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100 Jahre DADA PDF Drucken

Aus dem Chaos - DADA

Vor 100 Jahren wurde in Zürich der Dada geboren. Die Bewegung revolutionierte auch die Berliner Kunst.

Johannes Theodor Baargeld: Typische Vertikalklitterung als Darstellung des Dada Baargeld, 1920, ausgestellt auf der Ersten Internationalen Dada-Messe in Berlin . Kunsthaus Zürich, Graphische Sammlung (Ausschnitt/cropped)5. Februar 2016. Es war völliger Nonsense und dennoch die Geburtsstunde einer anhaltend fruchtbaren Revolte: Am 5. Februar 1916, mitten in der Hölle des Ersten Weltkriegs, wurde in Zürich der Mythos Dada begründet.

von Irmgard Berner

Poster für die Eröffnung des Cabaret Voltaire, 1916. Lithographie von Marcel Slodki. Kunsthaus Zurich.Denn an jenem Abend vor genau einhundert Jahren lud eine anarchische Bohème aus Emigranten-Künstlern um Hugo Ball und Emmy Hennings ins Züricher Cabaret Voltaire ein.

 

In der Spiegelgasse, im Vergnügungsviertel Niederdorf, riefen sie auf kubistischen Plakaten zu einem irrwitzig wilden, lustvollen Spektakel mit Lautmalerei, Unsinnsgedichten, mit Trommeln und „Negertänzen“ auf. „Das Lokal war überfüllt; viele konnten keinen Platz mehr finden“, schrieb Hugo Ball. Schon der Eröffnungsabend war ein durchschlagender Erfolg. Mit zur Kerntruppe gehörten Hans Arp, Deutsch-Franzose, Maler und Lyriker, der Rumäne Tristan Tzara, Dandy-Schriftsteller und späterer Stratege der Bewegung, sowie der Maler-Architekt Marcel Janco. Eine Woche später gesellt sich Richard Huelsenbeck aus Berlin dazu, der noch mehr „Negerrhythmus“ will, um die Literatur in Grund und Boden zu trommeln. Sophie Taeuber Arp schillertmit groteskemTanz in kubistischen Kostümen und Masken vonMarcel Janco. Als Stern desCabarets funkelt Emmy Hennings.

Extrem-Dada Berlin

Ab sofort lassen sich nun die sieben Dada-Gründer jeden Abend „bis zum Irrsinn, bis zur Bewusstlosigkeit gehen“, wie der lautdichtende Hugo Ball im ersten Dada-Manifest schreibt.DasCredo:„Wie erlangtman Seligkeit? Indemman Dada sagt.“ Und so gebären sie Dada aus dem Geist des Chaos, unversöhnlich, provokativ. Und im warmen Schutzraumdes Cabaret Voltaire kann dieses Anti-Kunst-Wesen aus zwei sinnfreien Silben gut gedeihen – bevor es sich in alleWelt hinauswächst.

Die Journalisten_Hannah Hoech, 1925. VG BILD-KUNST BONN, 2016/BERLINISCHE GALERIEWährend 1916 in den Schützengräben von Verdun und an der Somme eine Million Soldaten fallen, rufeninderneutralenSchweiz die Dadaisten die „universale Heiterkeit“ aus. Es ist ihre Art von Rebellion – gegen Zwänge und das militaristische Establishment, gegen die Salonkonservativen der eigenen Zunft. So steckt in der Leerform Dada „Nichts“ im nihilistischen Geist Nietzsches, ironische Taktik und eben das Bitterschöne: Die Dadaisten lehnen den Krieg ab, wollen das Alte zerstören, aber zugleich alle vitalen Impulse aus Literatur, Musik, Tanz und bildender Kunst verbinden. Als Sprachrohr und Aktionsplattformfür ihre Parodien und Tingeltangel dient ihnen das Kabarett. Zerlegen, zerschneiden, zertrümmern ist dieMethode, die Collage dasMedium der Stunde für das Neue. Durch Flugblätter und Zettel wird Dada zur Marke und breitet sich aus bis Paris, NewYork – und vor allem Berlin.

Wegweisend für die Kunst

Der Kunstkritiker_Raoul Hausmann 1919-20_VG-Bild-KunstIm hochpolitischen Klima der Weimarer Republik ändert sich die Klangfarbe, Dada wird zur Propagandamaschine. Denn in Berlin knallt es in den Straßen und von den Hausdächern, man hat eine echte Revolution, in die man einzugreifen beschließt:Nicht nur die Kunst, das ganze Denken und Fühlen sollten in Dadas Wirkkreis hineingezogen werden. In Berlin nahm Dada mit Raoul Hausmann undHannah Höch – in jener heißen Zeit ein Paar–, mit Johannes Baargeld und Oberdada Johannes Baader, mit Dada-Marschall George Grosz, Monteurdada John Heartfield, mit Merz-Künstler Kurt Schwitters von Hannover aus seine weltweit extremste Form an.

Für die bildende Kunst wird der Berlin-Dada wegweisend, erfindet mit der Fotomontage eine neue Kunstform. Eines der wohl komplexestenWerke dieser Art istHannah Höchs „Schnitt mit dem Küchenmesser Dada durch die letzte Weimarer Bierbauchkulturepoche Deutschlands“ von 1919/20. Aus der damals populären Berliner Illustrirten Zeitung schnitt sie Fotos und Bilder von Kaiser, Kanzler und Technik aus und montierte sie zu einembizarrenWeltbild,demWelt-Dada. Wichtig dabei war der Schnitt zwischen Kopf und Körper. Karikaturenhaft reagiert Höch auf die Halt- und Bodenlosigkeit in einer an sozialem Bindungsschwund leidenden Mediengesellschaft.

Höhepunkt und Ende

Höhe- und zugleich Endpunkt von Dada Berlin war die „Erste Internationale Dada-Messe“ 1920. Hausmann strebte darin eine „entschiedene Mischung“ aus den vielen Splittern vonDada an. Auch im Sinne eines grotesken Gesamtkunstwerks. An derDecke der Ausstellung hing eine erzengelhafte Gestaltmit Schweinsmaske und in Soldatenuniform. Auf ihrerBauchbinde stand: „Vom Himmel hoch“ – der Weltenrichter als kleinbürgerlicher Spießersoldat. Dada war eine Geisteshaltung, kein Stil. Es war der Urknall der Moderne, gebar den Surrealismus, später Fluxus und Pop Art. Ein offizielles Ende gibt es bis heute nicht.


 


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