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Wo liegt Dyarbakir?

Der Kunstraum Tanas beeindruckt mit subtilen und bissig-ironischen Video-Arbeiten junger kurdischer Künstler

Moderne Männlichkeitsrituale im Fußball. Kinder, die sich beim Spiel mit schwarzen Masken wie Guerillakämpfer gerieren. Zwei Künstler, die als Don Quichote und Sancho Panza auf Pferd' und Esels Rücken aus dem anatolischen Hochland in Richtung Tate Modern London aufbrechen.

Im fernen kurdischen Südostanatolien wächst jenseits der türkischen, kunstdominanten Metropole Istanbul eine junge lebendige Künstlergeneration heran, deren Entwicklung es lohnt zu verfolgen. Noch sind die Kunstschaffenden ausschließlich Männer...

von Irmgard Berner

Halil Altindere, Mirage, 2008. 3 C-Prints on dibond, per 80 x 120 cm, Courtesy: The artist. Copyright: Tanas

Zehn kurdische Künstler mit einem faszinierend direkten Blick zerlegen und verfugen kritisch, ironisch und in ergreifend kraftvollen Bildern ihre Lebensumwelt. Das Bewegtbild Video ist ihr Wesensmittel. „Nicht einfach, die Welt in 90 Tagen zu retten“ nennt Rene Block sinnfällig die von ihm kuratierte Gruppenschau in seinem Kunstraum Tanas in der Berliner Heidestrasse. „… aber versuchen könnte man es …“ fügt er dem Titel im Vorwort des kleinen Taschenkataloges hinzu. Dem Doyen und seit vielen Jahren engagierten Ermöglicher und Mitgestalter ist es zu verdanken, dass diese junge kurdische Kunstszene in Berlin und darüber hinaus eine Plattform gefunden hat. Er nennt die Ausstellung eine Manifestation, in der ein künstlerischer Aufbruch gebündelt ist.

Der Fußball und seine Männlichkeitsrituale in Videosequenzen als Schnittbilder von „What Remains“, 2003, von Ali Kazma; Der C-Print „Potlactch“, 2009, von Cengiz Tekin zeigt fröhlich wissende Bauernkinder in Großaufnahme, die Falschgeld in die Luft werfen. Einen fiktionalen Militärputsch, wie sie in der Türkei vor 1980 stattfanden, setzt Köken Ergun performativ für die U-Turn Quadriennale um: 2004 lässt er in „Tanklove“ einen türkischen Panzer durch ein Dorf in Dänemark fahren, ein Land, das stolz auf seinen demokratischen Sozialstaat ist, und die erstaunte Bevölkerung wie gelähmt zusehen lässt. Halil Altindere zeigt in seinem Video „Mirage“ von 2008 einen hellen, glattrasierter Mann, der seine nackten Oberkörper-Bodybuilder-Muskeln lasziv-selbstverliebt in der weiten anatolischen Steppe spielen lässt und dabei neben einem sonnengegerbten Bauer ziemlich absurd ausschaut. Aber nicht nur die beiden Männer stehen im Kontrast zueinander, sondern es ist die Steinwüste, die den Eindruck dieses Werkes verschärft: Das ausgetrocknete Tigristal soll in einem riesigen Staudammprojekt geflutet werden und die Lebensgrundlage vieler Dörfer ertränken. Altinderes anarchistische Kritik am Staat und seinen Ideologien, seine Skepsis gegenüber etablierten Einrichtungen und „Orten der Macht“ äußerst sich auch in den Ölgemälden „Newsweek“ und „Hurriyet“, 2009, auf denen er – augenzwinkernd – mit Layout und inhaltlichen Verschiebungen des amerikanischen Magazins und der türkischen Tageszeitung starke Zeichen setzt.

Halil Altindere, Mirage, 2008. 3 C-Prints on dibond, per 80 x 120 cm, Courtesy: The artist. Copyright: Tanas

Doppelbödiger Humor am dünnen Faden

Schrift, Worte und deren Manipulation sind auch Kunstmittel von Nasan Tur. Er findet auf seiner Suche im sozialen und urbanen Raum private und öffentliche Spuren auf Mauern, Schildern, in Gegenständen, bricht diese durch kleine Veränderungen, indem er Buchstaben in Standardbegriffen hinzufügt, weglässt oder diese Begriffe in großer Geste nochmals malt. Subtile Irritationen, ein leichtes Stolpern im Kopf – für den Betrachter macht er die Absurdität uns umgebender Alltagskultur sichtbar ohne sie ad absurdum zu führen.

Nasan Tur, Time for Revollusion, 2008. C-Print, 150 x 200cm. Courtesy: The artist. Copyright: Tanas.

Großen Raum nimmt die Video-Installation „Things We Count“, 2008, von Ahmet Ögüt ein. Während eine Stimme langsam auf türkisch, englisch und persisch von eins bis hundert zählt ziehen auf einer wandfüllenden Projektion endlos lange Reihen von geparkten Militärflugzeugen in Frontansicht wie Riesenvögel aus einem hellen Totenreich vorbei.

