passanten in der Fensterfläche,  abends und nachts ergießt sich von innen das indirekte Licht aus der hohen Säulenhalle auf den Vorplatz.

Beheimatet an der lärmumtosten Kreuzung wirkt der neue Look klinisch sauber und sitzt in seiner Umgebung fast wie ein fremd-ästhetischer Würfel mit Zuckerguss. Deshalb musste es sich viele, auch böse Vergleiche gefallen lassen: Metrostation mit Moskauer Ausmaßen, Halle für Hochzeiten oder kitschige Bonbonniere sind nur einige davon.

An der glatten Fassade zum Platz hin schimmern nur die silbrigen Buchstaben הבימה - „ha Bima“ heißt auf Hebräisch „Die Bühne“ - ein schmales horizontales Fenster, das den Blick auf eine Treppe freigibt und der flache, verglaste Eingang vom Platz aus sind hier die einzigen, minimalistischen Öffnungen. Keine grellen Plakate und Spielplanlisten tapezieren den Glaseingang, keine Werbung verschandelt, wie sonst in der Stadt üblich, das Gebäude auf dieser Seite.

Das neue Haus und sein Architekt

„Das ist Absicht“, sagt Ram Karmi. Der renommierte israelische Architekt war mit dem Umbau beauftragt. „Die Plakate hängen auf der anderen, der Straßenseite. Weil die Israelis überallhin mit dem Auto fahren, sollen sie beim Vorbeifahren sehen, was gespielt wird - oder wenn sie dort im Stau stehen“, lacht der 83-Jährige bissig-schelmisch. Er hat aus dem alten Habima, dem abgewetzten Sechzigerjahrebau, diesen kristallinen Blickfang gemacht, der mit Begeisterung aber eben auch mit Kritik aufgenommen wurde, ja sogar als Kitsch oder einfach als zu überdimensioniert bezeichnet wird.

Habima Lobby, foto: David BaumingerDas lässt den Architekten ziemlich kalt. Zumindest macht er im Gespräch in seinem Büro in Herzliya diesen Eindruck. Der alte Herr ist wohl auch schon zu abgeklärt, um sich über die harsche Kritik der Kommentatoren zu echauffieren. Ram Karmi ist einer der bekanntesten Architekten Israels, zu seinen Bauten zählen so staatstragende Gebäude wie der Supreme Court, der Oberste Gerichtshof in Jerusalem, den er als sein gelungenstes Bauwerk bezeichnet und der von Israelis und Touristen gleichermaßen gerne der Architektur wegen besucht wird.

Ideen verwirklichen und Kosten drosseln

Die Ablehnung sei wohl eher der politischen Vergabepraxis geschuldet, weniger den hohen Kosten, die laut Karmi nicht aufgrund teurer Bau- und Ausstattungsmaterialien entstanden sind. Denn er habe den Bau ja lediglich „erweitert“. Viele seiner visionäreren Ideen konnte er ohnehin nicht verwirklichen: Von einer Freitreppe außen, einer Spiralrampe an der Ecke bis hin zu einer Brücke, einer Straßenüberbauung vom Rothschild Boulevard über die vierspurige Querstrasse direkt zum Theater hin waren ihm repräsentative Akzente vorgeschwebt, die ihm aber nach und nach von den Behörden wie Flügel gestutzt wurden.

Ursprünglich mit 30 Millionen Schekel (NIS) viel zu knapp budgetiert, circa 6 Millionen Euro, stiegen die Kosten auf 105 Millionen NIS, etwa 20 Millionen Euro. Davon übernahm die Stadt Tel Aviv zwei Drittel, der Rest kam vom Staat. Bürgermeister Ron Huldai hatte laut Karmi während des Renovierungsprozesses das Budget erhöht. Zwar war es immer noch knapp, darüber hinaus musste er aber vor allem mit den engen baulichen Gegebenheiten zurechtkommen, denn den Gebäudegrundriss durfte er nicht erweitern. Am liebsten hätte er die Straße umgeleitet, da nur dann eine wirkliche Piazza im Stile der italienischen Renaissance hätte entstehen können. „Israelis können keine Piazza bauen“, bedauert er, und schnell kommt neben den in Israel immer latent präsenten politischen Verstrickungen, die Ignoranz der Führungsparteien zur Sprache. Aber mit dem Ergebnis des Platzes zeigt Karmi sich nun doch sehr zufrieden. Denn dessen gelungene Gestaltung hat der israelische und international bedeutende Künstler Dani Karavan übernommen. In Berlin hat Karavan etwa die ortsspezifische Glasscheibeninstallation „Grundgesetz 49“ am Deutschen Reichstag geschaffen.

