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Art Laboratory Berlin: Macro Biologies PDF Drucken

Frösche, Erbsen, Marmorkrebse

Maja Smrekar_BioBASE 45° 53’ 28.20”N,15° 36’ 9.18”E_Aksioma Production Installation, 2012 - 2013_(C) Janez_JansaWachsen hier die Nährstoffe der Zukunft? Was sagen uns Frösche mit drei Beinen? Oder Marmorkrebse, die sich ganz ohne Sex fröhlich fortpflanzen? Diese Fragen haben mehrfachen Tiefgang - im naturwissenschaftlichen, künstlerischen sowie Überlebens-ästhetischen Sinn. Gestellt werden sie in dem kleinen, sehr feinen Kunstprojektspace Art Laboratory Berlin von den Machern und Kuratoren Regine Rapp und Christian de Lutz, zusammen mit ihren Künstlern.

Berlin, Juli 2014. Warum sich aber das Art Laboratory Berlin-Team für ihre Erkundungsstreifzüge am liebsten in den Schnittwelten zwischen Kunst und Wissenschaft im Allgemeinen und zwischen Kunst, Ästhetik und Biologie hier im Besonderen tummeln, erfahren Sie in dem dialogischen Statement anlässlich der Ausstellung "[macro]biologies II: organisms" (in deutscher wie in englischer Sprache)

Art Laboratory Berlin Prinzenallee 34, 13359 Berlin. Bis 20. Juli

Denn: Die amerikanische Künstlerin Suzanne Anker pflanzt Erbsen, Bohnen, Oregano und Minze in gläserne Boxen und taucht sie in blau-rotes Licht wie zum Speedwachsen, sodass sie ziemlich braun aussehen. Sie nennt ihre Pflanzenwunderbilder "Astroculture. Shelf Life". Die junge Slovenin Maja Smrekar erforscht Lebenskonzepte und baut riskante Zoografien, hier in Form der ziemlich komplexen Installation Crustacea deleatur: Suzanne Anker_Astroculture (Shelf Life)_(Detail)_2010Ein zeltartiger Behälter, der wie ein mobiles Forschungslabor aussieht und zwei Populationen von Marmorkrebsen beherbergt - links die weiblichen Marmorkrebse (procambarus fallax, forma virginalis) und rechts die männlichen Krebse einer verwandten Art (Procambarus clarkii).

Ob die beiden sich miteinander vermischen werden, kann man nicht genau sagen aber nun sehr genau beobachten (denn sie sind mit einer Leiter verbunden). Denn eigentlich pflanzen sich die niedlichen Krustentiere am liebsten asexuell fort. Der amerikanische Künstler und Biologe Brandon Ballengée wiederum verfolgt im Sinne einer nachhaltigen Form des Artistic Research sein Metier als Bildender Künstler in der "bioart" und als Biologe in der Herpetologie (das ist die Lehre von den Amphibien, also Lurchen und Reptilien, der Spezies der Kriechtiere). ibe

Statement der Kuratoren Regine Rapp & Christian de Lutz / Art Laboratory Berlin, im Kontext unseres diesjährigen Veranstaltungsprogramms Kunst und Macro/Microbiologie | Deutsche Fassung:

"Die Rolle der Bio-Kunst heute und wieso wir diese jetzt zeigen möchten."

Christian de Lutz und Regine Rapp(foto: Art Laboratory Berlin)

Regine Rapp und Christian de Lutz: Unserer Auffassung nach trägt die Kunst stets die Verantwortung, sich mit ihrer jeweiligen Ära auseinanderzusetzen! Zu Beginn des 21. Jahrhunderts hat eine einzigartige Verbindung von Ereignissen begonnen, die die Biologie in eine kritische Position gebracht hat – ähnlich der Informations- und Computerwissenschaften in den 1970er und 80er Jahren. Erstmals ist die Biotechnologie im Laufe der letzten 35 Jahre voll zur Geltung gekommen. Wir haben seit den 1970er Jahren mehr über das Genom gelernt, über die Funktionen der unabhängiger Gene und ihre Veränderung erforscht als in der gesamten Geschichte davor. Und sicherlich kann man vermuten, beispielsweise hinsichtlich der jüngsten Ergebnisse im Bereich der Epigenetik, dass im Jahr 2050 vieles der gegenwärtigen Biotechnologie bereits weit überholt sein wird. Trotzdem kann man nur schwerlich den Einfluss herunterspielen, der diese aufsteigende Wissenschaft auf die Medizin und die Agrikultur ausübt – sogar (oder gerade?) wenn sich die bedeutsamsten Veränderungen außerhalb des allgemeinen Wissens ereignet haben.