Die ausrangierten Flieger in der Wüste Nevadas könnte aber ebenso das Spiel- und Übungsfeld für strategische Männlichkeitsrituale darstellen. Ahmet Ögüt gelingt mit vereinnahmender Ästhetik den Ernst der Sache mit heiterer Spannung zu verquicken.

Ahmet Öğüt, Things We Count, 2008 (Video Still), Installationsansicht. HD-Video, übertragen auf DVD, 06:20 min, Farbe, Ton. Courtesy: Künstler, Copyright: Tanas Berlin

Zur wunderbar ironischen Schrift-Metapher hat Servet Kocyiğit in seiner Bildinstallation "Everything you heard about Turkish men is true" von 2009, durch Buchstaben aus runden Häkeldeckchen verwandelt, jedes einzelne ist handgefertigt, hängt noch am dünnen Faden und endet in jeweils in einer Spule, die am Bildrand wie eine bunte Miniatur-Skyline aufgereiht stehen. Kocyiğits doppelbödiger Humor lässt nicht nur Frauenherzen vor Freude höher springen.

Servet Kocyiğit, Everything you heard about Turkish men is true, 2009. Montage mit gehäkelten Buchstaben und Fäden, 160 x 320 cm. Courtesy: Künstler. Copyright: Tanas Berlin. photo: Uwe Walter

Man darf eigentlich keine der Arbeiten und deren Schöpfer in dieser Ausstellung unerwähnt lassen. Ali Kazmas Fußballallegorie als 13-Kanal-Video-Installation von 2003, in der er Schweiß, Kampf, Körper, Schmerz und Autorität an den Schnittstellen zwischen Backstage-Szenen in den Garderoben und Wettkampf-Sequenzen vorführt. Oder in „Adult Games“, 2004, zeigt Erkan Özgen eine Gruppe spielender Jungs auf einem bunten Klettergerüst mitten in einer Bauruine irgendwo am Rande von Dyarbakir. Die Kinder tragen Sturmhauben und verändern durch die minimale aber markante Verkleidung schlagartig ihre Identität hin zu Guerillakämpfern. Özgen will mit dem Video-Loop seinen Blick auf die traumatischen Erfahrungen und mentalen Beeinträchtigungen unter der kurdischen Bevölkerung, die seit zwei Jahrzehnten unter dem Bürgerkrieg in der Region leidet, teilen, indem er die Machtspiele des „Scheinstaates“ mit seiner schulischen Zwangskultur auf den Spielplatz versetzt.

Der steinige Weg von Diyarbakir

Allen diesen Künstlern ist eine klare ästhetische Sprache gemeinsam. Sie arbeiten Konflikte und Vorurteile auf, entlarven oder brechen in der Türkei noch existierende kulturelle und politische Tabus. Dass sie überhaupt arbeiten können und sich in den letzten Jahren in den Städten jenseits von Istanbul eine spannende und lebhafte Kunstszene entwickeln konnte, ist der treibenden Kraft der Kunststiftung „Anadolu Kultur“ in Diyarbakir zu verdanken. Hinter der Stiftung steht der Unternehmer Osman Kavala, der sie 2003 gegründet hat. In ihrem Sanat Merkezi (Diyarbakir Kultur Zentrum) bemüht sie sich um eine kulturelle Annäherung zwischen Kurden und Türken. Schon jetzt haben ihre Aktivitäten und grenzüberschreitenden Projektarbeiten einen in der Geschichte der türkischen Republik einmaligen Kulturtransfer zwischen der anatolischen Provinz und den Metropolen im Westen der Türkei möglich gemacht. Die Künstler arbeiten verstärkt mit den Neuen Medien Video und Fotografie und arbeiten bereits für den Nachwuchs aus den eigenen Reihen als Kunsterzieher an den lokalen Schulen. Noch wichtiger ist aber vielleicht, dass diese Förderung dabei ist, die lokale Kultur aus einer langen Isolation zu befreien. Diesen Aufbruch versinnbildlicht auf wunderbar poetische Weise die Videoarbeit „Road to Tate Modern“, 2003, von Sener Özmen und Erkan Özgen. Die beiden Künstler machen sich darin im Sonntagsanzug als Don Quichote und Sancho Panza, auf Pferd und Esel, auf den Weg durch die anatolischen Gebirge, um von Diyarbakir, der Provinz, nach London in die Kunstmetropole schlechthin zu gelangen. Die Unmöglichkeit ist ihr Begleiter. Aber es ist ein mutiger Anfang.

Şener Özmen, oben: "Road to Tate Modern", 2003, Videostill, Video transferred to DVD 07:13 min, Courtesy: Tanas. Unten: Kavşak/ Kreuzung, 2009, C-Print on dibond (framed), 80 x 120 cm. Courtesy: The artist, Outlet Gallery Istanbul. Copyright: Tanas

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Ahmet Öğüt, Things We Count, 2008 (Video Still), Installationsansicht. HD-Video, übertragen auf DVD, 06:20 min, Farbe, Ton. Courtesy: Künstler, Copyright: Tanas Berlin