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Die Wucht der einfachen Fragen

Yael Bartanas Filminstallationen "Inferno" und "True Finns" in der Galerie Capitain Petzel

Die Einweihung eines prächtigen Tempels, dessen Zerstörung, am Ende die Verehrung seiner Trümmer: Episch erzählt die israelische Multimediakünstlerin in "Inferno" ihre Vision von der Geschichte der Antike im Mittleren Osten und verbindet sie kühn mit der zeitgenössischen hybriden Kultur Brasiliens.

von Irmgard Berner

Berlin, Feb. 2015. Menschen fliehen panisch unter herabfallenden Trümmern. Eine Feuersbrunst wütet, die Erde bebt und spaltet sich unter ihren rennenden Füßen. Sie tragen weiße Tuniken, festlichen Goldschmuck, Sandalen. Die Zerstörung des Tempels als antikes Szenario in Hollywood Actionkino-Ästhetik.

So führt die israelische Multimediakünstlerin Yael Bartana in ihrer Videoinstallation „Inferno“ die Apokalypse biblischen Ausmaßes vor Augen, die in der Zerstörung des Tempels kulminiert. Sie greift diese schicksalhafte Zerstörung auf, die das jüdische Volk vor zweitausend Jahren endgültig in die Diaspora zwang – und treibt das Spiel noch weiter. Denn es geht ihr um den gesamten Kreislauf der Tempelverehrung: die Einweihung der heiligen Prachthallen, dessen Verwüstung, sowie die Verehrung seiner Trümmer. Am Anfang aber war der Bau. Der Bau inmitten einer ausufernden Stadt, der Megalopolis Sao Paolo.

Der Tempel in Sao Paolo, Brasilien. Vision von Yael Bartana, c-Gallery Capitain PetzelKühn verpflanzt Bartana die Nachbildung des Tempel Salomos weg vom Heiligen Land, nach Brasilien. Dort zieht die evangelikale Kirche der Pfingstbewegung Igreja, der Universalkirche des Königreichs Gottes, bekanntlich die Massen an. Bartana vermengt beide Glaubensrichtungen, will jüdische und nichtjüdische Denkmuster infrage stellen. So kehrt sie den Weg um, den Pilger traditionellerweise von Brasilien in Richtung Heiliges Land nehmen.

Die großformatige Videoinstallation entfaltet sich in der weiträumigen, abgedunkelten Galeriehalle bei Capitain Petzel. Die Nahaufnahmen und Zeitlupen der Verwüstung, aber auch die an Antiken-Kitsch grenzenden, lachenden Kinder mit Obst- und Getreidegebinden für das Tempelfest, und vor allem das aus der Flugperspektive grenzenlos scheinende Häusermeer von Sao Paolo, aus dem der Tempel ragt, ziehen in ihren Bann. Blumenmädchen vor der Einweihung des Tempels, Videostill. Yael Bartana, c-Gallery Capitain Petzelc-Am Ende bleiben Schutt und Asche – und eine Mauer, die Klagemauer. Wippend stecken die Gläubigen papierene Botschaften in die Mauerritzen. Was bleibt ist der Devotionalienhandel mit den Andenken. Die Minora auf Teller gedruckt und auf Mangofrüchte, aus denen Jugendliche den Saft schlürfen, ein Esel.

„Wir sind keine Rentierfresser“

Eine ganz andere Grundstimmung vermittelt die Filminstallation „True Finn“ im Untergeschoß. Dort zeigt Bartana – im Gegensatz zum Prunk, den stilisierten Kostümen und den Bezügen zu biblischen Blockbuster-Kino-Epen – einen Film im dokumentarischen Stil. Acht Menschen aus Finnland stellt sie die einfache Frage: “Wer ist ein echter Finne?” Darunter befinden sich neben Finnen zwei Roma und eine junge Frau aus dem Volk der Samen, blond, frisch, gepierct. „Wir sind keine Rentierfresser“, sagt sie an einer Stelle und: „Ich bin keine Finnin.“ Auf einen offenen Aufruf hin – der Film entstand auf Einladung der finnischen Pro Arte Foundation und wird hier zum ersten Mal gezeigt – waren acht finnische Einwohner gekommen, jeder mit anderem ethnischen, religiösen und politischen Hintergrund. Sieben Tage lang lebten sie in einem Landhaus zusammen, draußen liegt Schnee. Sie sitzen um einen Tisch, essen oder machen Spiele, erzählen von Diskriminierung, Sauna als Lebensmittel, Identität und Zugehörigkeit. Der Israelin Bartana, 1970 geboren und deren Werke weltweit gezeigt werden, geht es in dieser Arbeit um utopische Momente, die eine Antwort auf die Frage des wahren Finnseins geben sollen. Können Immigranten wirklich ihre Identität ablegen? Einfache Fragen, die eine große Wucht entfalten.


Capitain Petzel, Karl-Marx-Allee 45, Mitte. Di-Sa 11-18 Uhr. Bis 28. Februar 2015

 


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