Der Bau verkörpert das Drama

Habima Lobby EntranceRam Karmis architektonisches  Gesamtraumkonzept für das Habima war das „Drama“. Innen sollte es nach dem Vorbild der Grande Opera in Paris die Menschen in einer großzügig ausladenden Halle empfangen, für außen schwebte ihm ein Vorplatz wie beim Pariser Centre Pompidou vor - für das Drama im Freien also, für Performances, Straßenartisten und künstlerische Aktionen.

Der dramatische Sog in das Innere fällt dann zwar etwas bescheidener aus, aber er zieht - und ist ästhetisch gelungen: Die rund laufenden, weißen Wände im Eingangsbereich schwingen sich Richtung lichtdurchfluteter Lobby und öffnen sich schließlich in der hohen verglasten Halle mit seinen über drei Stockwerke ragenden Säulen. Ein ausgeklügeltes Lichtsystem mit indirekter Beleuchtung in den sich wie Pilze öffnenden Säulenkapitellen verteilt besonders abends ein elegantes Flair.

Den halbrunden, apsisförmigen Vorbau hat Ram Karmi von dem ursprünglichen Gebäude übernommen, ebenso die an einen griechischen Tempel angelehnte Säulenreihe, die er einfach verglaste. „Die Akropolis war in den 1920ern das Vorbild für den ersten Theaterbau“, erläutert er. Durch die Verglasung und das über die gesamte Höhe reichende Fenster gelang es ihm, ein Gefühl von Großzügigkeit herzustellen, das dem Gebäude zuvor fehlte.

Tradition und Gegenwart – das „alte“ Habima

Habima 1946, Entwurf Oskar KaufmannAn der Säulenfront manifestiert sich die traditionsreiche und bewegte Geschichte des Habima. Gegründet wurde es von dem Theatermann Nahum Zemach 1905 in Moskau kurz nach der Russischen Revolution als „erstes hebräisches Theater“ und ging durch mehrere Inkarnationen. 1926 verließ die Truppe die Sowjetunion und tourte umher, bevor sie 1931 nach Palästina kam und schließlich in Tel Aviv sesshaft wurde. 1958, also zehn Jahre nach der Staatsgründung Israels, erhielt es den Status des Nationaltheaters. Der deutsche Architekt und Emigrant Oskar Kaufmann entwarf das allererste Gebäude.

Kaufmann hatte in Berlin bereits die Volksbühne, die Krolloper und das Renaissancetheater gebaut, seine Auftragslage als jüdischer Architekt hatte sich nach der Machtergreifung der Nazis aber so sehr verschlechtert, dass er 1933 nach Palästina ins Exil ging, nach Tel Aviv, weil das Habima-Ensemble dort 1935 ein Theater bauen wollte. Ursprünglich war das Projekt an den Berliner Architekten Erich Mendelsohn (Schaubühne Berlin) vergeben worden, der aber zu wenig Interesse an dem Auftrag bekundete. Daher wandte sich das Ensemble an Kaufmann, der eine moderne Interpretation eines griechischen Tempels entwarf. Am Haupteingang zum Rothschild Boulevard führte eine breite Treppe zum halbrunden Vestibül mit sechs Säulen, die sich in Folge in das kollektive Gedächtnis als Symbol für das Theater eingruben. Hinter dem Vestibül erstreckte sich ein Rechteckbau, der den Theatersaal, Proberäume, Garderoben und Büros beinhaltete. Die große Bühne, der Rovina-Saal, war fast rund und ihr Turm ragte über das restliche Gebäude hinaus. Habima 1962, umgebaut von Dov Karmi1962 kam ein weiterer Saal, das Meskin, hinzu und zwei kleine unterirdische. In den späten 1950er Jahren bauten Dov Karmi, Ram Karmis Vater, und Zvi Meltzer einen Balkon zwischen die monumentalen Säulen und verlagerten den Eingang auf ein erhobenes Plateau. „Man musste bei Einlass am Rande des Parkplatzes warten, das war sehr unangenehm“, erzählt Ram Karmi.

Kein Dachgarten aber glückliche Werkstätten

Das Foyer hat Karmi nun zum beliebten Ort des Verweilens umgestaltet. Auch auf der ausladenden, frei schwebenden Holztreppe in das wie eine Galerie offene Obergeschoss halten sich die Besucher gerne auf, wie man an den Jugendlichen und Soldatengrüppchen sieht, die sich darauf niederlassen. Die Lobby in ihrem strahlenden Weiß und dem hellen Marmorboden bildet einen starken Kontrast zu den dunklen, intimen Theatersälen. Alle Säle sind nach dem Umbau von hier aus zu erreichen, nicht mehr nur von außen - das ist die große Neuerung.

