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Die Gurlitts

Wolfgang Gurlitt, Kunsthändler in Berlin, portraitiert von Lovis Corinth, 1917. Lentos Kunstmuseum Linz

Die Familie Gurlitt war eine schillernde Dynastie von Kunsthändlern. Spätestens seit in der Schwabinger Wohnung von Cornelius Gurlitt 1200 Kunstwerke beschlagnahmt wurden, weiß man, dass die Spuren auch nach Österreich führen.

November 2013. Denn nicht nur Cornelius Gurlitt, der Haus und Wohnsitz in Salzburg hat, sondern auch sein Onkel Wolfgang, Cousin Hildebrands und Kunsthändler aus Berlin, war seit 1946 österreichischer Staatsbürger.

November 2013. Wolfgang Gurlitt legte schon in jungen Jahren Wert auf Eleganz, das zeigt das Portrait, das der Maler Lovis Corinth 1917 von ihm malte. Schwarzer Dreiteiler aus feinem Zwirn, korrekt geschnittene Haare, die Augen wach, ehrgeizig der Blick. In Händen hält der Kunsthändler ein großes Blatt, einen Kunstdruck vielleicht. Auf der hellen Fläche neben dem Gesicht hat Corinth dessen Namen vermerkt, das Gemälde signiert und mit August 1917 datiert. Gurlitt war da 29 Jahre alt, hatte seit zehn Jahren die Kunsthandlung und Galerie seines bereits 1893 verstorbenen Vaters Fritz Gurlitt in Berlin inne und war auf dem besten Wege, eine schillernde Figur in der Berliner Kunstszene der zwanziger Jahre zu werden. Er zeigte Matisse, Munch, Corinth, Gaugain, Kubin und Kokoschka. Um bald darauf eine fast ebenso umstrittene Rolle in der NS-Zeit bis in die Nachkriegszeit zu spielen.

Otto Dix; aus der Sammlung Gurlitt

Zeichnungen, Gouachen, Aquarelle aus Gurlitts Sammlung

von Irmgard Berner

Lovis Corinths Portrait von Wolfgang Gurlitt gehört zur Sammlung des Linzer Kunstmuseums „Lentos“. Es trägt die Inventarnummer 1 und führt die Liste derjenigen Kunstwerke an, die den Grundstein für die Nachkriegs-Museumsgründung in jener Stadt legte, wo Hitler das „Führermuseum“ geplant hatte und für das die Nazis im „Sonderauftrag“ mit gewaltigem Fleiß Kunstwerke raubten und beschlagnahmten. 1953 ist als Ankaufsdatum des Corinth-Portraits vermerkt. Als Leihgabe hatte Wolfgang Gurlitt es mit seiner Sammlung der Stadt Linz bereits 1946 übergeben, dem Jahr, in dem die „Neue Galerie“ gegründet wurde. Im Gegensatz zu dem Portrait aber war die Herkunft weiterer Werke aus dem Konvolut von undurchsichtiger Herkunft. Fünf Jahre später beschloss der Linzer Gemeinderat den Ankauf von 76 Gemälden und 33 Grafiken aus der Sammlung, Gurlitt steckte wohl wie so oft in finanziellen Schwierigkeiten. Die problematische Vergangenheit mancher Bilder war dem damaligen Magistratsdirektor bewusst. Aber dank Gurlitts guter Beziehungen zu den Linzer Stadtvätern wird sogar sein Name „Wolfgang Gurlitt“ im Museumstitel geführt und er selbst zum ehrenamtlichen Leiter bis 1956 gemacht. Wegen Zerwürfnissen ob Gurlitts Vermengung von Kunsthandel und Museumsleitung strich man seinen Namen 1960. Da hatte der wendige Händler aber längst in München wieder eine Galerie eröffnet. 1965 starb er. 2003 machte die „Neue Galerie“ mit dem Neubau am Ufer der Donau und der Umbenennung in „Lentos“ einen Neustart.

Geschäfte unter Vettern

Wolfgang Gurlitt war nicht wie sein Cousin Hildebrand einer der vier Chefeinkäufer für das Linzer Führermuseum, aber ähnlich verstrickt. Auch er vermittelte „entartete Kunst“ ins Ausland zur Versilberung für die Führerschatulle. Da beide von den Nazis als "Vierteljuden" kategorisiert waren - ihr Großvater, der Maler Louis Gurlitt war mit der Jüdin Else Lewald verheiratet - blieben ihnen nach 1945 genauere Befragungen erspart. Welche Geschäftsbeziehungen Hildebrand und Wolfgang Gurlitt miteinander verband, ist bisher nicht belegt, weil auch Wolfgang angegeben hatte, dass seine Geschäftsbücher in Berlin und dann in Würzburg verbrannt sind.