Brandon Ballengée_Un Requiem pour Flocons de Neige Blessés (A Requiem for Injured Snowflakes)_Video still , 2009 2012Jenseits der biotechnologischen Revolution hat auch die Verbindung von raschem Bevölkerungswachstum und wirtschaftlicher Veränderung seit der Mitte des 20. Jahrhunderts die biologische Befindlichkeit unseres Planeten in einen prekären Zustand gebracht. In einem schockierend großen Ausmaß sterben zahlreiche Arten aus, ganze Ökosysteme verschwinden – und niemand kennt die Auswirkungen davon auf die Zukunft unserer Erde und der menschlichen Bevölkerung. Wir betrachten uns bisher als autonom gegenüber der ‚Natur’, obwohl selbst 90% unserer Körperzellen nichtmenschliche Zellen sind! Ohne diese Mikrobiome allerdings würde der Mensch sterben, da er unfähig wäre, selbständig Essen zu verdauen. Wir könnten auch postulieren, dass wir ohne die komplexe Struktur der Biosphäre gar nicht leben könnten. Die Landwirtschaft beispielsweise ist ja stets ein einzigartig prekäres Unterfangen gewesen – nur wenige Agrargüter konnten ohne menschliches Einwirken überleben.

Uns interessieren die vielfältigen und komplexen Ansätze von Bio-Künstlerinnen und Bio-Künstlern, da sie durch ihre Auseinandersetzung mit aktuellen aufsteigenden Krisen gerade jetzt einen wichtigen Beitrag leisten. Jenseits der traditionellen Auffassung vom Künstler als Ästheten oder Kommunikator von Ideen nehmen viele der heutigen Bio-Künstlerinnen und Bio-Künstler die Rolle von Bio-Ethikerinnen und Bio-Ethikern ein. Diese erscheint uns in vielerlei Hinsicht weitaus wirksamer als herkömmliche Positionen von Philosophen, Geisteswissenschaftlern oder Politiker in dieser Rolle. Wir sind auch dem Ansatz gegenüber aufgeschlossen, dass Künstlerinnen und Künstler einen wichtigen Part einnehmen, wenn es um neue Zielsetzungen, Richtlinien oder Forschungsbereichen geht. Dies mag radikal erscheinen, doch entspricht es auf gewisse Weise dem Einfluss, der beispielsweise von Designern, Musikern oder anderweitig kreativ Arbeiten für die Entwicklung von Software ausgeht. Dies könnte auch zu einem längst notwendigen Brückenschlag der jahrhundertelangen getrennten Disziplinen der Künste und Naturwissenschaften beitragen. Damit meinen wir nicht, die Naturwissenschaften auf das Niveau von Unterhaltung, Amusement oder Wunderkammer herunter zu kochen. Es geht uns vielmehr darum, die breite Gesellschaft in unmittelbare Berührung mit den Naturwissenschaften zu bringen, unmittelbar realisierbar in Form des citizen science (im deutschen etwa vergleich mit dem Begriff „Bürgerwissenschaften“). Ein wichtiges Ziel ist die Demokratisierung von Technologien, die unser Leben ausmachen.

Wo sind die Zentren der Bio-Kunst heute zu finden?

Im Laufe der letzten 20 Jahre hat sich die Bio-Kunst hauptsächlich im akademischen Kontext abgespielt. Bis vor einiger Zeit konnten Künstler nur in Zusammenarbeit mit Universitäten Zugang zu teuren Technologien bekommen. Seit kurzem sind Orte wie Yogyakarta, Indonesien (HoNF lab, lifepatch.org) und Ljubljana, Slowenien (Kapelica, hackteria.org), die sich als wesentliche Zentren der DIY-Bio-Bewegung für Künstler und Publikum erwiesen.

