nurart.org


MAGAZIN
RUBRIKEN
FORUM
SEARCH
Neueste Beiträge
CB Login
JoomlaStats Activation
Otto Piene PDF Drucken

Farbschillerndes Licht

Otto Piene bei der Presse Konferenz, Deutsche Bank KunstHalle, 16. Juli 2014; c-irm.bernerAm Anfang war das Schwarz. Im Raum, im Universum. Dann kam das Licht. Und es war weiß. „The sun the sun the sun“ tönt eine Stimme wie der Herzschlag durch den Lichtozean, in den die Glashalle der Neuen Nationalgalerie mit einem Mal verwandelt ist, wo sich nun die Schatten der Besucher auf das mit bunten Riesenblasen geflutete Weiß werfen. Es ist die Stimme des Künstlers Otto Piene, die wie aus einer anderen Zeit klingt. 1961 schrieb er: „Aber das Helle allein zu lobpreisen, scheint mir nicht mehr genug. Ich gehe das Dunkel selber an, ich durchleuchte es, ich mache es durchsichtig.“

Am 17. Juli 2014 starb der Lichtkünstler Otto Piene - nur einen Tag nach der Ausstellungseröffnung in der Berliner Neuen Nationalgalerie und während der Vorbereitungen für sein Sky Art Event. Er wurde 86 Jahre alt.

„Ich muss gestehen, The Proliferation of the Sun, 1967/2014. Neue Nationalgalerie Berlin. dpa-soeren_stachedass ich in meiner Arbeit immer dann am glücklichsten war, wenn sie eine überraschende Wendung nahm.“ Otto Piene

Otto Piene. More Sky
17. Juli – 31. August 2014

von Irmgard Berner

Das Dunkel ist nun in dem lichten Mies van der Rohe-Bau durchsichtig geworden – und real zu erleben. 25 Minuten lang zieht das Schauspiel in seinen Bann. EinBlau mutiert zum roten, dann zum grünen Kreis und verliert seine schillernde Farbe, noch bevor der Blick es gefangen hat. Gelbe zerlaufene Kugeln, Bälle, Blasen, ein Stern, Gewebe aus Adern, schwerelos rhythmisch überlagern und durchdringen sie den weiten Raum, der für kurze Momente keine Grenzen mehr kennt.

Otto Piene, The Proliferation of the Sun, 1967/2014. Neue Nationalgalerie Berlin. c-iberner

Berlin, Juli 2014.

Ephemer pulsieren sich diese Bilder in die Erinnerung. Wie zufällig hingepinselte Schattenflecken in munter herumtreibenden Galaxien liegen Menschen verstreut auf schwarzen Sitzsäcken. Inmitten aber ruht ein riesiger Ball, er ist so hoch, wie diese Halle es zulässt, ein Lichtball wie ein Augapfel, der auf die Szene rundum blickt und seine Energie ballt, nur um sein Weiß zu verströmen. Schwerelosigkeit voller Dynamik zeichnet dieses Ambiente mit seinen halbtransparenten, schwebenden, bunt schillernd wechselnden Flächen und der Kugel als kosmischem Zentrum aus. Es ist ein magisch schöner Raum.

Die Nacht wird zum Tag

„The Proliferation of The Sun“ heißt diese Arbeit, übersetzt mit „Die Sonne kommt näher“. Vielen ist Otto Piene als Künstler der Gruppe Zero bekannt. Das allein aber wird ihm nicht gerecht. Er ist einer der Großen der Avantgarde des 20. Jahrhunderts und die Neue Nationalgalerie macht für seine „poetische Reise“ sogar die Nacht zum Tag und öffnet ab 22 bis drei Uhr früh ihre Türen. Es scheint als habe Otto Piene diese Lichtsonneninstallation eigens für Mies van der Rohes Glasarchitektur geschaffen. Dabei handelt es sich um die Reinszenierung einer Dia-Performance von1967, stark vergrößert und digitalisiert.

The Proliferation of the Sun, 1967/2014. Space, Neue Nationalgalerie Berlin. c-iberner

Die Urfassung beruht auf analogen Dia-Projektionen mit 1120 kleinen Glasscheiben, experimentierfreudig handbemalt mit Farbklecksen, bunten Schlieren, gerasterten Mustern. Piene benutzte die damals neuartige Technologie der Kodak-Dia-Karusselle, dynamisierte die Bildwechsel und projizierte die Formen im Loop über auf Matratzen liegenden Menschen. Das typische Klack-klack mischt sich auch jetzt in den Sound mit Pienes Stimme. Das Original performte er erstmals auf einer kleinen Off-Bühne in New York. Es fiel zusammen mit dem Ende seiner Zero-Zeit.