Nun könnten Bücher und Dokumente aus dem Münchner Kunstfund darüber Aufschluss geben, hofft Lentos-Direktorin Stella Rollig. Denn „wir wissen nichts von einer besonders engen, persönlichen Beziehung.“ Das ist erstaunlich genug. Auch Peter Baum, Leiter der „Neuen Galerie“ von 1973 bis 2004 und nun Experte im Auktionshaus Im Kinsky in Wien, hatte weder Wolfgang Gurlitt noch dessen beide Töchter in Linz kennen gelernt. Der einzige österreichische Kunsthändler, bei dem ein Kontakt zu den Gurlitts nahe liegt, ist 1980 gestorben: Friedrich Welz, eine äußerst ambivalente Figur auf dem österreichischen Kunstmarkt, eifriger Nazi und ebenfalls Profiteur der für Kunsthändler günstigen Marktlage in der NS-Zeit. Auch er setzte sich für „entartete“ Künstler ein. Welz’ Verquickungen zu Arisierungen jüdischen Vermögens wurde lange nicht weiter hinterfragt. Nach dem Krieg verschafften ihm seine Kontakte und Kunstsammlungen eine geachtete Existenz als Galerist und Verleger in Salzburg - in der Stadt, in der auch Cornelius Gurlitt seit den sechziger Jahren ein Haus hat.

Wie aber Wolfgang Gurlitt in Österreich eine neue Heimat fand und wie seine gehorteten Kunstschätze in das heutige Lentos kamen, hat der Historiker Walter Schuster vom Linzer Stadtarchiv in der Dokumentation „Facetten des NS-Kunsthandels“ untersucht. Demnach lebt Wolfgang Gurlitt ab 1940 auch in Bad Aussee. Mit Ehefrau Käthe und seiner Exfrau Julia erwirbt er eine Liegenschaft samt Villa und Mobiliar. Seine Reisen macht Wolfgang Gurlitt zwar weiter offiziell in Sachen „Führermuseum“, benutzt sie aber dazu, bedeutende Werke für sich selbst zu bevorzugten Preisen zu erwerben.

Pikante Ortswahl Bad Aussee

Geschickt plant er gegen Ende des Krieges die Übersiedlung seines wertvollen Kunstbesitzes in das sichere Domizil im steirischen Salzkammergut. Dabei kommen ihm erneut seine Kontakte zum „Sonderbeauftragten für Linz“, Hermann Voss, sowie zur Landesleitung der Reichskammer der bildenden Künste Berlin zugute, weist Schuster nach: Zur sicheren Aufbewahrung seiner Kunstbestände wird er vor der „Gefahr“ bewahrt, in seiner Villa ausgebombte Mitbürger einquartieren zu müssen.

Pikant an der Ortswahl am See in den Bergen ist auch, dass sich im benachbarten Altaussee die Stollen jenes Salzbergwerks befinden, die als bombensicheres Zentraldepot für die inzwischen mächtig angeschwollene Kunstbeute der Nazis für das Führermuseum dienten. Alliierte Truppen stellten diese in den letzten Kriegstagen sicher – gerade noch bevor ein angeordneter Sprengbefehl „in letzter Minute“ vereitelt werden konnte.

Wolfgang Gurlitts Rolle während der NS-Zeit ist schwer zu beurteilen, sagt Walter Schuster. Im Archiv liege das schriftliche Zeugnis eines ehemaligen Mitarbeiters auf, wonach in den sechziger Jahren jüdische Emigranten die Münchner Galerie Gurlitts aufsuchten, um sich bei ihm wegen dessen Hilfe während der NS-Zeit zu bedanken. Ein weiterer Zeitzeuge habe berichtet, dass viele Juden während der NS-Herrschaft Gurlitt geradezu angefleht hätten, ihnen Kunstgegenstände abzukaufen. Er habe dabei sogar Dinge erworben, an denen er gar kein Interesse gehabt habe. In der Nachkriegszeit bewohnt Wolfgang Gurlitt mit seiner Großfamilie, zu der nun auch zwei Töchter und die Lebensgefährtin Lilly Agostin, Jüdin, gehören, weiter die Villa in Bad Aussee. Dass er nach dem Ende des Dritten Reiches in Österreich geblieben ist, lag wohl an seiner Angst vor Rückforderungen in Deutschland.

Seit 1998 gibt es in Österreich ein Bundesgesetz über die Rückgabe von Kunstgegenständen. Das Lentos arbeitet seit 2007 intensiv an der Provenienzforschung, seit 1999 wurden Werke wie Schieles „Stadt am Fluss“ restituiert. Gegen das Stigma der einstigen Führerstadt“ arbeitet Linz seit zwanzig Jahren verstärkt mit Aufarbeitung an. Über weitere Verflechtungen dieses bestens vernetzten Kunsthändlers werden vielleicht Akten aus dem beschlagnahmten Münchner Konvolut Aufschluss geben. Die Geschäftsunterlagen hat Cornelius Gurlitt laut eigener Aussage alle der Staatsanwaltschaft übergeben.

 


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