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Die Schrift-Sprache und das Geschlecht

Gender & Language: Ursprünge und Tiefen unserer Schrift kommen in dieser Ausstellung und Symposium zu Wort

A führt das Alphabet an. Doch was hat das mit dem Geschlecht zu tun? B bildet die Gefolgschaft, es kommt immer nach A. Dass dahinter Männlichkeit, Macht und Mut, beziehungsweise Haus, Mund und Mutter stecken, zeigte sich auf einem beredten Symposion in Artneuland.

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von Irmgard Berner

Januar 2008 Alpha führt das Alphabet an, und Alpha ist männlich. Denn Alpha kommt von Bulle. In den semitischen Sprachen heißt „Aleph“ Bulle oder Ochse. Sein Schädel mit den zwei Hörnern hat sich im Laufe der Anthropomorphikation der Zeichen auf den Kopf gestellt, bis die spitzen Hörner zu zwei Beinen wurden, die fest und hüftbreit auf dem Boden stehen. Den Querbalken trägt das A als Relikt vom Joch des Ochsen.

Mit B wie Beta geht es an zweiter Stelle weiter, und Beta ist weiblich, kommt immer erst hinter A. Die Hierarchie der Buchstaben, „Akrokratie“, ist die Hierarchie der archaischen semitischen, später griechisch-lateinischen Gesellschaften – und blieb es bis heute. Nicht zufällig taucht das maskuline A in unserem @, dem Logo moderner Schrift- und Gedächtnissysteme wieder auf. Die beiden Bullenhörner haben zudem in unseren großen monetären Symbolen $ € ₤ ¥ als Doppelstriche überlebt.

Wispern und die Zeichen der Macht

A und B stehen für die gesamte geschlechterspezifische Hierarchie der menschlichen Sprache, des geschriebenen Wortes. Gender-Forscherin Christina von Braun erläutert auf dem Symposion „Language and Gender“ in der dicht besuchten Projekt-Galerie Artneuland in Berlin Mitte den Dualismus der Zeichen anschaulich und nicht ohne Ironie. „Sprache formt die Geschlechterrollen“, Vatersprache als das geschriebene Wort, Muttersprache als mündliche Überlieferung. Beta oder Beth, das Haus, die Domäne der Frau über die der Mann herrscht. Oral language, mündliche Überlieferung ist weiblich und fängt im frühen Alter bei Wiegenliedern, den Lullabys an. Narges Hashempur, iranische Schauspielerin und Regisseurin erzählt lebhaft über das Wispern und Phantasieren zwischen Mutter und Kind. Dennoch wird die mündliche Pflege religiöser Texte etwa im Judentum traditionell von den Männern betrieben, die schriftliche soundso, beschreibt Mimi Levy Lipis von der Humboldt Universität  die jüdische Sprachüberlieferung.

A und B, 0 und 1

Fruchtbarkeit und Macht, 0 und 1, der schlichte Dualismus ist aus unseren Systemen und modernen Denkmaschinen nicht wegzudenken.

In Artneuland wird zur textualen noch die Körpersprache als künstlerisches Ausdrucksmittel hinzugefügt. Auf einer grünen Wiese mit roten Mohnblumen liegt eine nackte weiße Frau. Ihr Körper schwebt und schwindet, das still bewegte Bild legt sich über die blanke Wand im Galerieraum, das Wiesengrün verwandelt sich im Wassergeplätscher zum Badesee. Das bloße Mädchen liegt noch immer drin. Diese Video-Installation von Dotan & Perry ist Teil der Ausstellung, die Yael Katz Ben Shalom mit weiteren Arbeiten von den Künstlern Anbisa Akshar, Bernhard Garbert, Hannan Abu-Hussein, Nurit Yarden, Stephan Weitzel, Ursula Neugebauer und Timm Ulrichs eingerichtet hat.

Dornen in Performanz

Schmerz als Ästhetik, Dornen auf nackter Haut war der sinnfällige Einstieg in das Symposion „Language & Gender“mit Dotan & Perry. Das nackte Mädchen aus dem Video verkörpert mit lockigem Wallehaar und schimmernder Haut als lebendige Skulptur Verführung, Verletzlichkeit und Selbstgeißelung im performativen Ausdruck. Die starrtrockenen Disteln stechen knisternd in ihre glatte Haut, zu schön sind die Hände der Performerin, die mit harten Bandagen das stachelige Gewächs immer fester an Brust und Bauch wickeln und pressen bis sie es als quälendes Korsett umschließen.

Und wie wird der Mann zum Mann? Körperliche Ertüchtigung auf Bleistiftzeichnungen des jungen Künstlers Stephan Weitzel, Mannwerdung durch mechanisches Training auf Gerüsten und Geräten in  historisierenden Darstellungen sind ein weiteres Thema für die Sprache der Geschlechter. Feinnervig und klar.

Diese Bilder brechen erstaunlicher- und erfreulicherweise mit der Tradition, dem Dogma der Galerie, Kunst ausschließlich als Halbdokumentarisches durch Photos und Videofilme zu zeigen. Die organische Verbindung von intellektuellem Diskurs und künstlerischer Visualisierung und Versinnlichung hat Kuratorin Yael Katz Ben Shalom mit sicherer, sensibler Hand und Bündelung konsensualer Kräfte zu einem beeindruckenden Denk-Erlebnis geformt.

 

Artneuland e.V. | Schumannstrasse 18 | 10117 Berlin | Germany

"Gender & Language" 24. 1. bis 21. 4. 2008

Opening hours:
Tue - Fri 11.00 - 19.00
Sat + Sun 11.00 - 18.00

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