Die Entgrenzung des Raumes, die Starre der künstlerischen Genres Malerei und Skulptur aufzubrechen, waren von Anfang an sein Streben. „Otto Piene. More Sky“ ist der Titel der Ausstellungskooperation in drei Teilen von Neuer Nationalgalerie und Deutsche Bank KunstHalle, eine Hommage an die künstlerische Aufbruchszeit dieses Künstlers in den 60er und 70er Jahren. 1928 in Westfalen geboren, studierte Otto Piene Bildende Kunst und Philosophie in Düsseldorf. Den Krieg überlebt zu haben, empfand er immer als Gnade: „Daraus etwas zu machen war eine Verpflichtung gegenüber dem Kosmos“, sagt Piene heute, und habe ihm diesen enormen Impuls für ein positives, aktives, produktives Leben mit den Mitteln der Kunst gegeben.

Otto Piene, Yellow 1975Die Urelemente Feuer,Wasser, Luft und Erde beinhalten für ihn auch die menschlichen Elemente Agieren, Reagieren und Anteilnehmen. So mag man im Rückblick den 11. April 1957 als epochal bezeichnen, als zwei junge Künstler in ihr Düsseldorfer Atelier luden und die „Stunde Null“ der Nachkriegskunst ausriefen. Es war die Geburt von Zero. Otto Piene, Heinz Mack und ab 1961 auch Günther Uecker feuerten dort mit einer Serie von Abendausstellungen den Startschuss für eine neue Avantgarde ab. Es war eine Zeit des Aufbruchs, als Ort diente das gemeinsam genutzte „Ruinenatelier“. Otto Piene beschrieb die Aktionen als„Vernissage am Abend ohne anschließend dauernde Ausstellung.“ Mit Zero, der Null, stand der absolute Neuanfang. Sie sollte für eine neue Sensibilisierung derUmwelt dienen. Grundlage war das Ideal des „reinen Lichts“. Sie feierten die Stille, das Schweigen, das Licht und die Leere.

Lichtballette und Luftskulpturen

Piene entwickelt nach einem spektakulären Zero-Schlussstrich 1964 eine neue Bildsprache. Licht und Bewegung rücken ins Zentrum seiner künstlerischen Reflexionen. Das Arbeiten im Kollektiv mit Technikern und Künstlern intensiviert er amMassachusetts Institute of Technology in Boston, wo er von1974 bis 1994 das Center for AdvancedVisual Studies leitete. Er entwickelt „Sky Art Events“, schon ab 1968 steigen weltweit seine mit Helium gefüllten Luftskulpturen auf. Sein Traum: der Himmel als Ausstellungsraum.

Diese frühe Entwicklung zeigt die Deutsche Bank KunstHalle in einer dichten, kabinettartigen Ausstellungsarchitektur, die zum genauen Hinsehen auf das multimediale, kaum fassbareOeuvre zwingt: die „Feuergouache“ von 1972 mit ihren krustigen Rändern, die Rauch- und Rasterbilder oder die Lichtdruck-Experimente von 1959. Fotos und Filme zeigen Aktionen im Environment, der Umwelt, wie den „Olympia Regenbogen“ von 1972. Pienes Kunst ist optimistisch, aber auch politisch. So machte er mit dem „Charles River Project“ in Boston mit schwimmender Sky-Art auf dieWasserverschmutzung aufmerksam. Im letzten Raum dann tanzt sein berühmtes Lichtballett heiter über dieWände. Otto Piene ist ein großer, geistbewegter Humanist, einer der letzten vielleicht. Samstagnacht gehen seine Sterne über dem Himmel der Neuen Nationalgalerie auf. Er wäre zufrieden.

Neue Nationalgalerie, Kulturforum, Potsdamer Str. 50, 10785 Berlin
Öffnungszeiten: Di, Mi, Do, Fr, Sa, So 22–3 Uhr. Mo geschlossen. Eintritt frei
Deutsche Bank KunstHalle, Unter den Linden 13/15, 10117 Berlin
Öffnungszeiten: täglich 10-20 Uhr. Eintritt: 4 Euro, ermäßigt 3 Euro. Mo Eintritt frei. Kinder + Jugendliche bis 18 frei

www.freunde-der-nationalgalerie.de

www.ottopieneberlin.de

Langen Foundation: Otto Piene - Light on Air

Dim lights

 


ART
KÜNSTLER
KALENDER
Beliebte Beiträge
ABOUT US
Kontakt
Mission Statement
About us
nurart.org RUBRIKEN backgrounds Otto Piene


© 2010 nurart.org