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Barbara Hammer - KOW Galerie PDF Drucken

Das ganze Leben in der Totalen

Krankheit, Therapie, Vermarktung: Den Frauen mit Würde eine Stimme geben will die feministische Experimentalfilmerin Barbara Hammer. Die Galerie KOW zeigt mit „Dignity“, wie sie das seit über 50 Jahren eindrucksvoll macht.

Barbara Hammer, Sanctus. 2012. Filmstill | c-iberner

Wie ein archäologischer Fund liegt im lichten aber fensterlosen Erdgeschoss der Galerie KOW ein mit Zeitungszeilen bedrucktes Knochenensemble auf einem Podest aufgereiht. Doch wie seltsam: Texte aus der NewYork Times wurden auf diese Gebeine gedruckt, auf Wirbel, Schenkel- und Schädelknochen. In den gut lesbaren Artikeln geht es um die Zunahme von Krebsfällen, um Therapien, ihre Folgen und die Vermarktung. Diese Installation konkreter Objekte wirkt wie ein Hebel– er bringt einen hinein in die eigentliche künstlerische Welt von BarbaraHammer: die des Films. Von Irmgard Berner

Barbara Hammer, "A Horse Is Not a Metaphor", filmstill, c-iberner

Barbara Hammer, Sanctus. 2012. Auch im Geisterreich braucht eine Frau Spiegel und Lippenstift. In einem wahren Danse Macabre weiblicher Skelette wird in Barbara Hammers Filmen das Leben wie ein weihevoller Totentanz vorgeführt. Filmstill/KOW Galerie.

In Röntgenaufnahmen flimmern Skelette über Bildschirme, mit der Handkamera filmt sie hautnah ihren Haarausfall und geschwollenen Bauch während der eigenen Krebsbehandlung. In filmischen Großformaten wiederumsieht man, überdimensioniert und faszinierend makaber, die leicht schwankenden schlanken Halswirbelsäulen zweier Frauen, an denen entlang die Kehlköpfe in Schluckbewegungen auf und abrutschen. Immer wieder von Neuem werden die Bilder überblendet von zwei pulsierenden Herzen, die sich in den transluziden Rippenkörben blähen. „Sanctus“ heißt das monumental sakraleWerk.

Die amerikanische Experimentalfilmerin, Bildkünstlerin und feministische Aktivistin Barbara Hammer spielt auf der ganzen Klaviatur – sie bezieht sich auf die medizinische Schichtendurchleuchtung des weiblichen Körpers, als sie selbst schwer erkrankt, ihres eigenen geschwächten Organismus. 1939 in Hollywood geboren, schließt sie sich als junge Frau Ende der 60er Jahre inSan Francisco einer Gruppe von Feministinnen an und hört zum ersten Mal eine Frau sagen: Ich bin mit einer Frau zusammen. Erstaunt stellt sie fest, dass das etwas mit ihr zu tun hat. Im damals erzkonservativen Amerika gibt es lesbische Frauen praktisch nicht. Hammer aber macht genau dieses gesellschaftliche Tabu zu ihrem Thema als Filmemacherin: nah dran an den Frauen, in der Totale.

Barbara Hammer, NYTimes auf Knochen, "Report: Lesbian cancer risk is steep". 2010. c-ibernerMit ihrem bis heute 80 Filme umspannenden Lebenswerk wurde sie zu einem Meilenstein der feministischen und Queer-Kinogeschichte. Mitte der 80er Jahre zieht sie nach New York, macht Filme, explizit auch über Masturbation und Menstruation. „Sie ist eine kämpferische Person“, beschreibt Galerist Alexander Koch die Künstlerin, „eher ein Löwe, der sich gegen diesen alles beherrschenden heterosexuellen Hollywoodbetrieb richtet – und es artikuliert: Wir müssen uns Frauen eine Stimme geben.“ Mit dieser Ausstellung, von der Galerie mit der Künstlerin gestaltet und mit „Dignity“(Würde) betitelt, wirdHammer aus der Kinowelt hinein in die Kunstwelt geholt. Ihre Filme liefen bisher auf Festivals oder im Filmprogramm der Tate Modern in London. 2012 erhielt sie den Teddy-Preis der Berlinale.

Barbara Hammer, NYTimes auf Schädelknochen. 2012. c-ibernerIm nackten hohen Betonambiente der KOW-Räume im Brandlhuber-Bau aber kann Hammers Filmwerk nun seine subtile Wucht neu entfalten, mit eben jener überwältigenden Arbeit „Sanctus“ im Zentrum: Kathedralenhaft  pulsieren Röntgenbilder in Großprojektionen über die aus dem Kellergeschoss über zwei Etagen hochstrebende, leicht gold schimmerndeWand. In einem wahren Danse Macabre weiblicher Skelette wird das Leben wie ein Totentanz vorgeführt, weihevoll sakral. In diesem Werk von 1990 verwendet Barbara Hammer Röntgenfilmaufnahmen eines Dr. Watson, der, in den 50er-Jahren mit Film experimentierend, Körper in Bewegungen meist von Frauen bis in ihre Tiefen visuell und medizintechnisch durchleuchtete. Watsons Archivmaterial kopierte Hammer um, beschnitt und bemalte, überblendete und verätzte es. Als sinnliche Parallelebene unterlegte sie das kinetische Spektakel mit der computergeneriertenMesse „Sanctus“, die sie eigens bei dem Komponisten Neil B. Rolnick in Auftrag gab. Mal zeigt sie die Szenerien als bedrohlich, mal überhöht sie, indem sie ihnen Sinnlichkeit, ja Erotik einhaucht. Sie animiert, beseelt im besten Wortsinn. Denn ihr geht es um nicht weniger als um Heiligsprechung. Ein Werk, das unter die Haut geht.

Galerie KOW, Brunnenstraße 9 ( Berlin Mitte).

Mi–So 12–18 Uhr. Bis 14. April.


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