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Painting Forever! DB KunstHalle PDF Drucken

Jeanne Mammen war die Nachwelt „piepe“

Die KunstHalle der Deutschen Bank setzt kräftige weibliche Akzente in ihrer Schau zum „Painting Forever!“-Motto der BerlinArtWeek mit "To Paint is to Love Again"

Antje Majewski: „Muschel“. Foto: Privatsammlung Carola Kubicki/ VG Bild-Kunst, Bonn 2013

Berlin, 20. September 2013. Fast könnte man sie übersehen, die „Zitronenfrau“ auf dem Bild am Einlass. Tief in sich ruhend sitzt sie, rund und weiß, umhüllt vom hellgrauen Schatten und blickt einen gesichtslos an. In ihrer weich gebogenen Hand im Schoß liegt eine Schale mit drei Zitronen, leuchtend gelbe Früchte. Gemalt hat dieses Bild Jeanne Mammen, in Temperafarben auf Karton. Undatiert ließ sie es, vermutlich entstand es so 1939/40. Und es blieb unsigniert, wie die meisten ihrer Werke – bis auf ihr letztes. Die Berliner Künstlerin verweigerte die Aufbereitung ihrer Bilder für die Nachwelt: „Ist mir höchst piepe!“ sagte sie in einem Interview 1975, ein Jahr vor ihrem Tod, lakonisch, vielleicht auch resigniert. 57 Jahre lang lebte Mammen in ihrer Atelierwohnung am Kurfürstendamm.

von Irmgard Berner

In der heutigen jungen Kunstszene Berlins ist ihr Werk kaum Thema, auch nicht das der Zwanzigerjahre, mit all den sozialkritischen Motiven zum wilden Berliner Nachtleben im Stil der Neuen Sachlichkeit. Nun hat Kuratorin Eva Scharrer Mammens Werk ans Licht geholt, für den Beitrag der DB-KunstHalle zur Art Week-Kooperation „Painting Forever!“. Als sie zum ersten Mal das Atelier besuchte, in dem heute noch Vieles an seinem Platze steht –gut behütet durch die Jeanne-Mammen-Stiftung – und diesen Bilderschatz entdeckte, beschloss Scharrer, diese Arbeiten mit denen heutiger Malerinnen zu konfrontieren. Ihre Wahl fiel auf die Österreicherin Katrin Plavčak, 43, die Italienerin Giovanna Sarti, 46, und Antje Majewski aus Marl, 45. Das sei aber nicht als „genderspezifisches Statement“ zu verstehen, versichert die Kuratorin, auch wenn feministische Haltungen willkommen seien. In dieser Schau gehe es zuerst um mögliche Bezüge zu Mammens Spätwerk.

Jeanne Mammens „ Totem und Tabu“, Malerei/Collage, ca. 1969-1972.Jede der Malerinnen bekam einen eigenen Bereich in der luftig gegliederten Kunsthalle. Zwischen den Bildern von Plavčak, Sarti und Majewski hängt – als Referenz – ein Werk Jeanne Mammens. Wahlverwandtes lässt sich entdecken, ganz subtil nur, lediglich in oft winzigen Details. Katrin Plavčaks ironisch surrealer Hang zur Bildstörung manifestiert sich in Figuren wie dem „Female Ghost“, einem geisterhaften Mädchenwesen im weißen Minirock und mit Tüte über dem Kopf, das auf den Betrachter zuschreitet. Das Schmunzeln, das Plavčaks Bilder hervorrufen, bleibt einem freilich im Halse stecken angesichts des Porträts jenes inzwischen hart verurteilten US-Soldaten, des „Whistleblowers“ Bradley Manning. Die Malerin hat dem Mann die linke Gesichtshälfte weggelassen, das Ohr an die Seite geklebt und ihm nur die halbe Brille gelassen. So starrt er einäugig aus dem Bild – unheimlich und bemitleidenswert.

Erst auf den zweiten Blick und durch das Nachlesen in der ausliegenden Broschüre erschließt sich der genaue Hintergrund von Antje Majewskis bernsteinfarbenen Spiel zeughunden, die sie in ihrer „Miniaturen“-Serie gemalt hat, so, als wären die Welpen grob aus hellem Holz geschnitzt. Ihre Köpfe sind gesichtslos. Als Vorlage dienten der Malerin aus Zahnbürsten geschnitzte Figuren, die Häftlinge des NS-Konzentrationslagers Ravensbrück einst fertigten, und die in der Gedenkstätte fest unter Verschluss liegen. Majewski holte sie auf ihre Weise in die Öffentlichkeit.

Die Mal-Serie gehört zur großen erzählerischen Werkgruppe „Museum in der Garage“, für die Majewski Kategorien wie „Originale“, „Doubles“ oder „Zwillinge“ erfunden hat, je nach Bezugnahme klassifiziert sie die Motive, gemalt in Öl und Eitempera auf Holz oder Leinwand. Die „Zwillinge“ beziehen sich auf Dinge, entdeckt in Jeanne Mammens Atelier. „Kugel“ oder „Stein“ etwa malte Majewski auf kleine Tafeln und baute sie zu Objektskulpturen, akribisch nummeriert, lesbar als Bezüge zu Mammen – und zur deutschen Geschichte. Zudem erfährt man auch noch von einer weiteren Inspirationsquelle: Es sind Texte des polnischen Schriftstellers Sebastian Cichocki.

Jeanne Mammen, Photogene Monarchen, undat. (around 1967), © VG Bild-Kunst, Bonn 2013. Photo Mathias SchormannKaum gelöst von Majewskis wundersam imaginärem „Museum“, packen einen Giovanna Sartis Arbeiten. Sie betont den Materialbezug, den Prozess des Malens an sich. Ihre abstrakten Muster, die sie in Farbmisch-Experimenten spontan auf die Leinwand schüttet, dann wiederum schabt oder verwischt, formen sich zu flirrenden Landschaften. Und manchmal auch zu Gesichtern. In den Bildern finden sich Glitterelemente, fast so, wie bei Jeanne Mammen, die in ihre Collagen Stanniolfolie, meist Pralinen- oder Bonbonpapier, einarbeitete.

Kuratorin Eva Scharrer hat eine Hängung gewählt, die das Auratische zulässt, und das ganz besonders im letzten Raum, in Jeanne Mammens Bilderreich. Hier schließt sich der Kreis –und öffnet sich zugleich: Zarte Pastelltöne durchdringen sich über aufgerautem Bildgrund, rätselhafte Symbole schweben förmlich über die Fläche, suchen Balance. Vieles wirkt maskenhaft, die Bilder heißen „Totem und Tabu“, „Kontemplation“ oder „Schandfleck“. Mammens lyrische Abstraktionen zeigen Anklänge an Picasso, wie das weißgesichtige „Transparente Profil“ von1945/46. Das brüchige Weiß ihres letzten Bildes „Verheißung eines Winters“, datiert auf den 6. Oktober 1975, ein Jahr vor ihrem Tod, nimmt das eingangs beschriebene Leuchten der Zitronen auf – und endet in Melancholie. Großartige Kunst, die dem Art-Week-Motto gerecht wird: „Painting Forever!“.


KunstHalle der Deutschen Bank: „To Paint Is To Love Again“, Unter den Linden, 13-15. Bis 10. 11., Mo-So 10-20 Uhr.

Dieser Artikel erschien in der Berliner Zeitung am 19. September 2013

 


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