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Gehörlose - Hörende Kultur PDF Drucken

Ganzkörpersensor

„Gebärde Zeichen Kunst“, ein Ausstellungsprojekt im Kunstraum Kreuzberg Bethanien bringt zum ersten Mal Gehörlose Kultur und Hörende Kultur zusammen

Ming Wong, „The Love I Man“, Videoinstallation, 2012November 2012. Der Körper hört, und er spricht. Wenn nötig in eigenen Sprachgefügen. Für niemanden trifft das so sehr zu wie für Gehörlose. Gebärdensprache, Gesten- und Lautsprache, Lippenlesen, Fingerzeichen. „Ich bin seit meiner Geburt gehörlos“, sagt, nein schreibt, die Künstlerin Christine Sun Kim mit schnellem Zeigefinger auf ihren iPad-Bildschirm. „Technisch habe ich kein Konzept, wie Sie Klang empfinden“, kritzelt sie in Windeseile weiter, und strahlt in charmantestem Lächeln, „aber ich habe eine gute Idee davon.“

von Irmgard Berner

Die junge koreanisch-amerikanische Künstlerin ist so etwas wie der Inbegriff eines multimedial-indisziplinär, pausen- und atemlos hart arbeitenden Ausdruckskörpers, der die Mittel der Gebärdensprache, des wandelbaren Gesichtsausdruckes, aber auch der technischen Sprache von Akustik- und Elektronikgeräten leichthändig zu beherrschen weiß. Und in Kunst umsetzt, in Zeichnungen, Installationen – mit Klang! – und in Performances. Sun Kim zu beobachten ist ein Spektakel.

Christine Sun KimZu sehen sind ihre Arbeiten nun zusammen mit Videoinstallationen, Skulpturen, Schriftstücken weiterer Gehörloser aber auch Hörender Künstler im Kunstraum Kreuzberg/Bethanien. Gebärde Zeichen Kunst“ nennen die Kuratoren An Paenhuysen und Wolfgang Müller, der sich als Künstler seit vielen Jahren mit Gehörlosenkunst befasst,  das Ausstellungsprojekt. In einem spannenden, experimentellen Ansatz stellen sie zum ersten Mal Gehörlose der Hörenden Kultur nicht nur gegenüber, sondern durchmessen in überraschenden Momenten ihre Verflechtungen. Sinnigerweise dient ihnen das Möbiusband als Modell, da diese Schleifenform die Wahrnehmung irritiert, Hierarchien auflöst.

Vor allem um das Ausreizen und –testen von Grenzen geht es hier, angefangen beim Körper, über die Sprache bis hin zu ihren Abstraktionen. So hat der junge chinesische Künstler Ming Wong als Performer eigens für seine Videoarbeit „The Love I Man“ Gebärdensprache erlernt, um sie dann aber rückwärts zu „sprechen“. Gelungene Irritation sowohl für Hörende als auch für Gehörlose.

Gunter Trube, Gebärdensprachenperformer, 1994Für Wolfgang Müller ist die Ausstellung aber auch so etwas wie eine Hommage an seinen Künstlerfreund und Gebärdensprachperformer, das gehörlose Multitalent Gunter Trube (1960-2008), der im Westberlin der 80er Jahre sehr offensiv dafür gekämpft hat, dass die hörende Mehrheit Gebärdensprachkultur kennenlernt. Seit 1980 war er Teil von Müllers Projekt „Die Tödliche Doris“. Zu sehen ist hier auch Trubes Aids-Broschüre, die er - queer und kämpferisch wie er war - in Gebärdensprache mit eigener Grammatik und Übersetzungsleistung in Schriftsprache aus gehörloser Perspektive entwickelt hat. Der Amerikaner Josef Grigley wiederum wurde bekannt durch seine Zettelsammlungen, Notizen auf bunten Blättern, die ihm Hörende zusteckten, um sich verständlich zu machen. Er hat sie nach Farben sortiert und lebendige lustige Künstlerbücher daraus gemacht. „Wenn der Körper nichts zu sagen hat, soll er aufhören zu quasseln“, sagte einst spitz die deutsche Tänzerin und Kabarettistin Valeska Gert (1892-1978). Ihr stark geschminktes Konterfei flimmert schwarzweiß als „Tod“ von 1969 auf einem kleinen Bildschirm - sie, die  einst bei Werner Herzog das Faktotum spielte.

Christine Sun KimBei all den Reizen möchte man sagen: Da wo die Sprache versagt, beginnt das Bild. Und möchte einfach weiter die sagenhafte Christine Sun Kim beobachten, zumindest auf dem verbleibenden Video inmitten ihrer raumgreifenden Draht-, Papier-, Lautsprecher-, Verstärkerinstallation. Denn sie selbst ist längst weg, irgendwo da draußen unterwegs, um ihre Idee von Klang weiter auszuforschen – so ganzkörpersensorisch.

Kunstraum Kreuzberg/Bethanien, Mariannenplatz 2, täglich 12-19 Uhr. Bis 13. Januar 2013

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