Deutschland und Berlin sind mit wenigen Ausnahmen keine Zentren für Bio-Kunst und Künstlerinnen und Künstler, die sich mit Lebenswissenschaften auseinandersetzen. Um diese Lücke zu schließen und wichtige neue künstlerische Praktiken vorzustellen, haben wir uns für diesen Akzent bei Art Laboratory Berlin für 2014 entschieden. Wir hatten bereits einen ähnlichen Fokus, zum Beispiel die Ausstellung Senses Alert mit Dmitrij Bulatow (2008) oder auch SEIZED mit Critical Art Ensemble (2009). Im Laufe unserer Recherchen sind wir auf weitere Initiativen gestoßen, wie zum Beispiel die von Rüdiger Trojok und seinen Kolleginnen und Kollegen (openbioprojects), mit denen wir auch zukünftig zusammen arbeiten wollen.

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English version:

Statements by the curators Regine Rapp & Christian de Lutz / Art Laboratory Berlin, in the context of our 2014 program on macro/micro-biologies

The role of bio art today and why we want to stress bio art

In our opinion art in general has a responsibility to come to terms with the era it is produced in! At the beginning of the 21st century a unique combination of events has started to put Biology at a critical position, similar to the position of Information and Computer Science in the 1970s or 80s. First, Biotechnology has come into its own in the last 35 years. We have learned more about the genome, the functions of independent genes, and how we can alter them since the 1970s than in the whole of history beforehand. Yet, especially taking into account recent development in Epigenetics one can surmise that by 2050 much of today's biotechnology will seem out-dated. Nevertheless, it is hard to downplay the influence this emerging science has had on medicine and agriculture, even if most of these significant changes have taken place outside of the public's general knowledge.

We see the varied and complex approaches of bio artists working in the 21st century to be playing a unique set of roles in dealing with a series of crises that are already beginning to emerge. Beyond the artist’s traditional role as aesthete and communicator of ideas, many of today's bio-artists have taken up the role of bio-ethicist, in a manner that is both unique, and to our mind more effective than the traditional positions of philosophers, humanities scholars or politicians in this role. We also propose that artists can play an active role in defining new aims, guidelines and types of research. This may seem radical, but follows upon the influence of designers, musician and other creatives in defining software development. This also offers an opportunity to heal the two century long rift between the arts and sciences, not by bringing the sciences down to the level of social intercourse (e.g. entertainment, amusement, Wunderkammer) but by offering society the opportunity to become involved in science (e.g. through engagement in citizen science at various levels). One important goal is a general democratization of the technologies that shape our lives.

Where are the centers of Bio art nowadays?

Over the last 20 years Bio-art has generally played itself out in academia. Until recently, only by working within universities artists could have access to expensive technologies. But more recently places like Djogjakarta, Indonesia (HoNF lab, lifepatch.org) and Ljubljana, Slovenia (Kapelica, hackteria.org) have emerged as centers of DIY Bio programs that engage both artists and the public.

Germany in general, and Berlin in particular, with a few exceptions, have not been centers for Bio-art or for artist working with Life Sciences. In part, to fill this void, and to engage with important new artistic practices we have decided to emphasize these in our 2014 program. This has also arisen from earlier projects such as Dmitry Bulatov's Senses Alert, which we exhibited in 2008, and the exhibition SEIZED with Critical Art Ensemble from 2009. In the process we have come upon other initiatives, such as that of Rüdiger Trojok and his colleagues (openbioprojects), with which we hope to have continued collaboration in the future.

Infos: Art-laboratory Prinzenallee 34, 13359 Berlin. Bis 20. Juli

Samstag, 19. Juli, 14-16 Uhr - Kinder-Workshop mit Desiree Förster im Rahmen der Ausstellung (auf deutsch)
Sonntag, 20. Juli, 15 Uhr
- Künstleringesprach mit Maja Smrekar. Anschl. Finnisage



 


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