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İskele heißt Abfahrt, aber auch Ankunft

Die türkische Kunst ist außerhalb der Türkei angekommen, sagt René Block, Kurator und Initiator des Kunstraums Tanas. Nach fünf Jahren schließt er seine Pforten.

Pingpong, Adel Abidin, Videostill. c-irmgardberner

Kann man die Welt in 90 Tagen retten? Und wo liegt eigentlich Diyarbakir? Mit solch ungewöhnlichen Fragen fand man sich im Projektraum Tanas konfrontiert. Sie wurden meist aus dem gegenwärtigen, türkischen Kunstumfeld heraus gestellt, und auch beantwortet - fünf Jahre lang - mit den Mitteln und Stimmen der Künstler, in Ausstellungen und im Austausch mit der aufstrebenden Kunstszene aus Istanbul, vom Bosporus hin über das anatolische Bergland und die Küsten Kleinasiens bis ins türkisch-kurdische Ostgrenzgebiet zu Iran, Irak und Syrien.

von Irmgard Berner

Denn die „fortlaufenden Entwicklungen der zeitgenössischen türkischen Kunst“ sind bei Tanas Programm. Gewesen. Denn nun schließt sein Leiter und Kurator René Block den Projektraum mit der großen Doppelausstellung „The Unanswered Question. İskele 2“. Das ist ein Verlust, nicht nur für Berlin. Zuvor unbekannte Orte, ihre Menschen, Lebenswelten, die uns hier konzentriert und wie durch ein Brennglas näher gebracht wurden, rücken wohl wieder in die Ferne. Block aber begründet die Schließung mit: „Die türkische Kunst ist außerhalb der Türkei angekommen“. 2007 hatte er diese Plattform als Brückenschlag für Kunst aus der Türkei und der Diaspora initiiert. Zudem sei Tanas – das Wort ist das gespiegelte „sanat“ und heißt Kunst auf türkisch - von vornherein temporär geplant gewesen. Fünf Jahre scheinen plötzlich sehr kurz. Und wie der Titel schon sagt, bleibt doch immer die letzte Frage offen.

Playing the Birds, Annika Kahrs. VideoinstallationDie Ausstellung aber ist ein letzter Gewinn. Als ein Fest für Augen und Ohren will Block „The Unanswered Question“ verstanden wissen, nimmt deshalb den Titel von dem gleichnamigen Orchesterstück des amerikanischen Komponisten Charles Ives von 1906. Am sinnfälligsten tritt das in der wunderbar poetischen Videoinstallation „Playing the Birds“ der deutschen Künstlerin Annika Kahrs in Augenschein. In einem lichtdurchfluteten Konzertsaal spielt ein Pianist, umgeben von Vogelkäfigen mit Wellensittichen, Zebrafinken und Kanarienvögeln Franz Liszts Klavierstück „Die Vogelpredigt des Franz von Assisi“. Die Vögel sind das Publikum und zugleich Mitspieler. Eine Kanonade aus Zwitschern hebt an mit den ersten Tastentönen, eine Symphonie aus Trällern, Piepsen, Zirpen, Tirilieren schallt durch den Raum, befeuert durch den Klang des Flügels und die Musik Liszts, die Vogelstimmen imitiert. Die gelben Finken und blauen Sittiche in Großaufnahmen wechseln in ästhetisch klaren Bildern mit dem virtuos spielenden Pianisten. Ihre Sprache transformiert, greift ineinander und wird wieder zurückgeführt, nicht zuletzt durch das Bild.

Eine ganz andere Art von Klang-Funken lässt Asta Gröting überspringen, einen, der weh tut: Aus einem winzigen kaum sichtbaren Loch in der Wand zündet und zischt im Zwei-Sekundentakt ein Elektrofunken schockartig in Augenhöhe. Weniger erschreckend aber umso magischer ist die entmaterialisierte Schattenzeichnung „Enough?“ der Finnin Maaria Wirkkala. Glas ist die Materie, aus dem sie Gegenstände und eine raumhohe durchsichtige Leiter baut, die ihren Schatten auf die Wand wirft und so erst sichtbar wird. Die Wahrnehmung auf Traditionen und die Umbrüche der Moderne schärfen Künstler wie Halil Altindere oder Fikret Atay mit ihren Videoarbeiten. Atays „Saints of the City“ greift dokumentarisch das Heranwachsen in seiner Heimatstadt Batman nahe der türkisch-irakischen Grenze auf.