„Wir mussten in die Höhe erweitern, weil es in die Horizontale weder zum Platz noch zu den Straßen hin möglich war“, erläutert Ram Karmi. Nur durch ausgeklügelte Raum-Verschachtelung konnte er alle Bereiche unterbringen. Eigentlich wollte er „auf dem alten Dach einen kleinen Garten anlegen, für die Schauspieler, Mitarbeiter und Besucher. Aber es war ein müdes Dach“, seufzt er und plötzlich sieht man, dass er selber so alt ist wie die Grundfesten des Theaters. „Darauf konnte man nichts bauen - aber drum herum, das ging“, schmunzelt er. Die Dachgartenidee verwarf er also, stattdessen wanderten Garderoben, Schneiderei und kleine Werkstätten zur Freude der Mitarbeiter nach oben. Für das hoch gelegene Meskin hätte er sich zudem eine außen liegende, lange Rampe als Aufstieg gewünscht, zum Platz hin, für Defilées der Besucher in ihren Roben, als „imaginären roten Teppich“. Er hatte lang an der Rampen-Idee getüftelt, seine Auftraggeber konnte er aber leider nicht davon überzeugen.

Vier Bühnen, die Säle und der neue Platz

Der Baukörper ist also nicht breiter geworden, dafür höher, wurde um 500 Quadratmeter Fläche und drei Proberäume erweitert. Er beherbergt die vier Säle unterschiedlicher Größe mit komplett neuen Sound- und Lichtsystemen. Der größte Saal ist immer noch das „Rovina“ mit einer breiten, vorne leicht gerundeten Bühne, ohne Orchestergraben. Bei Musical-Aufführungen spielt das Orchester im Nebenraum. Der halbrunde Zuschauerraum ist in Blau gehalten und umfasst 930 Plätze. Eine Lichtscheibe an der Decke verleiht dem Saal eine sphärische Atmosphäre. Als Vorbild für diese große „Sonne“ diente Karmi Olafur Eliassons gigantische Lichtinstallation „The Weather Project“, eine Sonnenscheibe, die dieser 2003 in die Turbinenhalle der Tate Modern in London gebaut hatte.

Benannt ist der Saal nach Hanna Rovina, der legendären „First Lady des hebräischen Theaters“. Sie war 1920 der gefeierte Star als Leal’le in „Der Dybbuk“. Das kleinere Meskin erreicht man über eine lange Treppe, die innen entlang der Piazza-Fassade führt. Auf halber Höhe befindet sich das große Fenster mit Blick auf den Platz. Das „Meskin“, nach dem Schauspieler Aharon Meskin benannt, ist lavendelfarben, ein langer schachtelförmiger Raum mit steiler Tribüne und ohne Balkone für 320 Zuschauer. Die Maße sind gleichgeblieben aber technisch wurde er komplett überholt, Licht- und Tonanlage sind auf den neuesten Stand gebracht.

Unter der Rovina-Bühne befinden sich die zwei kleinen Theaterräume, die früher als Proberäume dienten: Das „Bertonov“ mit 220 Sitzen ist in grün gehalten, die Studiobühne Habima 4 ist ganz in hellem Holz ausgekleidet, hat 170 Sitzplätze, kleine Tischen und an einer Seite eine Bar. Hier wird auch Kabarett gespielt. Das neue Gebäude ist zudem behindertengerecht mit Rampen versehen.

80 Schauspieler umfasst das Ensemble, weitere 120 Mitarbeiter arbeiten hier. Finanziell ist das Haus eigentlich pleite, aber Ja’akow Agmon, seit 2003 Generalintendant, soll laut Stadtverwaltung die Kosten in den Griff kriegen. Im Laufe des Jahres veranstaltet diese gemeinsam mit dem Theater verschiedene Festivals. Und obwohl das Habima Theater auch gerne als Wiege der hebräischen Sprache angesehen wird, sind viele Stücke, die im Haus gespielt werden, mit englischen Untertiteln versehen.

Der hässliche Parkplatz ist also auch verschwunden. Eine fünfstöckige Tiefgarage unter dem Platz verlagerte ihn unter die Erde. Rolltreppen vor dem Eingang unter einem dezenten Glasdach führen in die Tiefe. Das Café an der Ecke ergänzt die lebenswerte Atmosphäre und die Umgebung wurde mit Blumenbeeten verhübscht. Dani Karavans Gestaltung der Piazza mit der viereckigen Vertiefung aus Stufen zu der tiefer liegenden Beete- und Sandfläche in seiner Mitte wirkt als Magnet für Kinder wie Erwachsene und einfach zum Abhängen. Abends, wenn die Lichter angehen, sich das Haus in dem Wasserbecken spiegelt und noch die Straßenmusiker aufspielen, erfüllt das Habima sein neues Image, zumindest atmosphärisch, am schönsten.

Dieser Artikel erscheint in der BTR Bühnentechnischen Rundschau, Heft 4/12

 


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