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Christian Jankowski Retrospektive PDF Drucken

Ein Streich, ein Glück

Der Moment des Rollentauschs ist dem Werk des Christian Jankowski immanent. Warum dieses Prinzip also nicht auch für die
Retrospektive in der Galerie cfa anwenden? Die Schauspielerin Nina Hoss hat kuratiert. Und das recht fein.

Nina Hoss kuratiert Christian Jankowskis Retrospektive. 2016. c-Franziska SinnBerlin, Januar 2016. Diese Ausstellung musste mit einem performativen Akt eröffnen, nein, einem Rollenspiel, alles andere wäre demVorhaben, in der vorliegenden Konstellation Kunst des Christian Jankowski zu zeigen, wohl nicht gerecht geworden. Der Titel des Dreipersonen-Dramoletts: SMS-Performance.

von Irmgard Berner

Die handelnden Personen: Christian Jankowski, Künstler; Nina Hoss, Schauspielerin; Bruno Brunet, Galerist. Inhalt: Kontaktabsprachen zwecks Kuratierung. Ort der Handlung: ein Aussichtsturm. DerMeta-Space: die Galerie cfa am Kupfergraben. Der Zeitpunkt: die Vernissage von „Retrospektive. Kuratiert von Nina Hoss“. „...Wie wär’s morgen für dich fürs Kuratieren? Hättest du Zeit? Liebe Grüße, Nina“, liest Jankowski die SMS von Nina Hoss mit Profi-Schmunzeln. Und Hoss die Antwort von Jankowski, mit Profi-Diktion: „Gern, wann ist denn für dich am besten?“ Rollentausch also, Brunet liest Datum und Uhrzeit, und der Inhalt ist somit so banal wie angemessen professionell.

Das kleine Impro-Event zur Vernissage indes typisch für Christian Jankowskis Spiel mit der Irritation durch die Gleichzeitigkeit von Inszenierung und Wirklichkeit. Womöglich hat er all das gerademitgefilmt und zeigt es bei nächster Gelegenheit. Nina Hoss und Christian Jankowski, Vernissage cfa-Galerie Berlin, 2016. c-irmgard bernerIn diesem Lichte erscheint nun der Akt, für den Nina Hoss von Galerist Brunet und seinem Künstler Jankowski, der zum ersten Mal bei cfa ausstellt, als Kuratorin engagiert wurde,wie einweiterer Streich in der künstlerischen Laufbahn des 1968 in Göttingen geborenen Konzeptkünstlers, der in Hamburg studiert hat, an der Stuttgarter Akademie Bildhauerei unterrichtet und gerade selber eine Groß-Ausstellung kuratiert – die Manifesta 2016 in Zürich. Und der so gerne Rollenspiele inszeniert und dann mit seinen Videos die Kunstwelt an der Nase herumführt.

Melodramen und Monumente

Gelungen ist dem Team ein kleiner Coup. Warum?

Schamkasten, 1992. Christian Jankowski. c-irmgard berner

Und was hat die glamouröse Schauspielerin, die,wie sie selber sagt, von Konzeptkunst und Kuratieren keine Ahnung hat, nun kuratiert? Gleich zu Anfang hat Hoss, ganz ihrem Metier entsprechend, die Filme aus dem Jankowski-Oeuvre genau gesichtet. Und dreißig von 120 schließlich ausgewählt. Das sind zehn Stunden voller wundersamer Geschichten wie etwa ein Casting im Vatikan, bei dem der perfekte Jesus gesucht wird. Feiste Talarträger treffen auf leidende Laienspieler. Oder eine 26-Minuten-Sequenz mexikanischer Telenovela- Melodramen, in denen ohne Worte viele Tränen fließen. Jankowski nimmt mit dieser Arbeit Bezug zu der politischen Wandmalerei „Marsch der Humanität“ des Murales- Malers und Kommunisten David Alfaro Siqueiros (1896–1974). In dessen Archiv hatte er auch das Foto einer manikürten Frauenhand gefunden, die einen Drillbohrer hält. Und nahm es als Vorlage für die überdimensionale Handskulptur mit dem Titel „Monument für die bourgeoise Arbeiterklasse“.

Verwirrung um ungläubiges Glück

Nina Hoss hat den Hinweis aufgegriffen und sie in die Raumecke gestellt neben dem Kinoeingang – und kräftige Männer dazugehängt: Polnische Bodybuilder auf Schwarz-Weiß-Fotos, die sozialistisches Monumenten-Erbe stemmen (Performance 2013).

Leicht ist hier nichts, auch nicht der Einkauf imSupermarkt.Denerledigt der Künstler mit Pfeil und Bogen. In „Die Jagd“ (1992) schießt er sich dort sein Essen zusammen. Bezahlen muss er, wie das Video zeigt,wie alle an der Kasse. Jankowski stiftet Verwirrung, Grenzen verschwimmen.

Retrospektive, c-cfa-Galerie Berlin.

So auch in der Rauminstallation „Ungläubiges Glück“ (2014), zu der übrigens der Aussichtsturm gehört, der vorhin als Spielbühne diente. Von dort oben kann man über einen Bauzaun in eine Einfriedung schauen, in der eine Film-Paraphrase auf die Eröffnung der Hamburger Deichtorhallen am 9. November 1989 läuft.Mit Nachtsichtkamera gefilmte Personen erzählen: „Auf einmal hieß es: Die Deichtorhallen sind geöffnet!“ Als wär’s der epochale Mauerfall.

Jankowski ist ein Spieler. Und Nina Hoss hat das Spiel mitgemacht, klug, ernsthaft undmit präzisem Blick von außen. Das hat dem Werk des subversiven Künstlers gut getan. Der weiß das und schreibt per SMS:„Nina, du bist das Glück dieser Ausstellung. Smiley.“

www.cfa-berlin.de

 


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