Fairy Tale Device Crashed, Pravdoliub Ivanov, 2013. Installatio mit TeppichIn „İskele 2“ sind viele nicht-türkische Künstler vertreten. „İskele“ nimmt zudem Bezug auf die gleichnamige Ausstellung, die René Block 1994 in den ifa-Galerien Stuttgart, Berlin und Bonn als damaliger Leiter des ifa-Ausstellungsdienstes machte und dort die Freundschaft mit den türkischen Künstlerinnen Ayse Erkmen, Hale Tenger und Gülsün Karamustafa begründete, die auch nun wieder dabei sind. Das türkische Wort „İskele“ heißt Abfahrt, aber auch Ankunft, und steht in Istanbul über den Anlegestellen der Bosporus-Fähren. Mit Ankunft sei vor allem Berlin gemeint, denn in Kooperation mit Tanas teilt der Neue Berliner Kunstverein, nbk, diesen letzten transnationalen Kulturen-Dialog.

Um die Türkei als Bindeglied zwischen Westeuropa und dem Nahen Osten mit ihrer aktuellen Kunst für eine internationale Öffentlichkeit in der Mitte Europas zu verankern, dafür war Tanas als freier und unabhängiger Raum, ins Leben gerufen worden – in Partnerschaft der Edition Block Berlin mit der Koç Stiftung Istanbul, die ihn finanzierte. „Diese selbstgestellte Aufgabe scheint mir erfüllt“, sagt René Block.

Wo aber liegt nun Diyarbakir? Im fernen Südostanatolien. Die Brücke dorthin wurde 2010 durch Arbeiten von zehn kurdischen Künstlern geschlagen, die mit unverstelltem Blick kritisch, ironisch und in ergreifenden Bildern die Lebensumwelt ihrer kargen Heimat zeigten. Unvergessen bleibt das Bild aus dem Video „Mirage“ von Halil Altindere, wo in der weiten Steppe ein Bauer seinen Kopf in ein Erdloch steckt. Denn dieser Landstrich, das ausgetrocknete Tigristal, wird bald in einem riesigen Staudammprojekt geflutet und die Lebensgrundlage vieler Dörfer ertränken. Altinderes anarchistische Kritik am Staat und seinen Ideologien, seine Skepsis gegenüber „Orten der Macht“, man wird sie wieder sehen, dank Tanas. „Es ist nicht einfach, die Welt in 90 Tagen zu retten“, nannte Block diese Ausstellung. Versucht hat er es. Wo aber künftig ein Brennglas wie Tanas für Neues sein wird - diese Frage bleibt letzlich offen.

Red Carpet, TekinIn der Tat bleiben viele Fragen unbeantwortet, ganz zuvorderst die, wo und durch wen die Kunst aus dem Kulturraum zwischen Schwarzem Meer und Mittelmeer, diesem Binnenraum und Bindeglied zwischen Westeuropa und Nahem Osten künftig bieten wird. In den hellen weitläufigen Räumen der ehemaligen Fabriketage in der Heidestrasse befallen einen Zweifel, ob das Ende nicht doch zu früh ist und eine Fortsetzung nicht sehr  wünschenswert wäre. Ein Verlust, der sich angesichts der Erinnerung an all die aufschlussreichen Ausstellungen, die Großinstallation mit acht simultan laufenden, raumfüllenden Videoarbeiten Ali Kazmas wäre  Werke von Künstlern wie  Esra Ersen: "Eine Reise ist eine Reise ist eine Reise" -  Esra Ersens sozio-politische Videoarbeiten zeigen Gesellschaften und Individuen in spannungsgeladenen Alltagssituationen. Und natürlich die junge kurdische Kunst.

Heidestrasse 50, Wedding. Di-So 12-18 Uhr. Bis 3. November

 


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